12.03.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Fast schon reflexhaft reagiert die Politik auf den Amoklauf von Winnenden mit Forderungen nach einem «totalen Verbot von Computer-Gewaltspielen». Welche Spiele Tim K. überhaupt gespielt hat, ist nicht bekannt.
Der Amokläufer von Winnenden hat «Counter-Strike» gespielt. Nach Angaben des Polizeisprechers Nikolaus Brenner vom Donnerstag seien im Haus der Eltern von Tim K. mehrere Computer beschlagnahmt worden.
Darauf hätten sich typische Computer-Spiele gefunden, in denen geschossen werde, unter anderen der Ego-Shooter Counter-Strike. Auf einer Pressekonferenz um elf Uhr sagte Polizeisprecher Klaus Hinderer am Donnerstag in Waiblingen: «Das Motiv hängt mit dem Internet zusammen». Auf den Computern des 17-jährigen Exschülers der Realschule wurde nach seinen Angaben eine Variante von «Counter-Strike» gefunden. Darin sei ein Teil des Motivs für den Amoklauf zu sehen.
Tim K. hat also tatsächlich «Counter-Strike» gespielt. Damit befindet er sich in Gesellschaft von Millionen Spielern in aller Welt. Inklusive aller Varianten und Erweiterungen lagen die vom Hersteller Valve genannten Verkaufszahlen im Novermber 2008 bei 11.100.000 Spielen. Gäbe es einen direkten Zusammenhang zwischen Counter-Strike-Spielern und Amokläufern, müsste einen bei diesen Zahlen die nackte Angst befallen
«Völlig unerträglich»Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) ist da schon weiter. Nach dem Amoklauf in Winnenden sprach er sich für ein Verbot von Computer-Gewaltspielen aus. Noch sei nicht klar, ob solche Spiele bei dem 17-jährigen Täter eine Rolle gespielt haben, sagte Herrmann am Donnerstag im Bayerischen Rundfunk. Es seien aber Killerspiele auf dem Markt, die «völlig unerträglich» seien und gerade bei jungen Menschen Hemmschwellen herabsetzten.
Es gebe Spiele, die den Spieler in die Rolle des Gewalttäters versetzten, um «andere Menschen hemmungslos abzuknallen». «Solche Spiele haben meines Erachtens bei uns nichts verloren», sagte der CSU-Politiker. Herrmann wandte sich zugleich gegen Forderungen nach Metalldetektoren und bewaffneten Sicherheitsposten an deutschen Schulen. «Ich kann mir nicht recht vorstellen, dass das das Schulleben ist, das wir uns letztendlich wünschen», sagte der Minister.
Totales Verbot von Computer-GewaltspielenAuch der Präsident der Deutschen Stiftung für Verbrechensbekämpfung Hans-Dieter Schwind hat nach dem Amoklauf von Winnenden ein totales Verbot von Computer-Gewaltspielen sowie eine weitere Verschärfung des Waffenrechts gefordert. Der «Neuen Osnabrücker Zeitung» sagte der Professor für Kriminologie: «Dass der 17-Jährige auf der Flucht noch weiter um sich geschossen hat, ist ein Verhalten, das Jugendliche auch in Spielen wie Counter Strike oder Crysis lernen können.»
Computerspiele und Gewalt waren am Mittwochabend auch in Frank Plasbergs ARD-Talkshow «Hart aber Fair» Thema. Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, und Wolfgang Bosbach (CDU) forderten nach dem Amoklauf nicht näher bestimmte Konsequenzen für den Umgang mit Computerspielen, in denen die Gewalt dominiere. Tom Westerhold, «Computerspiel-Experte» des WDR, hielt dagegen: Es dürfe nicht um ein Verbot gehen, sondern allenfalls um die Altersfreigabe.
Mahnende StimmenZum Glück bleibt die Forderung nach einem «totalen Verbot von Computer-Gewaltspielen» nicht unwidersprochen. Der «Kölner Stadtanzeiger» schrieb am Donnerstag: «Glücklicherweise haben Politiker bis jetzt darauf verzichtet, 'Killerspiele' zu verbieten. Nicht Spiele machen Jugendliche zu Tätern. Es sind Defizite in der Familie und in ihrem Umfeld, die sie in die Welt der Spiele und der monströsen Selbstdarstellungen im Internet flüchten lassen, wo sie den Rächer spielen können. Nicht der 'Sog des Bösen' zieht junge Menschen in eine solche Scheinwelt, sondern ein Mangel an Selbstwertgefühl und gleichzeitig eine abnorme Selbstüberschätzung.»
Und die österreichische Tageszeitung «Der Standard» erinnerte daran, dass nach dem Amoklauf von Erfurt im April 2002 im deutschen Jugendschutzgesetz «strengere Auflagen für Gewaltvideos und Computerspiele verankert» wurden. Die Debatte geht weiter. (AP/dpa/epd/nz)