01.04.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Natürlich auch im Netz zu verfolgen: re:publica
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Auf der Bloggerkonferenz «Re:publica» präsentiert sich die vernetzte Welt von ihrer unterhaltsamsten und intelligentesten Seite. Das könnte daran liegen, das sich hier nicht alles um Twitter dreht, meint Maik Söhler .
Gott twittert nicht. Statt mit einem Tweet «@Friedrichstadtpalast: Sonne und Segen über euch alle # Re:Publica 09» beschert er den rund 1500 Teilnehmern der diesjährigen Bloggerkonferenz in Berlin auf natürliche Weise einen milden Frühlingstag. Wieder einmal, denn seitdem im Jahr 2007 erstmals eine «Re:publica» stattfand, fielen gefühlter Frühlingsbeginn und Konferenz zusammen.
Vielleicht rührt die Leichtigkeit, mit der vieles auf dem Meeting vonstatten geht, genau daher. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass das Interesse an Themen rund um die Autorenkultur im Netz nicht nur Bestand hat, sondern weiter anwächst. Zu den 1500 verkauften Eintrittskarten lägen noch mal zwei- bis dreihundert Tageskarten bereit, sagt Markus Beckedahl, «Netzpolitik»-Blogger und Mitveranstalter der Konferenz kurz vor der Eröffnung im Gespräch mit der Netzeitung.
Damit hat sich die Anzahl der Interessierten im Vergleich zur ersten «Re:publica» schlicht verdoppelt. Mit Jimmy Wales, Gründer der Wikipedia, dem Schriftsteller und Blogger Cory Doctorow sowie Lawrence Lessig, Jura-Professor in Stanford und Verfechter von freier Software, und dem Bundesbeauftragten für den Datenschutz Peter Schaar wurde die dazu passende internationale Web-Prominenz gewonnen, um zu referieren und diskutieren.
Scheune und PalastErst wenige Tage vor der Konferenz fiel den Veranstaltern die symbolische Bedeutung eines hübschen Zufalls auf: «Eine Scheune und ein Palast # Re:publica 09» twitterte Johnny Haeusler, Mitveranstalter und «Spreeblick»-Blogger in die Runde seiner mehr als 5000 Follower.
Die Kalkscheune, jenes in Berlin-Mitte gelegene Kongresshaus in dem die beiden vergangenen Bloggertreffen stattfanden, reicht für den Besucherandrang schlicht nicht mehr aus. Und so wurde eben kurzerhand der Friedrichstadtpalast dazu gemietet. «Friede den Scheunen, Krieg den Palästen», will hier dennoch niemand hören. Die deutschsprachige Bloggerkultur ist im Mainstream angekommen, meint denn auch Beckedahl und verweist auf den immer noch rasanten Wachstum von Blogs.
Aber sind die nicht wie zuletzt so oft zu lesen war - in der Krise? Ja, wenn man unter Blogs nur die traditionellen Weblogs versteht, sagt Beckedahl. Nicht aber, wenn man Twitter und Online-Netwerke wie Myspace und Facebook hinzunehme. Bloggen sei eine Kulturtechnik, meint Beckedahl, und nicht eine einzige bestimmte Form, sich im Netz zu äußern.
In StahlgetwitternIm Internet kann man derzeit kaum noch eine Webseite aufrufen, ohne dass einem von dort sofort allerlei Sätze übers Twittern entgegenpurzeln. Twitterer sind überall, schreiben über alles, posten Fotos und Videos, «followen» diesem und jenem und fassungslose Medien verstehen immer noch nicht, um was es dabei überhaupt geht. Aber auch sie twittern nun.
Auf der «Re:publica» wurde schon getwittert, als viele der heute aktiven Medien-Twitterer noch gar nicht wussten, wo sie ihr Notebok ein- und ausschalten. Auch daran wird es wohl liegen, dass Twitter hier zwar eine Rolle spielt, aber eben nur eine unter vielen. «Ich nutze Twitter», sagt Beckedahl, «als Kommunikationsmittel». Eine «Ersatzreligion», die viele darin sähen, braucht er nicht.
Motto: «Shift happens»Haeusler erläutert in der Keynote zur Konferenz das diesjährige Motto «Shift happens». Kurz gesagt: Der Wandel ist längst da. Um 50 Millionen Menschen zu erreichen brauchte Facebook zwei Jahre, der iPod drei, das Fernsehen irgendwas um die 20 und das Radio fast 40 Jahre. Er spricht von der digitalen Revolution und ihren möglichen Folgen für den Alltag, die Arbeit und die Kultur, die Präsentation zum Kurzvortrag wird über sein iPhone gesteuert.
Jon Kelly, Gründer des auf Netzwerkanalyse spezialisierten US-Unternehmens Morningside Analytics, liefert die Zahlen, Daten und faktischen Grundlagen zum gesamten digitalen Leben zwischen «Screenagern» und Online-Rentnern nach. Er betont die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Netznutzern in aller Welt. Auch dabei wird klar, dass es längst nicht mehr um die Frage gibt, warum oder wie lange noch es Twitter oder Faceboook gibt, sondern darum, auf welch verschiedene Arten und Weisen die Netzwerke genutzt werden in Deutschland, den USA oder Portugal.
Die Konferenz nimmt ihren Gang, man spricht übers Schreiben, Vernetzen und Geld verdienen, über einzelne und Gruppenblogger, über die alten und die neuen Medien, über Technik, Politik und Gesellschaft, über Youtube und Flickr. Und manchmal auch über Twitter. Aber eher am Rande, muss halt sein, ist jedoch nicht so wichtig. Twitter nutzen ohne groß darüber zu reden das ist es, was die «Re:publica 09» derzeit vom Web voller Tweets und Twitter-Tools unterscheidet. Sehr angenehm unterscheidet.