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Rechtsextreme im Internet: 

Neonazis - zu blöd zum Bloggen

04. Apr 2008 14:30
Rechte Maustaste: NPD-Fahne
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In der realen Welt feiern sie in manchen Bundesländern Erfolge. Im Internet gilt das nicht, findet Burkhard Schröder. Dort stehen sich Neonazis gegenseitig im Weg rum und wissen nicht, was sie sagen sollen.

Neonazis im Internet — gibt es die noch? Ja und nein: Die ultrarechte Szene hat ihre Auftritte im World Wide Web professionalisiert. Parallel dazu wird es für Rechtsextremisten immer schwieriger, ihre Weltanschauung an den Surfer zu bringen. Wenn es im Web 2.0 interaktiv wird, versagen die braunen Kameraden jämmerlich.

Die ersten beiden Nazis im Netz waren US-Amerikaner. Milton John Kleim gründete 1993 das Ein-Mann-Unternehmen «Aryan News Agency» und versuchte die braunen Kameraden zu lehren, wie man online Hass-Propaganda macht. Sein Traktat «On Tactics and Strategy for Usenet» verbreitete er im ältesten Teil des Internet, in den Diskussionsforen («Newsgroups»), weil noch kaum jemand das Word Wide Web benutzte.

Zwei Jahre später brachte Don Black Stormfront.org ins Netz, die erste Nazi-Website, die bis heute online ist. Die deutschen Rechtsextremisten hatten derweil aufs falsche Pferd gesetzt: Die NPD versuchte damals, per Bildschirmtext (BTX) zu werben; und die militante Szene setze auf das technisch veraltete Bulletin Board System.

Zwar ging das Thule-Netz mit den üblichen Schlagworten «Bombenbauanleitungen», «verschlüsselte Kommunikation», «gefährliche Propaganda» durch alle Medien; in den ein Dutzend Mailboxen diskutierten aber nie mehr als 100 Ultrarechte. Die rechten Mailboxen starben vor über einem Jahrzehnt einfach aus.

Hohe Fluktuation

Heute gibt es in Deutschland immer noch nicht mehr Aktivisten, die Rassismus und Antisemitismus im Internet verbreiten. Eine allgemeine Online-Strategie der Neonazis ist nicht zu erkennen. Die Wahlerfolge der NPD in einigen Regionen der neuen Bundesländer spiegeln sich nicht wieder: Weder hat die Zahl der Websites rechtsextremer Gruppen zugenommen, noch nutzen sie das Medien zeitgemäß, um Propaganda zu betreiben.

Die Fluktuation ist hoch, kaum eine eine rechtsextreme Diskussionsplattform ist über eine längere Zeit und kontinuierlich online. Nur ein halbes Dutzend Websites aus dem ultrarechten Milieu, die relevante Nutzerzahlen vorweisen können, muss politisch ernst genommen werden. Mit Ausnahme der NPD wird keine davon in Deutschland gehostet.

Altermedia

Altermedia.info und Freier-widerstand.net («Das nationale Infoportal») sind die beiden einflussreichsten Neonazi-Websites. Sie wenden sind an die «unabhängigen» und militanten Gruppen, die so genannten «freien Kräfte», die im Gegensatz zur offiziellen Parteilinie der NPD stehen.

Der Stralsunder Neonazi Alex Möller, Betreiber von Stoertebeker.net, beliefert auch die deutsche Sektion von Altermedia. Möller ist so gut wie mit allen braune «Kameraden» zerstritten — das macht ihn «unabhängig».

Sowohl «Altermedia» als auch der «Freie Widerstand» bieten eine Art tägliche Presseschau und leben davon, Artikel aus den Medien einschlägig kommentiert aufzubereiten. Altermedia war als eine rechtsextreme Version von Indymedia geplant, verhält sich aber von der Meinungsvielfalt der Kommentare wie das DDR-Staatsfernsehen zum Offenen Kanal.

Interakti- was?

Auch im Internet gelten die Gesetze des freien Marktes für Meinungen. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Die NPD verbreitet online nur Propaganda im Frontalunterricht, vor den typischen Features der Interaktivität wie Foren, Kommentare und anderen Meinungen fürchtet man sich — nach dem Motto: Wo kämen wir denn hin, wenn bei uns Fremde schreiben dürften.

Nazis können einfach nicht bloggen. Die Websites der NPD und die der «freien Kameradschaften» verbreiten Vorurteile und mehr oder minder subtile Hetze. Dagegen helfen Argumente nichts. Das Web 2.0 lebt aber von der öffentlichen Diskussion, von deftigen Kommentaren, ja von unterhaltsamen verbalen Kriegen —
den so genannten «flame wars».

Die Konsum-Falle

Private «Weltnetz-Tagebücher» aus der rechtsextremen Ecke gibt es nicht: Wer interessiert sich dafür, ob jemand heute schon das braune Hemd gewechselt hat oder für das ewige Jammern über den angeblichen großen Einfluss der Juden?

Neonazis stehen politisch und ästhetisch in direkter Konkurrenz zu zahllosen anderen Websites: Die Gegenmeinung ist immer nur einen Mausklick entfernt. Die Rechtsextremen laufen in die virtuelle Konsum-Falle: Wollen sie so interessant sein wie andere Angebote im Netz, müssten sie auf direkte politische Indoktrination verzichten und damit ihre «Corporate Identity» verwässern. Das machte sie aber unattraktiv für die eigentliche Klientel.

Gut besuchte Seiten

Die gut besuchten rechten Websites wie der deutsche «Wikingerversand» oder die englische «Blood and Honour» wollen zumeist etwas verkaufen, Musik, Kleidung, einschlägige Devotionalien. Wer sich aber für Nazi-Film-DVDs wie das antisemitische Machwerk «Der ewige Jude» oder «Jud Süß» online interessiert oder sich beim ultrarechten Zeitzer Online-Shop Enos über die Reichsflugscheiben »aufklären« lassen will, dem ist vermulich ohnehin weltanschaulich nicht mehr zu helfen.

Das Internet lässt gut gemeinte Zensurversuche natürlich ins Leere laufen: Stromfront.org wird in Nordrhein-Westfalen ausgefiltert; mit ein paar Mausklicks kann man aber diese primitive Methode umgehen, dem Guten, Schönen und Wahren zum Erfolg verhelfen zu wollen.

So dumm, wie sich Rechtsextreme im Internet anstellen, gerieren sich leider auch oft ihre Gegner. Der naive Ruf »Nazis raus aus dem Internet« mag das Gewissen beruhigen, ist aber ungefähr so effektiv wie die moraltheologische Forderung, das Böse doch endlich aus der Welt zu schaffen.

»Wir dürfen unsere Meinung hier nicht verbreiten«, ist das einzig wirklich gefährliche Argument der deutschen Neonazis. Es fußt auf der Tatsache, dass nationale Gesetze im Internet ins Leere laufen, wenn es um — wenn auch eklige — politische Ideen geht. Wer unappetitliche braune Brühe essen mag, der wird das tun; offline wie online.


 
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