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Computer- und Videospiele: 

«Man muss einfach selber spielen»

13. Mrz 2008 13:16
Er will doch nur spielen: Andreas Rosenfelder
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Kaum ein IT-Bereich boomt derzeit so stark wie Spiele für den PC oder die Konsole. Das wird erstmal so bleiben, sagt Andreas Rosenfelder, Buchautor und leidenschaftlicher Spieler. Maik Söhler sprach mit ihm.

Mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz pro Jahr macht die Spieleindustrie allein in Deutschland. Die Zuwachsraten im Spiele-Sektor liegen bei rund 20 Prozent. Jeder dritte Deutsche greift gelegentlich mal zu digitalen Spielen, egal ob am PC oder an der Spielkonsole.

Diesen Boom beobachtet auch Andreas Rosenfelder. Und er geht sogar noch einen Schritt weiter: Die Spieleindustrie werde in absehbarer Zeit die Filmindustrie ablösen, schreibt er in seinem gerade erschienen Sachbuch «Digitale Paradiese. Von der schrecklichen Schönheit der Computerspiele».

Netzeitung: Welches Spiel beschäftigt Sie derzeit?

Andreas Rosenfelder: In den letzten Wochen habe ich überhaupt nicht gespielt. Der Abschluss des Buches hat dafür einfach keine Zeit gelassen. Hinzu kam ein natürlicher Überdruss an der Thematik nach einem Jahr des Schreibens.

Szene aus Assasin's Creed
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Das letzte Spiel, mit dem ich mich gründlicher beschäftigt habe, war Assasin's Creed, das im letzten Herbst für die Konsolen erschienen ist. Zumindest in die erste der drei Städte, nämlich Damaskus, habe ich es mal geschafft. Es war großartig dort auf den Souks.

PC oder Konsole?

Netzeitung: Das Spiel ist jüngst auch für den PC erschienen. Was spielen Sie lieber – Konsole oder PC?

Rosenfelder: In der Regel Konsole. Das hat sich in den letzten zwei Jahren so entwickelt, weil ich fast nur noch mit Freunden spiele. Früher habe ich viel am PC gespielt: Nach Redaktionsschluss noch ein, zwei Stunden «Need for Speed» zum Runterkommen oder auch mal einen Shooter.

Netzeitung: Auf welcher Konsole spielen Sie am häufigsten?

Rosenfelder: Da ich mich viel und auch beruflich mit digitalen Spielen beschäftige, habe ich alle Konsolen zu Hause. Am häufigsten spiele ich auf der Playstation 2, immer öfter aber auch auf der Playstation 3. Und natürlich mit der Wii, gerade wenn Freunde da sind.

So etwas wie ein natürliches Spieleverhalten, also eines, das nichts mit meinem Beruf zu tun hat, kann ich nur noch selten erkennen. Die Unschuld im Umgang mit Spielen ist verloren gegangen. Ich vermute mal, wenn ich professionell nichts mit alldem zu tun hätte, dann hätte ich nur meine alte Playstation 2. Dann würde ich sicher auch mehr am PC spielen.

Arbeit oder Freizeit?

Netzeitung: Können Sie beim Spielen überhaupt noch zwischen Job und Freizeit trennen?

Rosenfelder: So richtig nicht. Aber es gibt immer doch die Augenblicke, wo man sich komplett im Spiel verliert, nicht zielgerichtet, ohne Verwertungsgedanken, ohne Effizienz und Zeitdruck. Und genau daran, am Zeitgefühl, merke ich manchmal, ob ich das freiwillig oder beruflich mache. Wenn ich vor der Konsole wirklich Zeit verschwende, dann spiele ich nur für mich.

Netzeitung: Davon handelt ja auch Ihr Buch: Sie schreiben, wie sehr das Spielen die Unterschiede von Freizeit und Arbeit einebnet.

Szene aus Leisure Suit Larry
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Rosenfelder: Man daddelt ja nicht nur einfach hedonistisch vor sich. Das ist ein hochdiszipliniertes Arbeiten, protestantische Leistungsethik in Reinform. Und gerade an modernen Konsolenspielen ist das oft auch stundenlange und harte körperliche Arbeit. Nehmen Sie die Sportspiele für die Wii, da ist man am Ende komplett außer Atem.

