IFA 2008:
Das bisschen Haushalt ...
29. Aug 2008 14:12
 |  Nun auch für Besucher geöffnet: IFA 2008 | Foto: dpa |
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Total vernetzt oder doch lieber Einzelgeräte? Sieht man hier die Zukunft der Elektronik oder nur einen matten Abglanz der Gegenwart? Und verändern die Haushaltsgeräte die Messe? Von der IFA 2008 berichtet
Maik Söhler.
Eines merkt man gleich: Das Publikum hat sich verändert. Nicht viel, aber doch spürbar. Mehr Frauen als im letzten Jahr sind da und auf den ersten Blick weniger Jugendliche. Das liegt nicht – um das Klischee gleich zu erledigen – daran, dass nun auch Haushaltsgeräte wie Staubsauger und Bügeleisen ausgestellt werden, sondern am anwachsenden Interesse von Frauen für fast alle Formen der Unterhaltungselektronik.
Die IFA mal wieder. Größer denn je, mehr Aussteller, mehr Produkte, mehr Vielfalt. Ob es auch mehr Besucher werden, muss sich noch zeigen. Unübersichtlich wie immer, hektisch, international, an manchen Ecken interessant, an anderen öde. Alles da, was Energie braucht, vom Mikrochip zum Riesenrechner, vom Maxia Portable TV in Zigarettenschachtelgröße zum mit 150 Inch größten Plasmafernseher der Welt. Jedem Konsumierchen sein Pläsierchen, aber nicht jedem Importeur sein Besuch von Beamten des Zolls. Die kontrollieren nur ganz gezielt, dort wo sie Einfuhrverstöße wittern (oder mit einem Plagiatsverdacht konfrontiert wurden).Jenseits der großen, von der Messe vorgegebenen Themen – TV, Haushaltsgeräte, Energie sparen – werden schnell auch die kleineren verbindenden Sujets der IFA deutlich: Wie halten Sie es mit der Vernetzung? Alleingang oder Kooperation? Zählt Funktionalität mehr als Design? Oder umgekehrt?
Loewe
Das deutsche Traditionsunternehmen, spezialisiert auf Fernsehtechnik, droht den Anschluss an die technologische alles-kann-mit-allem-verbunden-werden-Welt zu verpassen. Deswegen spricht auch hier jeder nur noch vom «vernetzten Haus», ohne jedoch in Details zu gehen. Klar wird nur, dass Kooperationen mit IT-Firmen entwickelt werden, um deren «Kerntechnologien» zu nutzen. Das Personal ist overdressed und passt somit perfekt zur weißen, glatten, leider auch klinisch wirkenden Loewe-Welt.
Panasonic
Panasonic hat schon vor der offiziellen Eröffnung einen kleinen Coup gelandet. Der Fernseher Viera Cast kann auch Internet. Und zwar ohne Computer. Da sieht man plötzlich Youtube-Clips am Bildschirm, aber weit und breit ist kein Browser zu erkennen. Kann man da etwa auch … googeln?
Nein. IPTV ist selbst hier auf drei, vier Anwendungen beschränkt, Youtube halt, bisschen Picasa, ein paar digitale Videos von Eurosport, Wetter und Finanzen von Bloomberg. Kann auf der Messe schon vorgeführt werden, ist aber noch nicht marktreif. Anders gesagt: Ein Zehennagel der Fernsehwelt ragt ins Internet, der Rest muss noch folgen. Trotzdem chic. Ebenso wie die Wireless HD-Technologie und vieles anderes in der Halle.
