Schwarzer und Schmidt lästern: «Keine Lust, diese Post-Girlies zu vertreten»04. Mai 2008 15:39, ergänzt 16:01  |  Hatten sichtlich Spaß in der Paulskirche: Schwarzer und Schmidt | Foto: dpa |
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Bei der Verleihung des Ludwig-Börne- Literaturpreises kritisierte Feministin Schwarzer vor mehreren hundert Zuhörern die deutsche «Girlie-Welle». TV-Moderator Schmidt lieferte ihr in seiner Laudatio die verbalen Vorlagen.
Die selbst ernannten neuen deutschen Mädchen (Girlies) sehen in Alice Schwarzers feministischer Scharfzüngigkeit «olle Rethorik». Doch bei der Vergabe des Ludwig- Börne-Preises an Schwarzer am Sonntag in Frankfurt zeigte sich die Frauenrechtlerin als höchst aufgeweckte Meisterin der respektlosen Zunge. Ätzend und witzig rechneten sie und ihr Laudator Harald Schmidt in der Paulskirche mit der sogenannten neuen Girlie-Welle ab. Vor hunderten Zuhörern rief Schwarzer: «Ich bin, mit Verlaub, liebe späte Mädchen, auch nicht abzusetzen.» Sie kämpfe weiter für Menschenrechte.
Die 65-Jährige verwies auf Bücher wie «Wir Alphamädchen» und «Neue deutsche Mädchen», deren Autorinnen ihren Feminismus teils für überholt erklärt hatten. «Diese späten Mädchen sind Propagandistinnen eines Wellness-Feminismus», sagte die Gründerin der Frauenzeitschrift «Emma». Von ihnen höre man Sätze wie: «Wenn Alice Schwarzer gegen Zwangsheirat und Ehrenmord kämpft, hat das mit uns nichts zu tun.» Sie schwärmten für Pornos und betrachteten Prostitution als - auch noch lustvollen - Beruf.
Hartherzige Post-Girlies Wie es den Zwangsprostituierten gehe, «daran scheinen diese Post-Girlies keine Gedanken verschwendet zu haben», kritisierte sie. Sie dächten im Namen des Feminismus nur an eigene Bedürfnisse und diese hießen Männer und Karriere. Zwangsprostitution sei weiter «ganz und gar ungeil». Es habe sie erschreckt, wie offen man heutzutage seine Hartherzigkeit zeigen dürfe. Jedenfalls hoffe sie, dass sie von nun an nicht mehr als «Vertreterin der Frauenbewegung» tituliert werde. «Ich habe keine Lust, diese Post-Girlies zu vertreten.» TV-Entertainer Schmidt spielte genüsslich auf Charlotte Roches Roman «Feuchtgebiete» an, der unter anderem das Thema Körperbeharrung aufgreift. So werde der Krieg der Generationen bis ins Erotische erweitert, spottete der 50-jährige Schmidt.
In letzter Zeit gebe es neue, jüngere Feministinnen, sogenannte Girlies, für die Schwarzer so etwas sei wie Franz Beckenbauer für den Fußball: nicht wegzudenken, aber nicht mehr aktuell, sagte Schmidt. Doch «da fragen wir, wo die Girlies sind: An der Spitze der deutschen Dax-Unternehmen jedenfalls nicht», meinte er. «Wir brauchen keinen neuen Feminismus, sondern nur genügend Elan, den alten erstmal durchzusetzen», sagte Schmidt. So sehr sprang er Schwarzer zur Seite, dass diese witzelte, vom Schreiben der Laudatio profitiere sicher auch seine Lebensgefährtin.
Kampagnen gewürdigt In der Laudatio würdigte Schmidt auch Kampagnen und Aktionen von Alice Schwarzer. Er erinnerte an die Aktion «Ich habe abgetrieben», die Schwarzer 1971 initiierte, und an ihre lange Freundschaft mit Simone de Beauvoir. Schwarzer sei Beauvoirs Botschafterin in Deutschland, betonte er. «Esther Vilar, Verona Feldbusch und Sepp Maier pflastern Deinen Weg», sagte Schmidt in Anspielung auf Schwarzers Fernsehauftritte - mit Maier saß sie im Rateteam in der Sendung «Ja oder Nein» von Joachim Fuchsberger.
Schmidt lobte Schwarzers Engagement für die von ihr gegründete Frauenzeitschrift «Emma» und erwähnte auch ihre PorNo-Kampagne. Diese habe es in Zeiten, in denen Familienväter Minderjährige in Unterwäsche vom heimischen Sofa aus im Fernsehen anschauen könnten, nicht einfach. «Wenn es um ihre Herzensangelegenheiten geht, kann Alice Schwarzer nerven», sagte Schmidt. «Aber nicht jede, die nervt, hat die Qualitäten von Alice Schwarzer.»
Der Ludwig-Börne-Preis wird seit 1993 jährlich verliehen und ist eine der höchstdotierten literarischen Auszeichnungen Deutschlands. Über den Preisträger entscheidet ein vom Vorstand der Ludwig-Börne-Stiftung benannter Juror in alleiniger Verantwortung. Geehrt werden deutschsprachige Autoren, die im Bereich des Essays, der Kritik und der Reportage Hervorragendes geleistet haben. Preisträger waren unter anderen Henryk M. Broder (2007), Marcel Reich-Ranicki (1995) oder Hans Magnus Enzensberger (2002). (AP)
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