Trash oder Kultur?

Netzeitung: Interessant an Ihrem Buch fand ich die These, dass digitale Spiele aus der Trash-Kultur stammen. Was überwiegt bei Ihnen – die Liebe zum Trash oder die Liebe zum Spiel?

Rosenfelder: Es ist schon ein wichtiger Punkt, dass man digitale Spiele von Anfang an mit kulturellen Wertungen aus der Hochkultur auflädt. Man braucht einfach eine gewisse Neigung zum Trash, um sich dem ganzen Komplex vorurteilsfrei zu nähern.

Andererseits sehe ich Trash und Spielkultur nicht als Gegensatz. Wer Aversionen gegen die verwilderten Bereiche der Unterhaltungskultur hegt, der wird auch im Spielebereich nicht glücklich. Aber dem werden leider aber auch die vielen kulturell interessanten Aspekte der Spiele verborgen bleiben.

Man kann «Assassin’s Creed» als orientalisches Killerspiel betrachten, aber eben auch als einen hochkomplexen Einstieg in die Kultur und Geschichte des Nahen Ostens und in das Zeitalter der Kreuzzüge.

Netzeitung: Wenn Sie mal die letzte Zeit, die Zeit des Buchschreibens, nicht berücksichtigen: Wie viel Zeit verbringen Sie in der Woche mit Spielen?

Rosenfelder: Ungefähr drei Stunden. Ich bin kein Gewohnheitsspieler, wenn ich spiele, dann meistens mit Freunden oder Kollegen. Wir verabreden uns dann bei irgendwem im Wohnzimmer.

Das ist heute ein ziemlich anderes Spieleverhalten als früher, in den Zeiten meiner Abschlussarbeit an der Universität und auch in den ersten Jahren als Journalist: Da war das Spielen am PC ein Gegengewicht zum routinemäßigen Home-Office-Alltag, eine Art Ritual der Reinigung. Als freier Autor hatte ich Teile meiner Wohnung in ein Büro verwandelt und mit Papieren und Arbeit überfrachtet. Ein, zwei Stunden Spielen half mir, diesen Bereich wieder in Privatsphäre zurückzuverwandeln.

Eskapismus oder Realität?

Netzeitung: Das erste Videospiel, an das Sie sich erinnern, war …

Rosenfelder: Puh, weiß nicht. Das war jedenfalls Mitte der achtziger Jahre auf dem C64 meines Cousins, ich selbst hatte ja keinen. Könnte sogar «Leisure Suit Larry» von Sierra gewesen sein. Wir haben dort so viel gespielt, meistens Sierra-Adventures. Oder war es «Babarian»? «Boulder Dash»? «Donkey Kong» war sicher auch unter den ersten Spielen.

Szene aus Boulder Dash
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Die C64-Ästhetik hat mich auf jeden Fall geprägt, diese magentafarbenen Hintergründe, das ist so eine archaische Urform, wie die Malerei des Mittelalters in der Kunstgeschichte.

Netzeitung: Ist Spielen für Sie eher eine Art Eskapismus, eine Weltflucht, die angesichts des stressigen Alltags ihre Berechtigung hat, oder geht es darum, die Welt anders zu erfahren?

Rosenfelder: Die Spielewelt ist eine Welt der Paradoxien, und deswegen lautet die Antwort: Beides ist der Fall. Eskapismus ist ein wichtiger Grundantrieb fürs Spielen. Daher auch der Buchtitel: «Digitale Paradiese», der ja auf Baudelaires «Künstliche Paradiese» anspielt. Paradiese also im Sinne von rauschhaften Inselwelten, von Gegenwelten zum durchorganisierten Alltagsleben.

Aber mitten in diesen eskapistischen Inselwelten holen einen dann die Strukturen der Erstwelt mit voller Wucht wieder ein. Alles, wovor man flieht, ist da: Arbeit, Leistung, Druck, Konkurrenz. Aber eben in anderer, verzauberter Form. Das macht die bekannten Alltagsphänomene wieder spannend. Kennen Sie «Katamari Damacy»?

Komplex oder einfach?

Netzeitung: Nein.

