Chaldej-Fotografie:
Der Fake vom Reichstag
22. Jun 2008 14:46
 |  Siegerpose mit Geschichte
| Foto: AP |
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Fast jeder kennt das Bild des Rotarmisten, der die Flagge über dem Reichstag schwingt. Doch die Szene ist gestellt, das Foto von Unliebsamem befreit und retuschiert. Eine Ausstellung würdigt in einer Retrospektive den Schöpfer der Bildidee.
Stolz schwingt ein Rotarmist die sowjetische Flagge von der Kuppel des Reichstages über dem zerstörten Berlin, während im Hintergrund noch Rauchwolken aufsteigen. Das Bild vom Banner des Sieges symbolisiert das Kriegsende in Europa. Dabei ist die Szene gestellt: Für das Foto kletterten die Soldaten nachträglich noch einmal auf den Reichstag, die Idee der Inszenierung hatte der russische Kriegsreporter Jewgeni Chaldej (1917-1997).
«Er hatte die Flagge vorher von einem Nachbarn schneidern lassen, die trug er unter der Uniform», erzählt Ernst Volland, der mit Heinz Krimmer Sammler und Kurator der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin ist. Sie würdigt in einer Retrospektive den großen Unbekannten, der mit seinen Aufnahmen vom Zweiten Weltkrieg, von der Potsdamer Konferenz und den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen fotografische Ikonen des 20. Jahrhunderts schuf.Volland lernte Chaldej Anfang der 90er Jahre in Moskau kennen und schätzt ihn als Dokumentaristen, als den sich der russische Fotograf verstand, obwohl gerade das Reichstagsfoto manipuliert ist: «Von den beiden Uhren, die einer der Soldaten trug, hat er eine wegretuschiert, auf einem offiziellen Propagandafoto sollten keine Beutestücke gezeigt werden. Und dann hat er später zwei aufsteigende Rauchwolken hineinmontiert, um das Ganze zu dramatisieren.»
Kamera aus Brillengläsern
Jewgeni Chaldej, als Sohn jüdischer Eltern in der Ukraine geboren, erfuhr die Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts von frühester Kindheit an. Seine Mutter verlor er durch ein Pogrom, als er gerade ein Jahr alt war. Sein Vater und mehrere Geschwister gehörten zu den von deutschen Truppen ermordeten zwei Millionen sowjetischen Juden.Die Faszination der Fotografie hatte Chaldej früh gepackt, ohne dass er je eine professionelle Ausbildung erhielt. Als Zwölfjähriger baute er sich eine eigene Kamera aus den Brillengläsern seiner Großmutter, die ihm den ersten Apparat kaufte. Die erste Aufnahme veröffentlichte er mit 15 Jahren, zwei Jahre später entstand das Porträt eines Arbeiters vor rauchenden Schloten einer Eisenhütte in seiner Heimatstadt Stalino, das in der Ausstellung hängt: Ein Held der Arbeit, der stolz einen Presslufthammer über der Schulter schwingt.
Berührende Aufnahmen
Nach ersten Arbeiten für Regionalzeitungen wechselte Chaldej 1936 nach Moskau und wurde Korrespondent der Agentur TASS. Sie schickte ihn nach dem deutschen Überfall 1941 als Kriegsfotografen an die Front. Ab 1944 begleitete er den Vormarsch der Roten Armee und dokumentierte die Befreiung von Sofia, Bukarest, Budapest und Wien.Doch Chaldej war nicht nur Chronist des sowjetischen Siegeszuges. Die Retrospektive zeigt berührende Aufnahmen, die vom Leid des Krieges erzählen. Zuweilen halten sie aber auch Gegensätze fest, wie etwa in dem Foto junger Leute beim Sonnenbaden inmitten der Ruinen des befreiten Sewastopol oder der Aufnahme tanzender Paare auf dem Roten Platz in Moskau, den man als Aufmarschplatz kennt.
Jewgeni Chaldej wird gern mit Robert Capa, seinem berühmten amerikanischen Kollegen, verglichen. Bei einer Begegnung 1946 schenkte ihm Capa eine amerikanische Kamera, die er dann für seine ebenfalls weltberühmten Fotos von den Nürnberger Prozessen benutzte. Für die Nahaufnahme von Hermann Göring auf der Anklagebank hatte Chaldej den Platz heimlich mit einem sowjetischen Prozessbeobachter getauscht, den er mit einer Flasche Gin bestochen hatte.
Sorgfältig komponiert
1948 wurde Chaldej, vermutlich aus antisemitischen Gründen, von der TASS entlassen, später arbeitete er für die Parteizeitung «Prawda». Er porträtierte den Diktator Stalin ebenso wie berühmte Künstler, darunter den noch jungen Cellisten Rostropowitsch und den Komponisten Schostakowitsch. Er dokumentierte die moderne Sowjetunion mit ihren Industrieanlagen, aber auch Menschen im Alltag.Der teilnehmende Blick, die ungewöhnliche Perspektive, die seine zumeist sorgfältig komponierten Bilder auszeichnen, zeigt sich vor allem auch hier, betont Kurator Ernst Volland: «Die Qualität der Fotos ist nicht nur in den Kriegsszenen zu sehen, sondern auch in dem Nachkriegswerk.» Mit der Ausstellung, die Chaldej bekannter machen soll, bekommt der Mann hinter den Fotos auch ein Gesicht. (Sigrid Hoff, epd)
Die Ausstellung «Jewgeni Chaldej - Der bedeutende Augenblick. Eine Retrospektive» im Berliner Martin-Gropius-Bau ist noch bis 28. Juli mittwochs bis montags von 10 bis 20 Uhr zu sehen.