Folgen der Finanzkrise für die IT-Welt:
Die Web-2.0-Blase zittert
14. Okt 2008 15:38
 |  Gebloggt wird immer - erst recht in Krisenzeiten | Foto: dpa |
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Aufbruch- statt Katerstimmung in der Internet-Branche: Während alle Welt dem deutschen Wachstum hinterhertrauert, besinnen sich Startup-Talente auf ihre Stärken. Düster sind die Aussichten aber auch für sie.
Nun hat es also auch ihn erwischt: Bill Gates ist nicht mehr der reichste Amerikaner. 15 Jahre lang führte er diese Liste an an, doch die internationale Finanzkrise stieß den Microsoft-Mitgründer vom Thron. Wegen der wirtschaftlichen Turbulenzen war das jährliche Ranking des Wirtschaftsmagazins «Forbes» eigens noch einmal aktualisiert worden. Und siehe da: Der ehemalige Spitzenreiter hat ganze 1,5 Milliarden Dollar verloren. Überholt hat ihn übrigens ausgerechnet ein Investmentbanker: Warren Buffett.
Bill Gates wird den Verlust verschmerzen können. Ihm bleibt immer noch ein Vermögen von 55,5 Milliarden Dollar. Doch was ist eigentlich mit den vielen Jungunternehmern, die im Internet ihr Glück suchen? Vor allem im Web-2.0-Hype, wo etwa allein der Verkauf von StudiVZ angeblich 85 Millionen Euro einbrachte? Auch unter den Business-Plan-geschultesten Existenzgründern geht inzwischen die Angst um, dass der große Crash der New Economy sich wiederholen könnte.
Keine Investoren für Startups
John Fisher, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität San Francisco, geht sogar noch einen Schritt weiter: «Diese Krise wird schlimmere Folgen haben als das Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000. Dieses Mal sind grundsätzliche Mechanismen unseres Finanzsystems zerstört.» Dabei sind die USA gleich doppelt betroffen: Nach Angaben des Marktforschungsinstituts Forrester erwirtschaften IT-Firmen dort 20 Prozent ihres gesamten Umsatzes mit Finanzfirmen. Allein die Wall Street sorgt für sechs Prozent. Die Situation der deutschen Internet-Branche analysieren die Blogger Andreas Göldi und Martin Weigert auf «Netzwertig.com». Beide Autoren sind sich einig, dass zu den Opfern der Rezession vor allem Startups gehören werden, denn «der Markt für frisches Venture Capital-Geld ist praktisch geschlossen». Durch das Platzen der Internetblase habe sich die Zahl der Firmen, die Wagniskapital bereitstellen, bereits von rund 1800 auf 1200 reduziert, schätzt auch Fisher. «Dieses Mal wird der Einbruch erneut zu spüren sein: Ich schätze, dass nur 500 bis 750 Firmen übrig bleiben.»
Einmalige Gelegenheit
«Wir bei 'Schenksdir.de' haben auf der Suche nach Seed-Kapital am eigenen Leibe gemerkt, das Investoren sich zurückgezogen haben aufgrund von Verlusten an der Börse», kommentiert ein Seitenbetreiber die «Netzwertig»-Analyse. Die sieht in der Krise trotz allem auch eine Chance: «Nie kriegt man gute Mitarbeiter für bessere Konditionen, Mietverträge für billigeres Geld und Dienstleistungen zu niedrigeren Preisen», meint Göldi.
 |  Soll nicht platzen, wie die Dotcom-Blase: Das Web 2.0 | Foto: ap |
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An ein Web-2.0-Sterben glaubt auch keiner der Kommentierenden. Zweifel gibt es dagegen an Weigerts Lösungsansatz «Onlinewerbung als Fels in der Brandung»: Diese Einnahmequelle nütze fast ausschließlich Großunternehmen, heißt es. Und auch die sind schließlich ins Wanken geraten. Vor allem die IT-Riesen. Vor zwei Wochen meldete die «Financial Times Deutschland» bei Apple einen Verlust des Börsenwerts um 20 Milliarden US-Dollar. Die Google-Aktie fiel erstmals seit zwei Jahren unter die 400-Dollar-Marke, die Anteilsscheine von Yahoo sanken auf ein Fünfjahrestief, Microsoft-Papiere gaben um neun Prozent nach.
Urlaubs- und Einstellungsstopp
Auch bei SAP in Deutschland haben die Aktien an Wert verloren. Europas größter Software-Konzern reagierte mit Sparmaßnahmen: Wie die «Süddeutsche Zeitung» online berichtete, wurden Mitarbeiter dazu aufgerufen, Dienstreisen zu stornieren und auf Urlaubstage zu verzichten. Außerdem gilt ein unternehmensweiter Einstellungsstopp.Und was machen die Kreativen? Wo ein Job bei einer Mainstream-Firma jetzt auch keine Rettung mehr bietet? Kreativ sein, was sonst. «Finanzkrisen brechen immer wieder bestehende Strukturen auf», schreibt Rico vom Schweizer «Financeblog». Er glaubt, das Web 2.0 könne künftig entscheidend zur Meinungsbildung von Bankkunden und Investoren beitragen.
«Statt den Mogel- und Hochglanzpackungen einiger Institute zum Opfer zu fallen, können sie sich dort unabhängig informieren. Oder eine professionelle Community kann die Anlagestrategie einer Bank kritisch beurteilen und ergänzen». Wir sind gespannt auf die Geschäftsidee zum Finanzdrama. Die Domain «KrisenopferVZ» ist jedenfalls noch zu haben.
Für das Web ediert von Maike Schultz