Microsoft
Man freut sich dennoch unweigerlich auf Microsoft, also auf Netzwerke, multifunktionale Software, aufs Internet und seine Vorteile. Nicht mehr bloß zuschauen, sondern mitmachen, Aktivität plus Konsum statt nur Konsum.Und wie enttäuscht man anschließend ist. Eine «Live Demo zu Internet-Technologien und Trends» hatte Microsoft in seiner IFA-Lounge versprochen. Blicke in die nahe Zukunft also, auf Dinge, mit denen wir in drei, fünf, sieben Jahren leben und arbeiten werden. Gezeigt wird dann nur ein PC-Programm mit personalisierten Zugängen. Ein wenig Musik für Mama, Technikschnickschnack für Papa, Chat fürs Kind, alles erweiterbar, dank Home Server viel Platz für Bilder und Filme, von jedem Gerät (Handy, Notebook, Arbeitsrechner) aus zu erreichen.
Immer noch dieser Gedanke bei Microsoft, dass Menschen Platz für Daten mieten. Immer noch das Unverständnis, dass Menschen Daten in mehr oder weniger geschützten Bereichen des Internets einfach und umsonst ablegen und bei Bedarf wieder aufrufen. Wer, bitte, braucht einen Home Server? Und wer, bitte bitte, traut sich allen Ernstes, im Jahr 2008 ein Standard-Jugendschutzprogramm als Software der Zukunft anzupreisen? Oder Photosynth.net als letzten Schrei für Freunde des Fotos? Da freut man sich zum ersten Mal im Leben auf Microsoft – und dann so etwas.
 |  IFA 2008: Fernseher wohin man auch schaut | Foto: dpa |
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Philips
Ganz anders dagegen Philips, noch so ein Technologie-Dino, der sich aber sichtlich Mühe gibt, dran zu bleiben. Den Schock, den Konkurrent Panasonic kurz zuvor mit Viera Cast verbreitet hat, ist offensichtlich noch nicht verarbeitet. Doch mit diversen «Future Zone»-Ambientes – vom 3D-Fernseher und Blu-ray-Player bis hin zur gekonnten Verknüpfung von Audio- und Webanwendungen - zeigt man, was man selbst an dieser Schnittstelle zu bieten hat.
Salopp und cool gibt sich Philips, und diese Mischung passt gut zu den vorgestellten Neuheiten der Produktpalette. Sie wird von Manager Reinier Jens mit den Worten eingeleitet, Philips «helfe den Konsumenten, einen gesunden Lebensstil zu haben». Gezeigt werden ein einfach an der Wand zu befestigender Flachbildfernseher, der an der breitesten Stelle nur 38 Millimeter dick sein soll und auf den Namen «Essence» hört, eine «Cinema One» genannte Box (in Jens' Worten ein «Home Movie-Theatre-Concept»), das DVD- und CD-Player, iPod-Dock und Subwoofer in einem ist sowie eine neue Senseo-Kaffeemaschine.Die Fallhöhe vom tausende Euro teuren Flat-TV zur Senseo Latte Select ist enorm und wäre ohne ein saloppes und cooles Image ebenso wenig zu bewältigen wie der Sprung vom rundum vernetzten Alltag zum guten alten Rasierapparat.
Haushaltsgeräte bringen alles durcheinander
Wo Rasierapparate herrschen und Staubsauger in Konkurrenz zum PC treten, wo Geschirrspüler mehr Aufmerksamkeit erregen als das nächste Super-TV-Gerät und wo ein Toaster mehr USB-Anschlüsse besitzt als ein Netbook, da gerät das Selbstbild der IFA, wie wir sie kannten, ins Wanken.Der High-Tech-Dünkel, der vergangene Messen zwischen den gesprochenen, geschriebenen und gesendeten Worten und Bildern prägte, hat nun keine Zukunft mehr. Der damit gelegentlich einhergehende exklusiv-elektronische Charme leider auch nicht. Die IFA ist dank Mixern, Kühlschränken und Epilierern noch unübersichtlicher, aber auch nützlicher geworden.
Und in einem sehr simplen Sinne auch demokratischer. Es gibt mehr zu sehen, mehr zu verarbeiten, mehr zu kaufen. Masse statt Klasse? Nein, Masse und Klasse, manchmal sogar kaum voneinander zu unterscheiden. Gut so.