100 Wochen als Bestseller Nr. 1: 

netzeitung.deDrei Millionen Deutsche sind «dann mal weg»

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Pilgern auf dem Jakobsweg – selten hat man so viel Platz (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Pilgern auf dem Jakobsweg – selten hat man so viel Platz
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Überfüllter Jakobsweg, erleuchtete Leser, heiß laufende Druckmaschinen: Der endlose Verkaufserfolg von Hape Kerkelings Wanderfibel hat krasse Folgen. Den wahren Pilgern wird der Rummel schon wieder zuviel.

Die Menschen zogen über den Jakobsweg, lange bevor Hape Kerkelings Buch über die Pilgerstrecke nach Santiago de Compostela auf den Markt kam. Auch viel Papier wurde über die fast tausend Jahre alte Route zum Grab des Heiligen Jakobus bedruckt.
«Ich bin dann mal weg» – mit dem Erstling des Entertainers wurde alles anders.
Das Buch wurde über Nacht zum Verkaufserfolg, die Zahl der Wallfahrer aus Deutschland und Österreich verdoppelte sich ein Jahr später. Seit 100 Wochen steht Kerkelings Erleuchtungswerk auf dem ersten Platz der Bestsellerlisten von «Spiegel» und «Focus» – und ein Ende ist nicht absehbar.

Mit mehr als drei Millionen verkaufter Exemplare gilt die Chronik einer Selbstfindung als erfolgreichstes deutschsprachiges Sachbuch nach 1945. Und dank Kerkeling hat das Pilgerfieber selbst eingefleischte Atheisten gepackt. Strapazen unter sengender Sonne, muffige Herbergen, verschwitze Wanderklamotten, Blasen an den Füßen – alles egal. Tausende haben sich in den vergangenen zwei Jahren mit Kerkeling im Rucksack auf die Spuren des Komikers begeben. Sie suchen nach ein wenig Spiritualität, hoffen auf etwas Erleuchtung in Nordspanien. Die Zahl der Pilger aus Deutschland kletterte nach Angaben des Pilgerbüros in Santiago von 8000 im Erscheinungsjahr auf knapp 14.000 ein Jahr danach. Damit waren zwölf Prozent aller Pilger, die in Santiago ankamen, Deutsche.
Spaßvogel mit Tiefgang
«Religion ist wieder in», sagt Eva Brenndörfer, Sprecherin des Piper-Malik Verlags. Für ihr Haus sei der Erfolg «völlig überraschend» gewesen. Die Erstauflage lag bei 50.000 Exemplaren, zuweilen seien bis zu 20.000 Bücher täglich verkauft worden. Der Verlag sei manchmal kaum mit dem Drucken nachgekommen. Viele Nicht-Leser seien dank Kerkeling in die Buchhandlungen gelockt worden. Verkaufsfördernd war sicherlich, dass sich der Spaßvogel als Autor mit Tiefgang offenbarte.

Die Rekordzahl ermutigt auch die Kirchen. «Es gibt das Bedürfnis, eine Leere im Alltag zu füllen», versucht Pater Christoph Jan Karlson, den Boom zu deuten. Der Theologe ist Geistlicher Direktor der Katholischen Akademie in Berlin und stellt seit Jahren ein wachsendes Bedürfnis nach «spirituellen Dingen» fest. Kerkelings Buch, mutmaßt Karlson, fülle eine Lücke bei der Selbstsuche.

Antrag auf den Pilgerbrief
Tatsächlich verzeichnen die Pilgergemeinschaften seit Erscheinen der Kerkeling-Fibel regen Zulauf. Wallfahrten liegen im Trend. «Durch das Buch haben wir einen Schub bekommen», sagt Christoph Kühn von der Deutschen Jakobus-Gesellschaft. Mehr als 11.000 Anfragen hat der Verband mit Sitz im katholischen Aachen im vergangenen Jahr bekommen – die Hälfte der Hilfesuchenden beantragten den Pilgerbrief, in den die Stempel der einzelnen Wallfahrt-Stationen gedrückt werden. Nicht nur körperliche Ausdauer treibe die Fahrer an, sagt Kühn. «Entweder suchen sie etwas oder sie haben etwas zu bewältigen», weiß der Kunstwissenschaftler aus vielen Gesprächen.

Noch vor wenigen Jahren wurde der «Camino Francés», wie die Strecke von der spanisch-französischen Grenze in den Pyrenäen nach Santiago de Compostela heißt, von nur wenigen Menschen erkundet. Im Jahr 1987 gingen nur knapp 3000 Pilger auf Wanderschaft, 20 Jahre später waren es 114.000. Schriftsteller wie der brasilianische Bestsellerautor Paulo Coelho mit seinem «Tagebuch einer Pilgerreise» oder die «Spirituelle Reise» von Hollywood-Star Shirley MacLaine verhalfen dem Weg zu weltweiter Bekanntheit.

«Der Weg droht zu kollabieren»
Mit Kerkelings Erfolg begann im deutschsprachigen Raum das Pilgerrennen. Busreisen und Billigflüge, organisierte Fahrten für Individualisten oder Gruppentouren werden mittlerweile angeboten – eine Entwicklung, die Jochen Schmidtke vom Paderborner Freundeskreis der Jakobspilger mit gemischten Gefühlen betrachtet: «Der Weg droht zu kollabieren.» Einsames Wandern gebe es kaum mehr, die Herbergen würden überrannt. Der Freundeskreis unterhält die «Casa Paderborn» in Pamplona. Auch der Konkurrenzgedanke beflügele mittlerweile viele Wanderer. «Da gibt es Menschen, die sich 40 Kilometer am Tag vornehmen – und sprechen dann vom Wunsch nach Entschleunigung in ihrem Leben». (Von Esteban Engel, dpa)