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Karasek: Grass hat Nobelpreis «erschlichen»

14. Aug 2006 21:05
Günter Grass
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Literaturkritiker Hellmuth Karasek hat Günter Grass Unfähigkeit zur Selbstkritik vorgeworfen. «F.A.Z.»-Mitherausgeber Schirrmacher glaubt dagegen, den Grund für Grass' Waffen-SS-Bekenntnis zu kennen.

Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek hat seine Kritik an Nobelpreisträger Günter Grass verschärft. Zwar habe Grass den Preis wie kein anderer Schriftsteller verdient. «Aber ich denke, er hat ihn sich erschlichen», sagte er am Montag im Bayerischen Rundfunk.

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Zuvor hatte Karasek lediglich erklärt, dass Grass «möglicherweise den Nobelpreis riskiert hätte», wenn seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS bekannt gewesen wäre. Die Akademie hätte nach seiner Einschätzung den Nobelpreis nicht an jemanden verliehen, von dem bekannt gewesen wäre, dass er in seiner Jugend in der Waffen-SS war und das lange verschwiegen hat.

Die «schlimmste Sache» sei gewesen, dass Grass im Jahr 1985 Speerspitze der Kampagne gegen den Besuch von Helmut Kohl und Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg gewesen sei, wo auch Angehörige der Waffen-SS liegen. «Und da zeigt sich ein unangenehmer Zug dieses Moralisten, der zu keiner Selbstkritik irgendwie offensichtlich fähig scheint», sagte Karasek.

Weniger scharf urteilt «F.A.Z.»-Mitherausgeber Frank Schirrmacher über Grass. Nach seiner Ansicht kann man Günter Grass die Mitgliedschaft in der Waffen-SS nicht vorwerfen. Schließlich sei er da «noch ein halbes Kind» gewesen. «Aber dass er nie darüber geredet hat, ein Mann der über alles geredet hat - über jedes politische und moralische Thema der Gegenwart - dazu geschwiegen hat, das ist eine große Überraschung», sagte Schirrmacher am Montag dem Hörfunksender hr-info.

«Der Zeitpunkt war verpasst»

Grass hatte in einem Interview der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» am Wochenende erstmals über seine SS-Mitgliedschaft gesprochen. Das Buch «Beim Häuten der Zwiebel», in dem das Thema ausführlich behandelt wird, erscheint im September. Bereits am kommenden Wochenende will die Zeitung eine mehrseitige Beilage zu dem Buch veröffentlichen.

Der «F.A.Z.»-Mitherausgeber glaubt, dass Grass' literarisches Werk unbeschadet bleibe, die Bewertung des politischen Autors werde sich allerdings verändern. Dass Grass so lange geschwiegen hat, habe einen banalen Grund: «Der Zeitpunkt war verpasst. Er hätte es irgendwann spätestens zur 'Blechtrommel' sagen müssen.»

Man könne darüber streiten, ob Grass diese Karriere gemacht hätte, wenn das alles bekannt gewesen wäre. Warum Grass sein Schweigen jetzt gebrochen hat, dafür hat Schirrmacher eine Erklärung: Das Buch «Beim Häuten der Zwiebel» sei die letzte Chance gewesen. Grass werde nächstes Jahr 80. Er wolle in gewisser Weise «das Resümee seines Lebens ziehen».

«Wenn irgend ein Germanist das eines Tages herausgefunden hätte, bei einem Mann, der so auf den Nachruhm erpicht ist, dann hätte Grass die Debatte nicht mehr selber kontrollieren können», sagte Schirrmacher. Er habe Respekt davor, dass ein 80-jähriger Mann in diesen Kampf geht. «Da bin ich auch fasziniert von Grass», sagte Schirrmacher.(nz)


 
 
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