12.03.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Die vielen Tim K.s auf Yasni.de Screenshot: nz
Screenshot: nz
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Vorbildlich reagierte das Netzwerk SchülerVZ und löschte nach dem Amoklauf die Profile des Täters und der Opfer, um «virtuellen Schaulustigen» keine Chance zu geben. Andere Webdienste zeichneten sich durch Peinlichkeit aus.
Das Online-Netzwerk SchülerVZ hat auf den Amoklauf von Winnenden umgehend reagiert und die Netzwerkprofile des Täters Tim K. sowie aller Opfer gelöscht. Das berichtete am Mittwoch «Mehrblog.net, Das Blog über StudiVZ, SchülerVZ und MeinVZ».
Demnach begründeten die Betreiber des Online-Netzwerkes, das zum Holtzbrinck-Verlag gehört, diesen Schritt damit, «virtuellen Schaulustigen» keine Chance zu geben. Für weitere Stellungnahmen war SchülerVZ nicht zu erreichen. Nach Informationen der «Süddeutschen Zeitung» sollen mittlerweile auch die Facebook- und Myspace-Profile des Täters Tim K. gelöscht worden sein.
Die Online-Netzwerke sind voll von Nutzerprofilen, die auf den gleichen Namen ausgestellt wurden wie das von Tim K. Es ist zu befürchten, dass einige der Inhaber seit Mittwoch von anderen Nutzern und Medien heftig belästigt wurden, obwohl ein einfacher Blick auf den Wohnort gereicht hätte, um festzustellen, dass Tim K. nicht gleich Tim K. ist.
Der multiple Tim K. der PersonensuchmaschinenDaran sind zwei bei vielen Nutzern beliebte Webanwendungen nicht ganz unschuldig. Zum einen die sogenannten Personensuchmaschinen wie Yasni oder 123people.de. Yasni zum Beispiel listet einfach alles hintereinander weg, was die Suchmaschine zu Tim K. gefunden hat egal, um welchen Tim K. es sich auch handelt. Da ist etwa seine «Amazon Bücher-Wunschliste», sein Eintrag im Business-Netzwerk Xing, Profile auf Facebook und Myspace, Fotos bei Google und Flickr, Videos und Blogpostings.
Auf den ersten Blick wird klar, dass hier alle Tim K.s des Netzes zusammengeworfen werden. Deutsche und Schweizer und US-Amerikaner, Webentwickler und Studenten, Erwachsene und Jugendliche. Neben einem extrem unscharfen Foto des Täters Tim K. stehen vier weitere, die andere Tim K.s zeigen. Auf Yasni.de finden sich auch unzählige Twitter-Nachrichten, in denen einfach nur der Name «Tim» auftaucht.
Enttäuschung über TwitterWährend der Terroranschläge von Bombay wurde der Mikro-Blogging-Dienst Twitter noch als neue, authentische und vor allem schnelle Nachrichten-Quelle gefeiert. Als am Mittwoch kurz nach dem Amoklauf von Winnenden die ersten deutschsprachigen Twitterer über den Amoklauf von Winnenden berichteten, stürzten sich zahlreiche Journalisten begierig auf die Tweets genannten Kurzmitteilungen.
Andere Medien richteten kurzerhand Teile die eigenen Berichterstattung auf Twitter aus und posteten selbst Tweet um Tweet. Dass der Reporter nun vor Ort sei, jetzt auch der Fotograf, der Bürgermeister sagt erst dies, dann das. Berichterstattung auf 140 Zeichen. «Focus Online» legte sogar einen Nutzer-Account unter dem Namen «@amoklauf» an, löschte ihn aber nach Protesten wieder.
Schnell stellte sich aber auch die Enttäuschung darüber ein, das Twitter der Erwartung nicht gerecht wurde. Viele Falschmeldungen wurden auf diesem Weg verbreitet, darunter auch jene, der Täter sei von der Polizei gefasst worden. Ansonsten fand sich auf Twitter weitgehend das, was auch im Fernsehen zu sehen, im Radio zu hören und in Zeitungen zu lesen war: Trauer, Entsetzen, Wut, Fassungslosigkeit.
Fakten und FiktionenDa auch bei den twitternden Medien keine sprunghafte Zunahme an Followern das sind die Nutzer, die alle Eintäge eines Profils abonnieren zu beobachten war, dürfte der mediale Twitter-Hype bald auch wieder vorbei sein. Was bleibt, sind viele Fiktionen und wenige Fakten um den einen Online-Tim K., der der Täter war, sowie Falschdarstellungen, Gerüchte und Schmähungen um und gegen alle anderen Online-Tim K.s.
Von «Bild» und «Bild.de» ist bekannt, dass sie sich gerne aus Profilen der Online-Netzwerke bedienen, um einen Informationsvorsprung in Text und Bild zu bekommen. Umso besser, dass SchülerVZ am Mittwoch so schnell gehandelt und die entsprechenden Nutzerprofile gelöscht hat. Schön ist auch, dass der Deutsch Journalisten-Verband die mediale Selbstinszenierung über Twitter mittlerweile gerügt hat. Das war's dann aber auch schon wieder mit den guten Nachrichten.