Unsere Weblog-Kolumne: Wenn selbst der Fake ein Fake sein kann22. Apr 2008 07:10  |  Polylux-Moderatorin Tita von Hardenberg | Foto: dpa |
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Die Medienguerilla ist zurück und soll auch gleich das Zeitgeistmagazin «Polylux» gefoppt haben. Doch die Sendung ist nicht mehr auffindbar. Ist der Betrug selbst womöglich ein Betrug? Außerdem: Jede Menge Pädagogik. Der Blogblick.
Vielleicht ist dieser angeblich gefakte Fernsehbeitrag nie ausgestrahlt worden. Der Autor dieses Blogblicks hat ihn jedenfalls nie gesehen. Er war nicht einmal in der Lage, das Fitzelchen Bewegtbild im Internet zu finden, und im Internet gibt es doch eigentlich alles, oder nicht?
Kann gut sein, dass der Autor dieses Blogblicks von der gleichen Zwangsvorstellung befallen ist wie der im letzten Jahr angeblich verstorbene Situationist
Michael Stein:
«Ich habe z. B. die Zwangsvorstellung, alles um mich herum sei nur eine Erfindung meines Geistes (ersetze hier durch: »meines Internets«), bzw. alles sei für mich inszeniert, um mich irre zu machen. Ich meine, das würde heißen, 'ne Menge Leute wäre mit nichts anderem beschäftigt, als mir, überall, wo ich auftauche, 'ne erstklassige Performance zu bieten, und zwar rund um die Uhr.»
Jedenfalls soll, das behauptet das Internet des Autors, in der angeblich existierenden Fernsehsendung einer angeblichen Katharina Isabel Habsburg-Lothringen, angeblich genannt «Tita» [sic!] von Hardenberg, ein unglaublich (Nachtigall, trapp, trapp) dicker Mann aufgetreten, bzw. aufgesessen sein auf einem Sofa. Einem sehr stabilen Sofa. Der Mann soll gesagt haben, er konsumiere sehr viel Amphetamin, um abzunehmen. Und jetzt kommt's: Der Mann soll geschwindelt haben!
Das Ergebnis des angeblichen Schwindels, also der angeblich gefakte Fernsehbeitrag, ist zwar verschollen, angeblich auf Betreiben der Macher; im Internet, vor allem in den Blogs, wird gleichwohl so getan, als habe der Fake tatsächlich stattgefunden. Ein «Kommando Tito von Hardenberg» behauptet, den dicken Mann in der Nähe von Frau von Hardenberg platziert zu haben.
Der dicke Mann
möge «in Wirklichkeit gar kein Speed»!
Das Kommando habe sich bei dieser Aktion direkt vor sich selbst
erschrocken:
«Erschreckend, wie einfach es ist, selbst gewählte Inhalte in Massenmedien zu platzieren und so gesellschaftliche Wirklichkeit werden zu lassen.»
«50 Euro Aufwandsentschädigung» sollen einer nicht näher benannten «revolutionären Sache» zugeführt worden sein. Das Kommando
fordere ferner
«ein dreizehntes Monatsgehalt für die Arbeiterinnen und Arbeiter der Schiffabwrackungsindustrie von Bangladesh».
Prompt meldet sich die angebliche Tita von H.
Sie fragt
das angebliche Kommando: «Wozu das Ganze?» Das Kommando antwortet: «Sinn und Zweck der Aktion war es, am Beispiel Polylux auf fragwürdige Recherchemethoden in der Medienlandschaft hinzuweisen.»
Die Sendung, die von Frau von Hardenberg angeblich nicht nur moderiert, sondern auch produziert wird,
suche
«häufiger mittels Anfragen in Internetforen nach Protagonisten für Beiträge. Egal ob Speed-User, Sektenaussteiger, überforderte Studenten oder Menschen ohne Beziehungserfahrung – stets kommt das 'Frischfleisch' für die nächste Sendung aus der 'lieben Community' im Internet. Ob es sich bei dieser Art der Protagonisten-Akquise überhaupt um Recherche handelt, ist fraglich.»
Torsten, Notizblog,
meint:
«Natürlich ist das Recherche.» Thomas Knüwer, Indiskretion Ehrensache, referiert dagegen den «ganz altmodischen Weg» der Informationsbeschaffung: «Anrufen, auf die Straße gehen, Leute kontaktieren. Doch ist dafür noch Zeit?»
