Schwullesbische Literatur verschwunden: 

netzeitung.deZensur-Vorwurf gegen Amazon

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Vertriebszentrum von Amazon (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Vertriebszentrum von Amazon
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Wer über Ostern homosexuelle Literatur bei Amazon bestellen wollte, hatte womöglich Schwierigkeiten, sie zu finden. Das Unternehmen sprach danach von einer «Panne», erregte schwule und lesbische Autoren witterten dahinter indes mehr.

Den Amerikanern eilt bekanntlich der Ruf voraus, öffentlich besonders prüde zu sein – Fäkalsprache wird im Fernsehen weggepiepst, «Nipplegates» wie etwa bei Janet Jackson sorgen tagelang für mediale Erregung. Noch gut in Erinnerung ist die Debatte um ein deutsches Kinderbuch, das letztlich in den USA nicht erschien, weil darin auf einer Zeichnung der 7,5 Millimeter große Penis einer nackten Männerstatue zu sehen war. Der US-Verlag wollte das Pimmelchen wegretouchieren, die deutsche Autorin weigerte sich.

«Nur für Erwachsene» wird in den USA großgeschrieben, auch wenn es etwa um die Altersfreigabe von Kinofilmen geht. Doch was sich Amazon jetzt geleistet hat, geht weit darüber hinaus – und hat dem US-Internethändler den Vorwurf der Zensur, wenn nicht gar der Homophobie, eingebracht. Über das Osterwochenende hat amazon.com tausende Bücher mit schwul-lesbischem Inhalt als «adult books» eingeordnet und bei Suchanfragen ans Ende der Trefferlisten gestellt und aus Chartlisten gestrichen.

Das traf beispielsweise anerkannte – und wohlgemerkt nicht-pornographische – Literatur homosexueller Autoren wie Stephen Fry, E.M. Forster oder Gore Vidal, Kurzgeschichten-Sammlungen von Annie Proulx («Brokeback Mountain») und den Roman «Die Schönheitslinie» von Alan Hollinghurst, ein mit dem Booker-Preis ausgezeichnetes Sittengemälde der Thatcher-Ära aus dem Jahr 2004, in dessen Mittelpunkt eine schwule Hauptfigur steht.

«Ungeschickter Katalogisierungsfehler»
Homosexuelle Aktivisten und Autoren vermuteten dahinter eine schwulenfeindliche Zensur-Aktion, die Geschichte sorgte für Diskussionen im Internet, unter anderem bei Twitter. Amazon entschuldigte sich am Dienstag und sprach von einer Software-«Panne» beim Katalogisieren. Insgesamt seien mehr als 57.000 Bücher davon betroffen gewesen, nicht nur mit schwullesbischem Inhalt, sondern etwa auch Ratgeber zu Gesundheit, Körper und Geist.

Doch der «ungeschickte Katalogisierungsfehler», wie das Unternehmen es bezeichnet, gibt Rätsel auf. Der schwule US-Autor Mark Probst – von dem auch ein Titel betroffen war – berichtet in seinem Blog, er habe auf eine E-Mail-Anfrage an Amazon als Antwort bekommen, man schließe «aus Rücksicht auf unseren gesamten Kundenkreis» Material «für Erwachsene» in bestimmten Suchen und Bestseller-Listen aus.

Dies spreche – meinte Probst in einer ersten Reaktion – dafür, dass hier nicht nur eine Panne passiert sei, sondern bewusst Bücher mit schwullesbischem Inhalt aussortiert werde. Amazon lege zudem eine Doppelmoral an den Tag, denn andere Literatur mit sexuellem Inhalt, etwa «American Psycho», werde durchaus noch gerankt.

Boykott-Pläne gekippt
Am Montag wurde Probsts Jugendbuch «The Filly» wieder in den Listen geführt, ebenso andere Bücher. Der Internet-Buchhändler bestritt ferner, dass es eine neue Firmen-Richtlinie bezüglich Titeln für Erwachsene gebe. Nach der Entschuldigung des Unternehmens ließen schwullesbische Autoren, darunter der Dramatiker Larry Kramer, einen geplanten Boykott-Aufruf gegen Amazon fallen.

Ein G'schmäckle bleibt dennoch: Es ist mehr als fragwürdig, dass Amazon harmlose Autobiographien schwuler Autoren, James Baldwins Klassiker «Giovanni's Room» oder E.M. Forsters Entwicklungsroman «Maurice» als «adult» rubriziert. Am skurrilsten bei der dubiosen «Panne»: Die Hardcover-Ausgabe von Stephen Frys Autobiographie wurde als «Memoiren» verschlagwortet, die Taschenbuch-Version dagegen als «gay» – letztere verschwand über Ostern aus den Listen. (nz)