Unsere Weblog-Kolumne:
Liebesdienste für die SPD
Einer von vier aktuellen Nationaltorhütern ist tot, neun ehemalige SPD-Vorsitzende leben noch, der zehnte, Sigmar Gabriel, der amtierende, versucht nun, seine Partei aus dem Koma zu wecken.
Wie jede natürliche oder juristische Person, die gerade ein Nahtoderlebnis hatte, ist auch die SPD nun bereit, an Wunder zu glauben. Aus Sicht von Michael Spreng ist es allerdings weniger der Wunderglaube der Delegierten als vielmehr «Verzweiflung, weil er (Gabriel) die letzte Kugel im Lauf einer 20-Prozent-Partei war. Und weil er im Wahlkampf als einziger prominenter SPD-Mann kampagnenfähig war.»
Vogel, Engholm, Scharping, Lafontaine, Schröder, Müntefering, Platzeck, Beck, Steinmeier, dazu noch der verstorbene Johannes Rau - sie alle haben, bis auf den naturschwarzen Gerhard Schröder, entweder krachend Wahlen verloren, stolperten über ihre eigenen Füße oder sind an ihrer Partei gescheitert, Scharping allein ist dies alles zugestoßen.
Endlich wieder Zuversicht Der SPD-Vorsitz ist in etwa so undankbar wie der Trainerposten beim FC Tarp-Oeversee, bloß die Erfolgsaussichten sind geringer. Gabriel, der das Machtbewusstsein Gerhard Schröders mit dem Hang zum Stressfuttern Kurt Becks zu einem Gesamtkunstwerk zu vereinen sucht, hat aber zumindest schon Felix Schwenzel überzeugt: «gabriel hat es geschafft in seiner rede nicht nur nicht arrogant zu wirken, sondern sogar ein bisschen aufrichtig, offen und teilweise sogar witzig. ich weiss nicht wie er es gemacht hat, aber an irgendeiner stelle hat er mich so gepackt, dass ich ihm das was er sagte abnahm.»
Schwenzel, der wie viele andere deutsche Blogger, die sich gefühlt der SPD verbunden sehen, zuletzt sehr enttäuscht war von den Sozialdemokraten ist nun, wenn auch nicht euphorisch, so doch sehr angetan von Gabriel: «zum ersten mal seit langer zeit, hatte ich bei einem spitzenmann der SPD das gefühl, nicht die staatstragende haltung eines staatspartei-sprechers durchzuhören.»
Auch der ehemaligen Gesundheitsministerin Andrea Fischer, die auf starke-meinungen.de zusammen mit anderen starken Meinern bloggt, hat Gabriel gefallen. «Gabriel hat es vermocht – und das kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden – seiner Partei wieder Zuversicht zu geben und ihr klar zu machen, dass sie nur dann die Menschen wieder für sich einnehmen kann, wenn sie sich der Mühe unterzieht, neu nachzudenken – und dabei nicht einfach zu den lange geübten Konzepten zu greifen – über die richtigen Antworten auf eine gründlich veränderte wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation.»
Der Erzengel Gabriel Durchwachsenes Lob kam dagegen von Wolfgang Lieb: «Eine wirkliche Bestandsaufnahme oder gar eine inhaltliche Kritik der elfjährigen Regierungszeit hat Gabriel mit seiner Rede nicht geleistet. Er hat eine geschickte Rede aus einer Mischung von Demut und Aufbruch gehalten, die offenbar bei den Delegierten ankam.»
Demut? Ich geb' euch gleich Demut, denkt sich Glamorama: «Eigentlich sollte jedem, der auch nur einen Funken Menschenverstand besitzt, eines klar sein: Wenn eine Partei gerade eine zweistellige Anzahl von Wählern sowie die gefühlte Hälfte ihrer Mitglieder an die Konkurrenz verloren hat, dann wird selbst der härteste Hund den Demütigen spielen. Es geht ja schließlich um Macht. Spätestens, wenn die SPD irgendwo mit knapper Mehrheit eine Landtagswahl gewinnt (oder wenigstens mal wieder den Zweiten macht), wird sich der Erzengel Gabriel ganz schnell wieder zum Advokat des Teufels wandeln. Das nächste schwarz-rote Bündnis kommt bestimmt.»
Bei der Parteitagsrede Gabriels wurden nicht nur Erinnerungen an Schröder und Beck wach, viele dachten nostalgisch an die Rede Lafontaines, mit der dieser erfolgreich Rudolf Scharping wegputschte.
