08.09.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Zur richtigen Zeit am falschen Ort
Mit einem «Internet-Manifest» haben sich 15 Alpha-Blogger und bekannte Online-Journalisten in die Debatte um die Zukunft des Journalismus eingemischt. Sie hätten es auf diese Weise besser nicht getan, meint Maik Söhler .
Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Internet. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet: der Print und das TV, von der Leyen und Burda, französische Präsidenten und deutsche Polizisten des Bundeskriminalamts.
Fügt man einige, wenige Schlüsselworte des am Montag von 15 namhaften deutschsprachigen Bloggern und Online-Journalisten veröffentlichten «Internet-Manifests» in die ersten Zeilen des Manifests der Kommunistischen Partei von Karl Marx und Friedrich Engels ein, so entsteht der Text für ein mutiges Dokument des Widerstands gegen die Vorherrschaft der alten Medienseilschaften aus Print, TV, Politik und Interessenverbänden.
Die «17 Behauptungen» des «Internet-Manifests» – Untertitel: «Wie Journalismus heute funktioniert» - haben diesen Mut leider nicht. «Das Internet ist anders», lautet die erste Behauptung und man muss lange suchen, um jemanden zu finden, der da widerspräche. Mit den meisten der anderen Behauptungen («Das Netz verlangt Vernetzung», «Qualität bleibt die wichtigste Qualität») verhält es sich ähnlich.
An alle Internet-AusdruckerWir wollen fair bleiben und müssen dafür erst mal ein großes Missverständnis klären: Die Kritik, die den Verfassern des Manifests im Netz derzeit um die Ohren gehauen wird, ist nur in Teilen berechtigt. Das Problem ist, dass so gut wie jeder Onliner sich angesprochen fühlt und vom eher dürftigen Inhalt des Manifests enttäuscht ist. Dabei sind die Adressaten ganz andere. Das Schreiben richtet sich an Verlagsleiter und Print-Redakteure, Politiker, Wirtschafts- und Verbandsvertreter oder anders gesagt: an Offliner und Internet-Ausdrucker.
Ihnen wollen die Onliner etwas mitgeben, damit in der vorherrschenden Debatte über den Niedergang des Journalismus (und wie ihm zu begegnen sein könnte) neben den üblichen Verdächtigen (Burda, Springer, Kulturstaatssekretär, Justizministerin, Google-Sprecher etc.) und den üblichen Themen (Paid Content, Google-Monopol, Investition in Qualität etc.) auch mal andere übliche Verdächtige (Stefan Niggemeier, Johnny Haeusler, Kathrin Passig, Mercedes Bunz etc.) zu anderen üblichen Themen (Dialog, Partizipation, Information, Meinungsfreiheit etc.) zu Wort kommen.
Demokratische InterventionIn diesem Sinne stellt das Manifest ein Dokument der (netz-)demokratischen Intervention dar. Es fordert, die Online-Realität und neue Formen der Veröffentlichung von Wort, Bild und Ton zumindest zur Kenntnis zu nehmen; das Internet als Ort zu begreifen, der von vielen Menschen besucht wird; es nicht zu zensieren, sondern im Gegenteil die Menge an Informationen und Meinungen durch guten Journalismus zu fördern; Links zu setzen, Zitate auszuweisen, die Leser an Diskussionen zu beteiligen; ins Netz zu investieren anstatt es zu bekämpfen; schließlich auch offen für neue Wege der politischen Artikulation und ökonomischen Sicherung («Urheberrecht») zu sein.
Nichts davon ist neu, nichts davon ist spektakulär oder gar radikal. Engagierte Online-Bürger appellieren an Offline-Verantwortliche in Politik, Wirtschaft und Medien und das in einer polit-ökonomisch-administrativen Sprache, die der der Kontrahenten zum Verwechseln ähnlich ist – «Eckpfeiler der Informationsordnung», «vertretbare Formen der Refinanzierung», «Überführung der politischen Diskussion». Entsetzt wenden sich die Onliner ab, das ist nicht ihre Sprache, das ist nicht ihr Manifest und mitreden durften sie beim Verfassen auch nicht.
Stand was in der «Zeit»?Der Adressat aber wundert sich. Hat da einer was gesagt? Im Feuilleton der «FAZ», der «Süddeutschen», des «Spiegel» stand doch gar kein Manifest? Kein Mitarbeiter kann die Aufzeichnung des dreiminütigen Interviews mit Sascha Lobo in den Tagesthemen vom Montagabend vorlegen, niemand hat die Statements von Markus Beckedahl in der Sondersendung von Deutschlandradio Kultur mitgeschnitten. Und auch am Donnerstag in der «Zeit» findet der Offline-Verantwortliche vermutlich nichts, was seine bisherige Einschätzung der Medienkrise erschüttern könnte. Es gibt da nur diesen komischen Link, den einige jüngere Mitarbeiter gerade so oft herumschicken.
Offliner erreicht man am besten immer noch offline - das könnte wissen, wer 17 Behauptungen zur Frage aufstellt, «wie Journalismus heute funktioniert». Und dass ein bisschen Radikalität nicht schadet, um im öffentlichen Diskurs wahr- und ernstgenommen zu werden, hätten die Unterzeichner des Manifests ruhig von Ursula von der Leyen oder Nicolas Sarkozy oder dem BKA lernen können. Oder anders gesagt und um zum Manifest der Kommunistischen Partei zurückzukehren: Onliner aller Länder, vereinigt euch!