Debatte um Alterseinstufung : 

netzeitung.deComputerspiel-Sucht nur noch ab 18

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Szene aus 'World of Warcraft - Wrath of the Lich King' Screenshot: nz (Screenshot: nz<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Szene aus 'World of Warcraft - Wrath of the Lich King' Screenshot: nz
Screenshot: nz
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Niedersachsen prescht beim Schutz vor Computerspiel-Sucht vor: «World of Warcraft» soll Jugendlichen nicht mehr zugänglich gemacht werden, Testkäufe wurden angekündigt. Auch die «Killerspiel»-Debatte geht weiter.

Die niedersächsische Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann will Jugendliche von süchtig machenden Computerspielen ausschließen. Die CDU-Politikerin kritisierte am Montag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer besonders das Suchtpotenzial des Online-Spiels «World of Warcraft» (»WoW»).

Nach einer Studie Pfeiffers ist jeder fünfte «WoW»-Nutzer abhängig oder von Sucht bedroht. Ross-Luttmann und Pfeiffer verlangten, dem Spiel die Freigabe für Jugendliche zwischen zwölf und 18 Jahren wieder zu entziehen. Die CDU-Politikerin forderte zudem, künftig auch reine Online-Spiele durch die Unterhaltungssoftware-Selbstkontrolle (USK) auf ihre Eignung für Minderjährige prüfen zu lassen.

Bislang würden Online-Spiele der USK überhaupt nicht vorgelegt, kritisierte sie. Die Sozialministerin kündigte auch die Einführung von Testkäufen an, um den Verkauf von als jugendgefährdend eingestuften Computerspielen an Minderjährige zu unterbinden. Die Aktion solle wie die Testkäufe von Alkoholika durch Jugendliche organisiert werden. «Bei Verstößen gegen die Altersgrenzen haben die Verkäufer mit einem Bußgeld zu rechnen», sagte Ross-Luttmann.

Bei der USK stößt der Vorstoß aus Niedersachsen auf Kritik. «Man sieht Spielen nicht an, ob sie exzessives Spielverhalten fördern», sagte USK-Geschäftsführer Olaf Wolters der dpa. Seiner Auffassung nach gibt es ausreichend Kontrollmechanismen, die eine Anhebung der Altersgrenze unnötig machten. So könnten Eltern zum Beispiel mit sogenannten Spielzeitbegrenzern bereits jetzt ihren Kindern feste Spielzeiten vorgeben.

Mehr Spiel- als Unterrichtszeit
Der Kriminologe Pfeiffer schätzte die Gesamtzahl der Computerspiel-abhängigen Jugendlichen auf 50.000 bis 60.000 deutschlandweit. 15-jährige männliche «World of Warcraft»-Spieler würden im Schnitt täglich 3,9 Stunden mit dem Spiel verbringen. Damit würden sie mehr Zeit in das Spiel als in ihren gesamten Schulunterricht investieren.

Die bislang für das Spiel geltende Freigabe ab zwölf Jahren sei nicht mehr verantwortbar, sie müsse auf 18 Jahre angehoben werden. Durch einen Entzug der Altersfreigabe würde das Spiel automatisch als jugendbeeinträchtigend, aber noch nicht als jugendgefährdend gelten. Es dürfe noch offen in Geschäften ausliegen, aber nicht mehr an Jugendliche verkauft werden. Der Entzug der Alterfreigabe werde den Hersteller empfindlich treffen, sagte Pfeiffer, da das Spiel gegen einen Gebühr von zwölf Euro im Monat online betrieben werde.

Pfeiffer betonte, dass das Spiel nicht wegen seiner Brutalität die Alterfreigabe verlieren solle. Zwar sei «World of Warcraft» längst nicht mehr so harmlos wie in den Anfangsjahren. «Es soll aber nicht aus diesem Grund, sondern als Suchtmacher Nummer 1 die Alterfreigabe verlieren», sagte Pfeiffer. Der Kriminologe forderte zudem, Computerspielsucht von Kindern und Jugendlichen künftig als Krankheit einzustufen. Bislang würden die Krankenkassen bei dieser Sucht Therapiekosten noch nicht übernehmen.

Debatte um Computerspiele und Gewalt
Gewalttaten wie in Winnenden lassen sich Pfeiffer zufolge allein mit brutalen Computerspielen allerdings nicht zu erklären. In Verbindung mit weiteren Gefährdungen förderten diese Spiele aber die Aggressivität. Bei einem Amoklauf kämen noch weitere Faktoren hinzu. «Ohnmächtige Wut ist der Ausgangpunkt für solche Taten», sagte Pfeiffer. Gerade gefährdete Jugendliche, die im Leben arm seien, seien von der virtuellen Welt der Computerspiele fasziniert und wollten dort Erfolge erzielen. Auf dem Rechner von Tim K., dem Amokläufer von Winnenden, waren nach Informationen des «Spiegel» die Spiele «Counter-Strike», «Far Cry 2» und «Tactical Ops» gefunden worden.

Bei Computerspielen, in denen die Ausübung von Gewalt im Vordergrund stehe, setzt Sozialministerin Ross-Luttmann auf eine Sensibilisierung des Handels. So kündigte sie verdeckte Computerspiel-Testkäufe an. Verkäufer, die «Killerspiele» an Minderjährige abgeben, müssten mit einem Bußgeld rechnen. Möglich seien Summen bis zu 50.000 Euro. Die Ministerin will ihren Vorschlag bei der nächsten Konferenz der Jugend- und Sozialminister von Bund und Ländern auf die Tagesordnung bringen.

Die aktuellen Pläne seien nicht erst eine Reaktion auf den Amoklauf in Winnenden, unterstrich Ross-Luttman: «Es wäre falsch, so schnell nach diesem Ereignis in Aktionismus zu verfallen.» Zunächst einmal hätten die Opfer und deren Angehörigen Ruhe verdient, um das Schreckliche zu verarbeiten. Ein direkter Zusammenhang zwischen Computerspielen, in den Gewalt im Vordergrund steht, und Amokläufen wurde bislang nicht nachgewiesen. (AP/dpa/epd/nz)