Interview mit Teilnehmerin der World Cyber Games: 

netzeitung.de«Ich führe ein geregeltes Leben»

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Julia Syrer (Foto: privat<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Julia Syrer
Foto: privat
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

LAN-Partys werden abgesagt, Strategiespiele zu Killerspielen erklärt. «Das ist verantwortungslos», sagt E-Sportlerin Syrer. Ein Interview über Missverstädnisse und die Lust am Spielen anlässlich der Games Convention.

«Ich habe gleich die ganze Nacht durchgespielt, weil es so viel Spaß gemacht hat», sagt Julia Syrer. Zehn Jahre ist das jetzt her, als sie mit dem Strategiespiel «Starcraft» zum ersten Mal online ging. Auf der Games Convention Online in Leipzig tritt sie im Rahmen der World Cyber Games bei den deutschen Endausscheidungen an. Doch im Hintergrund brodelt die Diskussion um das Verbot von LAN-Partys und Actionspielen. Macht das Zocken da überhaupt noch Spaß? Die 25-jährige E-Sportlerin im Interview.

Netzeitung: Sie arbeiten in der Verwaltung. Wissen die Kollegen um ihre Leidenschaft?

Julia Syrer: Ja, sie sind auch immer sehr daran interessiert, Neues von mir zu hören.

Netzeitung: Weil sie auch schon Erfahrungen mit Computer- und Videospielen haben oder weil es ihnen völlig fremd ist?

Syrer: Sie sind überwiegend älter und kennen sich überhaupt nicht aus. Aber natürlich interessieren sie sich dafür, was ich am Wochenende mache, und da kommt man halt ins Gespräch.

Netzeitung: Seit mehreren Jahren diskutieren Pädagogen und Politiker, inwiefern Spiele mit Gewaltinhalten schädlich sind und zu Gewalttaten führen. Neuerdings geht es auch vermehrt um den Suchtfaktor. Ist ihnen noch niemand damit vor den Kopf gestoßen?

Syrer: Nein, in meinem direkten Umfeld nicht. Die Leute kennen mich ja. Sie sehen, dass ich ein geregeltes Leben führe und meinem Job nachgehe. Ich unternehme auch noch andere Sachen, bin nicht unentwegt am Zocken. Also, ich verwahrlose nicht. (lacht)

Netzeitung: Das verwundert schon ein bisschen, dass niemand etwas sagt.

Syrer: Früher gab es immer Diskussionen mit meinen Eltern, aber da war ich ja auch noch viel jünger. Doch wenn man es ganz genau nimmt, dann gibt es da momentan schon jemanden, der etwas dazu sagt, nämlich meine Mutter. Letztens habe ich ihr erzählt, dass ich eventuell an einer Podiumsdiskussion zum Thema Killerspiele teilnehme, und da hat sie doch allen Ernstes gesagt, sie hoffe, dass ich für das Verbot wäre. Da war ich schon ein bisschen verdutzt.

Netzeitung: Woher kommt das wohl?

Syrer: Von den Medien, denke ich, von deren einseitigen Berichterstattung. Gerade die älteren Menschen, die gar keinen Bezug zu Spielen haben, übernehmen deren Meinung. Und dabei haben sie meistens keine Ahnung. Das ist verantwortungslos, was die Medien anrichten, und allem voran die Politiker.

Netzeitung: Mittlerweile zieht das weite Kreise. Plötzlich werden LAN-Partys abgesagt, obwohl es die es schon seit Jahren gibt. Haben sie das schon persönlich miterlebt?

Syrer: Ja, ich nehme schon seit langem an der Convention Xtreme in Karlsdorf-Neuthard teil, hatte mich also auch in diesem Jahr dafür angemeldet. Als ich mitbekommen habe, dass wegen des Verbots von «Warcraft 3» und «Counterstrike» seitens des Bürgermeisters die Veranstaltung abgesagt werden musste, war ich sprachlos. Zumal «Warcraft 3» ab 12 und «Counterstrike» ab 16 ist, und die Xtreme selbst nur Spieler ab 18 zulässt. Das ist echt schade, die LAN-Party fand schon 13-mal oder so statt und immer lief alles friedlich ab.

Netzeitung: Dies war nicht die einzige Veranstaltung, die abgeblasen wurde. Macht ihnen diese Entwicklung Angst?

Syrer: In gewisser Weise schon. Ich bekomme mehr und mehr den Eindruck, dass die anfängliche Akzeptanz unter den älteren Generationen schwindet. In den Medien wird meist nur negativ berichtet und die Politiker verwenden die Debatte dazu, um sich für die kommenden Wahlen zu profilieren.

Netzeitung: Welche weiteren Konsequenzen befürchten sie infolgedessen?

Syrer: Ich mache mir Sorgen, dass der E-Sport in Deutschland generell zu einer Randerscheinung wird. Denn eigentlich sind wir in den letzten Jahren ja auf dem Weg in die andere Richtung gewesen. Womöglich werden uns dann auch die Sponsoren weglaufen.

Netzeitung: Andererseits gehen die Spieler jetzt auf die Straße und demonstrieren, fordern ihre Rechte ein. Bringt das nichts?

Syrer: Sicher, wenn die Spieler demonstrieren, dann ist das auf jeden Fall gut und hilfreich. Dennoch mache ich mir Sorgen, dass sich jetzt zwei Fronten bilden. Bislang hatte ich schließlich eher den Eindruck, als ob alles zusammengewachsen wäre. Die ältere Generation hat LAN-Partys nicht nur akzeptiert, sie hat sich auch dafür interessiert, was da geschieht. Mit einem Verbot ändern sich die Dinge schlagartig. Es kommt zu mehr Auseinandersetzungen, zu mehr Konflikten. Das ist völlig unnötig, finde ich.

Netzeitung: Hinzu kommt die Online-Petition, die ein generelles Verbot von Actionspielen fordert. Ist das nicht zu allgemein?

Syrer: Allein dass «Warcraft 3» in den Medien zu den Killerspielen gezählt wird, kann ich irgendwie nicht nachvollziehen – ein Strategiespiel! Das deutet meiner Meinung nach daraufhin, dass sie sich nicht ausreichend mit der ganzen Materie auseinandersetzen. Dabei haben doch Medien und Politiker eine große Verantwortung.

Wenn jemand Spiele mit Kinderpornografie und Drogen auf eine Stufe stellt, dann hat das eine verheerende Wirkung. Man muss sich darüber bewusst sein, dass dies Meinungen in der Öffentlichkeit prägt. Aber das scheint irgendwie nicht der Fall zu sein. Alles wird in einen Topf geworfen. Da muss ich selbst als «Starcraft»-Spielerin Angst haben, dass mein Spiel verboten wird. Und das ist wirklich erschreckend.

Mit Julia Syrer sprach Frank Magdans