Politische Notwendigkeit Lafontaine beherrschte in dieser Woche die Schlagzeilen, ausnahmsweise ganz ungewollt. Ein kurzer Exkurs: Was macht man als Journalist, wenn man eine Meldung unbedingt bringen möchte, die Regeln des Anstands dies allerdings verbieten? Man konstruiert eine politische Notwendigkeit, die die Veröffentlichung unabdingbar macht. Der Verzicht Lafontaines auf den Fraktionsvorsitz wurde leichterhand zum Wählerbetrug umgedeutet. Und warum hatte er den Wähler betrogen? Wegen einer Frau!
Der Zeitpunkt könne kein Zufall sein, glaubt man bei fixmbr: «Der Agenda-Mann Sigmar Gabriel hat wie bekannt den SPD-Vorsitz übernommen und einen neuen Aufbruch der SPD verkündet – da muss man als neoliberales Sturmgeschütz sekundieren, schließlich hat man jahrelang die Agenda 2010 verteidigt, Verschärfungen gefordert. Die Geschichte rund um die angebliche Liebe zwischen Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht war offensichtlich nichts anderes als ein Liebesdienst für die SPD.»
Das große «Schnackseln» Der Spiegelfechter amüsiert sich über die Klatschsucht der «Spiegel»-Journalisten: «Spätestens seit den Zeiten Willy Brandts sollte selbst dem letzten Moralapostel klar sein, dass ein lebensfroher Politiker, der dem anderen Geschlecht nicht abgeneigt ist, kein schlechterer Politiker sein muss. Wen interessiert schon das Privatleben eines Politikers, solange es nichts mit der eigentlichen Politik zu tun hat? Wäre Angela Merkel eine schlechtere Politikerin, wenn sie eine Affäre mit ihrem Nachwuchstalent Ecki Klaeden hätte? Wäre Sigmar Gabriel ein schlechterer Politiker, wenn er heimlich mit Andrea Nahles schnackseln würde? Nun gut, vernügungssteuerpflichtig sind beide Beispiele sicher nicht, aber letztendlich kann es dem Wähler doch egal sein, mit wem oder was ein Politiker sich vergnügt – das ist Privatsache und wird auch durch aufgesetzte Politisierungen des SPIEGELS nicht öffentlich relevanter.»
Die dürftige Konstruktion, Lafontaine habe den Wähler wegen privater Eskapaden betrogen, weshalb das Private in diesem Fall politisch sei, zerfaserte gleich nach der Veröffentlichung. Es stellte sich heraus, dass Lafontaine an Krebs erkrankt ist. Lafontaines perfider Konter erwischte den «Spiegel» auf dem falschen Fuß - von einem Moment zum anderen wurde der Ehebrecher zum Krebsopfer. Wer ein echter Populist ist, der weiß, wann er zum Arzt gehen muss.
Blogger für Oskar Zbigniew Menschinski schreibt dazu: «Ein Trommelfeuer aus Verleumdung und Scheusalisierung prasselt auf den Saarländer ein, seit er es gewagt hat, der SPD den Rücken zu kehren und der neoliberalen Nomenklatur die Stirn zu bieten. Bis 2007 wird Lafontaine vom saarländischen Verfassungsschutz überwacht. Unzählig sind die persönlichen Beleidigungen und Verleumdungen, die gegen ihn durch den deutschen Medienwald rauschen.»
Nachdem sich die führenden Magazine der großen Verlage in dieser Woche also ihres Restanstands entledigt haben, wurde nun das Blog Blogger für Oskar gestartet.
Das so häufig als Jauchegrube der Medienlandschaft verschriene Internet hat übrigens noch keine einzige außereheliche Begebenheit eines Politkers enttarnt. Ist am Ende der Mensch als Amateur, selbst wenn er anonym auftreten sollte, dem Professionellen moralisch überlegen?
Anhang
Wie geht es eigentlich den Printmedien? Don Dahlmann weiß es. +++ Holgi definiert Entropie neu. +++ Wenn das Leben einen Soundtrack hätte, dann wäre es immer der falsche. +++ Tatsachen über einen Blogger. +++ Zement zappt. +++ Beim Wortvogel gibt es eine Brust zu sehen. +++ Muriel zählt. Alles.
Für das Web ediert von
Malte Welding. Netzeitung auf Twitter.