Weiter schreibt
Knüwer: «Wie in den Kommentaren des Kommandos Tito von Hardenberg richtig bemerkt wird, liegt zwischen der Suchanfrage nach einem Süchtigen und der Berichtsfertigstellung gerade mal eine Woche. Und in dieser Zeit ist es für eine unüppig besetzte Redaktion ohne dauerhafte Kontakte in ein entsprechendes Umfeld schwierig, einen TV-Beitrag (der ja durch Drehen und Schneiden mehr Zeit und durch das Vor-die-Kamera-Bringen mehr Überredungskünste verlangt) fertigzustellen. Die personell runtergefahrenen Redaktionen der meisten Medien bieten Fälschungsversuchen ein wunderbares Einfallstor.»
Don Alphonso, Blogbar,
findet es
schlicht «grossartig, wenn ab und an eine Fallgrube gebuddelt wird für die Sorte Journalist, die heute praktisch alles aus dem Internet bezieht.» Treffliches Schlusswort für einen Blogblick. Halt! Jetzt kommt doch noch der Anhang!
MEHR IM INTERNET: Kommentare der Woche |
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Anhang
Pädagogik I. Liz, Liz’s blogging,
über ihren Kindergarten
in der DDR: «Der eine Arm musste dabei akkurat parallel zur Tischkante liegen, zwischen den Fingern durfte kein Zwischenraum sein, das wurde sonst von den schwitzigen, beringten Frauenhänden sofort barsch korrigiert. Die rechte Hand musste zum Mund geführt und der Finger vor dem Mund so gehalten werden, wie man es macht, wenn man mit einem leiselauten Psssst Ruhe ankündigt. Nur, dass wir nichts anzukündigen oder auch nur irgendein Geräusch zu machen hatten. Unsere Aufgabe bestand einzig und allein darin, eine Stunde in dieser Haltung zu verharren, während vor uns das Geschirr auf den Tisch und das Essen verteilt wurde.» +++ Pädagogik II. Julie Paradise
über Turnen
, Schreiben, Zeichnen und den blöden Spruch «Mach doch was draus»: «Wenn mich irgendetwas schon immer genervt hat, dann solche und ähnliche Sprüche anderer, sobald ich über ein Hobby spreche, welches sich eventuell auch vermarkten ließe. In der ersten Klasse war das das Kunstturnen. Ehrlich, ich war mal sehr schlank und sportlich. Beweglich, außerordentlich gut koordiniert und dabei kräftig und ausdauernd. Im Schulsport der DDR ist so etwas natürlich nicht lange verborgen geblieben, also kam die übliche Rekrutierungsmaschinerie für kleine sozialistische Leistungssportler in Gang.» +++ Pädagogik III. Merlix, Herzdamengeschichten, über
drastische Ermahnungen:
«Sie zeigte auf einen Baum in einem Garten auf der anderen Straßenseite, sah mich mahnend an und schilderte immer wieder, wie der Mann rücklings von der Leiter fiel, als er nach einem Apfel in den höheren Ästen greifen wollte, wie er auf den Rasen fiel und sofort tot war. Die Leiter stand noch jahrelang an dem Baum, immer an der gleichen Stelle, wie ein hölzernes Mahnmal.» Kind Merlix zog seine eigenen Lehren. +++ Elektrotechnik. Typ.o, provisorium, hat was
wiedergefunden:
«Dies nicht mal würfelzuckergroße Kompaktgerät diente anschließend dazu, mittels eines über einen Hohlweg gespannten Kupferlackdrahtes vom einen Rand des Weges zum anderen Morsezeichen zu übertragen, ich tastete, und Peter saß mit Kristall-Kopfhörern auf den Ohren am anderen Rand und lauschte.» +++ Medizin. Günter Schütte, Nachrichten vom anderen Ende der Medizin, kommt in seiner Serie «Medizinische Mythen» auf
Vitamine zu sprechen:
«Vitamine sind (immer) gesund.» +++ Musik. Robert Basic, Basic Thinking, und seine Begleitband versuchen, eine schwer durchschaubare Organisation zu
durchschauen:
Wie funktioniert das eigentlich mit der GEMA im Netz? +++ Geldtransport. Schwiegervater Kaltmamsell lüftet die letzten Geheimnisse der
Nigeria-Connection!
Kaltmamsell: nur echt mit dem Kommentaromat. +++ Wirtschaft. Benedikt Köhler, viralmythen, listet
twitternde Unternehmen.
+++ Geschichte. Rochus Wolff, (i:rrhoblog), wirft ein
Stöckchen:
«Poste (über) etwas, das ohne die 68er nicht möglich gewesen wäre.»
Für das Web ediert von
Bov Bjerg.
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