Rosenfelder: Ein japanisches Spiel, in dem sich nichts vom wirklichen Leben wiederfindet, voller absurder Traumlogik. Man rollt mit einer Kugel über den Erdball, an der alles klebenbleibt, was kleiner ist als sie. Am Ende sogar der Eiffelturm und die Ölfelder am Golf. Das ist Eskapismus pur.

Netzeitung: Haben Sie ein Lieblingsspiel?

Szene aus Psychonauts
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Rosenfelder: Vielleicht «Psychonauts», erschienen vor gut zwei Jahren, ist damals gar nicht groß beachtet worden. Dieses Konsolenspiel handelt davon, dass ein paar Jugendliche in einem Sommerferienlager zu Psychonauten ausgebildet werden – anschließend können sie in die Gehirne anderer Menschen reisen und die Inhalte von deren Bewusstsein betrachten, zum Beispiel kitschige Tiffany-Lampen oder Zensoren, die mit großen Stempeln herumlaufen. Ein aberwitziges Spiel, das die nostalgische Sommerferienlager-Atmosphäre mit der bizarren Reise in anderleuts Gehirne verbindet.

Ansonsten habe ich auch ganz profane Vorlieben: «Need for Speed – Most Wanted» oder «Fear» als Ballerspiel.

Ballern oder nicht?

Netzeitung: Bauen Ballerspiele Aggressionen auf oder ab?

Rosenfelder: Tendenziell leiten sie Aggressionen ab. In den künstlichen Welten wird das Aggressionspotenzial, das fast jeder Spieler mit sich bringt, ganz gut kanalisiert.

Natürlich wird man durch das Spielen selbst manchmal aggressiv, man agiert diese künstliche Wut aber auch genau dort wieder ab. Ist das Spiel vorbei, dann läuft ein kurzer Realtitätscheck ab und der Überhang an Aufregung löst sich in Nichts auf.

Netzeitung: Dieser Realtitätscheck kann schon seltsam sein. Wenn ich zwei, drei Stunden an der Konsole ein Ballerspiel verfolgt habe und anschließend auf die Straße gehe, zoome ich die ersten paar Minuten lang die Umgebung ab – wie durch ein Zielfernrohr. Vielleicht braucht ein 16Jähriger länger als ein paar Minuten, um in die Realität zurückzukehren.

Rosenfelder: Ja, man bewegt sich wie mit Pfeiltasten und checkt erstmal die Hauseingänge auf potenzielle Feinde mit Waffen.

Andreas Rosenfelder (l.) und sein Kollege Jörg Rohleder im Multi-Technik-Selbstversuch
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Es ist Unfug, so zu tun, als sei das alles nur ein Spiel. Es gibt eine Reststrahlung, die in den Alltag hineinwirkt, eine Übergangsphase. Aber die gibt es im Sport auch. Wenn Leute aus dem Fußballstadion kommen, tragen sich auch oft noch Aggressionen und Frustrationen mit sich herum. Aber 99 Prozent dieser Leute können mit dieser Wut umgehen und bauen sie ab, ohne ihre Außenwelt damit zu behelligen. Der Rest sind pathologische Fälle, egal ob beim Fußball oder an der Konsole. Die finden ihren Input an Aggressionen immer irgendwo.

Netzeitung: Mit wem würden Sie gerne mal zusammen einen Ego-Shooter spielen?

Rosenfelder: Sie meinen die Gegner dieser Spiele? Ich weiß gar nicht, ob sich an Günther Becksteins Auffassung von Gewaltspielen etwas ändern würde, aber einen Versuch wäre es wert. Er müsste das schon selber spielen, Spiele kann man sich nicht zeigen lassen.

Mit Hillary Clinton könnte das auch ganz interessant sein, die hat sich schon ein paar mal dezidiert zur Thematik geäußert.


Andreas Rosenfelder hat jahrelang für die «FAZ» geschrieben, u.a. über Computerspiele und digitale Welten. Seit Februar 2007 arbeitet er als Kulturredakteur beim Magazin «Vanity Fair»; Andreas Rosenfelder: Digitale Paradiese. Von der schrecklichen Schönheit der Computerspiele. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 192 S., 8,95 Euro.

 
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