16.06.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Karte der persischen Blogosphäre des Berkman Center for Internet & Society Screenshot: nz
Screenshot: nz
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Wer meint, mit Webseiten-Sperren und Handynetz-Störungen den Protest im Iran unterbinden zu können, der hat nicht mit der findigen Cyber-Opposition gerechnet. Das Regime um Ahmadinedschad erfährt dieser Tage die Grenzen der Netzzensur, weiß Maik Söhler .
Auf der einen Seite: Gesperrte Webseiten, gestörte Mobilfunknetze, staatliche Zensur. Auf der anderen Seite Proxy Server, mit denen Sperren umgangen werden, und die Macht der schnellen Informationsverbreitung über Twitter, Flickr, Youtube, Facebook und Orkut. Die politische Auseinandersetzung im Iran nach der Präsidentschaftswahl ist längst auch ein Kampf um die Netzdominanz.
Was haben Ahmadinedschad und seine Getreuen nicht alles versucht, um die Kommunikation der Opposition zu stören: Der SMS-Versand und Empfang war tagelang nicht möglich, der Mobilfunk funktionierte kaum noch, unter jungen Iranern populäre Webseiten und Online-Netzwerke ließen sich regulär nicht mehr aufrufen, die BBC berichtete sogar über Störattacken auf einen Satelliten.
Wo der Fluss von Informationen und die Möglichkeiten der Kommunikation gestört sind, so dachte man wohl, da verpuffen Proteste schnell. Das Gegenteil ist der Fall, und das liegt nicht zuletzt am Ideenreichtum und der Webaffinität vieler junger Iraner. Vor allem in den Großstädten wie Teheran und Isfahan stellen sie die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung, sieben von zehn Bürgern Teherans sollen nach Angaben internationaler Soziologen unter 30 Jahre alt sein.
Zensur einfach umgehenWo der Aufruf von Webseiten und Netzwerken über den normalen Provider, der eine staatliche Anweisung zum Sperren und Blocken bekommen hat, nicht mehr funktioniert, greifen viele Iraner dieser Tage zu Proxy-Servern. Diese schaffen sowohl Anonymität, ermöglichen aber auch den Zugang zu Seiten, die vom Provider geblockt werden.
Auf zig iranischen Webseiten im In- und Ausland und vor allem auf Twitter kursiert derzeit die so genannte Working Iran Proxy List mit Proxys wie 198.144.36.172:5555. Sie werden stets aktualisiert und sind mit wenig Aufwand in den Browser einzugeben.
Andere Wege, die Sperren zu umgehen, sind das Tor-Netzwerk ein Geflecht vieler Rechner, das über Umleitungen Webknotenpunkte wählt, die die Zensur in vielen Fällen umgehen können. Auch das von Anti-Zensur-Hackern entwickelte Tool Psiphon soll nach Medienberichten im Iran zum Einsatz kommen.
Youtube, Flickr, TwitterDas Ergebnis besteht in einer Flut an Handy- und Digicam-Videos, die auf Youtube hochgeladen werden, darunter auch solche, die gewalttätige Einsätze von Polizei und paramilitärischen Milizen in Teheran zeigen. Bilder also, die viele Medien nicht haben, weil sie von den iranischen Zensoren an der Ausübung ihrer Arbeit gehindert werden.
Das Bild-Portal Flickr liefert die dazu passenden Fotos, viele davon eingestellt von iranischen Nutzern. Meistens werden Szenen aus den Metropolen des Landes dokumentiert. Und der Kurznachrichtendienst Twitter liefert dazu das Grundrauschen an Informationen. Seit Tagen gehören «#iranElections», «TEHRAN» und «iranians» zu den «Trending Topics».
Die «Trending Topics» zeigen jene Nachrichtenströme an, in denen die meisten Beiträge erstellt werden. Updates erfolgen im Sekundentakt, 150 neue Iran-Tweets pro Minute sind keine Seltenheit. Auf Twitter finden sich auch Fotos und Kurzvideos aus dem Iran sowie viele weiterführende Links auf Webseiten.
Facebook und OrkutIn den Online-Netzwerken Facebook und dem von Google betriebenen und im Iran äußerst beliebten Orkut kommen Filmchen, Fotos und Texte zusammen. Nutzer posten diese Elemente einzeln oder gebündelt in ihren Profilen und verbreiten sie auf diese Weise in ihren Online-Freundeskreisen. Andere gründen Gruppen wie «I bet I can find 1,000,000 people who dislike Mahmoud Ahmadinejad!» («Ich wette, dass ich einem Million Leute finden kann, die Mahmoud Ahmadinedschad nicht mögen», Gruppe auf Facebook) oder kurz: «Iran» (ebenfalls Facebook).
Auf Orkut - dem nachgesagt wird, es sei besonders für langsame Internetverbindungen geeignet, werde deshalb mehr in iranischen Kleinstädten und von Teilen der Landbevölkerung genutzt und die Beiträge seien entsprechend konservativer als jene auf Facebook - finden sich ebenfalls zahlreiche Postings zur aktuellen Situation im Iran. (nz)