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Lupe «Wie funktioniert nochmal ein Putsch?»

Die deutschen Blogs waren lange als unpolitisch verschrien. Das hat sich dank Ursula von der Leyen und der SPD gründlich geändert. Ein Blogblick zur Bundestagswahl 2009. Wahlkampf Sonntag, 8 bis 18 Uhr Aber dann Piraten: Analysen SDP: Analysen ...

Wahlkampf
«Deutsche Blogs? Unpolitisch! Unwichtig! Nabelschau!» Das galt für die Wahlen 2002 und 2005. (Zur Orientierung für Piratenwähler: 2002 Counterstrike 1.5, 2005 World of Warcraft.)

Die Wahl 2009 hat die deutschen Blogs politisiert. Bekenntnisse, Missionsversuche, Polemiken und Analysen füllten Postings und Kommentare. Die staatlichen Versuche, das Netz zu überwachen und zu zensieren, führten zum Aufstieg einer neuen und beschleunigten den Absturz einer sehr alten Partei.

Noch am Freitag vor der Wahl versammeln sich «100 Blogs für die Linke,» Nico Lumma begründet die Wahl der SPD («weil die SPD meine Partei ist») und Pavel Mayer unterstreicht mit einem bemerkenswerten Aufsatz seinen Ruf als Theoretiker der Piraten. Während Mayer mit seiner Prognose eine Punktlandung hinlegen wird («zwischen 1.8 und 2.2 Prozent»), könnte Lumma mit seiner Einschätzung der SPD als «lebhafter Partei» leicht daneben liegen.

Andi Leser, Logbuch Stahlinstadt a.k.a. Eisenhüttenstadt, hat am Samstag vor der Wahl zwei Sozialdemokraten und einen Grünen in freier Wildbahn beobachtet: «Plötzlich marschierte Franz Müntefering (69) mit seiner Posse vorbei und verteilte freundlich rote Rosen an junge Damen. Als die Röslein rot verteilt waren, setzte er sich mit SPD-Kandidat Björn Böhning (31), dessen Wahlkampf er damit unterstützen wollte, an den Nebentisch. (...) Und während die beiden gemütlich palaverten, kam ein weißhaariger Mann angeradelt und verteilte dynamisch Handzettelchen. (...)

Was mich an diesem Großstadtausschnitt so verwundert ist der Fakt, dass ausgerechnet der Älteste der drei genannten Personen am beweglichsten erschien. Björn Böhning, der nicht mal halb so alt ist wie Ströbele, benahm sich hingegen großväterlich und verteilte lustlos rote Luftballons. Bei der SPD war da wohl schon die Luft raus.»

Sonntag, 8 bis 18 Uhr
Der Merzmensch geht wählen. Er geht ins Wahllokal, macht zwei Kreuze und geht wieder nach Hause. Das gibt einen sehr beruhigenden Podcast von knapp neuneinhalb Minuten. Eine falsche FDP Unna twittert schon am Nachmittag angebliche Wahlergebnisse. Das gibt eine Twitterbrise, die kaum länger dauert als der Podcast des Merzmenschen.
Kritischer ist eine kleine Wahlpanne in Bremen. Auf der Website des Landeswahlleiters tauchen vermeintliche Zwischenstände der Stimmenauszählung auf. Via Twitter verbreitet sich der Link. Bald stellt sich heraus, dass das Ganze nur ein Test war.

Rechtsanwalt Henning Krieg, kriegs-recht.de, stellt fest, dass das Malheur kaum für eine Anfechtung der Wahl reichen dürfte. «Was allerdings bleibt ist aus meiner Sicht die Erkenntnis, dass sich einmal mehr bewiesen hat, dass Twitter keine weitgehend sinnfreie Spielerei des Web 2.0 ist. Es ist mehr als fraglich, dass die Meldung über den Vorfall sich ohne Twitter so schnell verbreitet hätte.
Es ist auch offen, ob die (etablierten) Medien so schnell und in dieser Breite auf den Vorfall aufmerksam geworden und über ihn berichtet hätten. Und schließlich kann es damit gut sein, dass nur diese über Twitter ausgelöste (Medien-)Aufmerksamkeit dafür gesorgt hat, dass man in Bremen so schnell reagiert, die Sache richtiggestellt und die falschen Zahlen von den Webseiten entfernt hat.»

Aber dann
Schockstarre bei Twitter. 18.11 Uhr, StillHypnotic fasst sich ein Herz: «Sagen Sie, wie funktioniert nochmal genau ein Putsch? Ich frage für einen Freund.» Die rotgrünorange Twittergemeinde beweist im Angesicht des zukünftigen Außenministers, dass Schwule echt okay sind - so lange sie die richtigen Meinungen haben.

Torsten, Notizblog, kritisiert: «Die Außenpolitik-vom-anderen-Ufer-Witze sind genau so witzig und erhellend wie die vielen, vielen geschmacklosen Rollstuhl-Witze über Wolfgang Schäuble. Sie sagen am meisten über den aus, der sie macht

@pantoffelpunk schreibt: «An Westerwelle gibt es nun wirklich genug zu kritisieren. Verkneift Euch doch bitte die Witze über seine sexuellen Präferenzen. #vollpfosten» (Andere Vollpfosten, nämlich schwarz-gelbe, zeigt dieses schöne Bild.)

Piraten: Analysen
André Vatter, Basicthinking, bringt ein hübsches Tortendiagramm, das den Nichtwähler-Anteil anschaulich macht. Die Nichtwähler könnten also erstmals die stärkste Fraktion bilden. Kann man nicht 30 Prozent der Bundestagssessel einfach leer lassen?

@AlexSchestag startet eine Twitterumfrage: «NUR an die Wählerinnen und Wähler der Piratenpartei bei der Bundestagswahl: Welche Partei hast du bei der letzten Bundestagswahl gewählt?» Das Ergebnis ist nicht überraschend, es führen Grüne und SPD. Noch scheinen die Piraten der SPD also nicht nennenswert zu schaden. Denn selbst wenn 20 Prozent der ihrer Wähler vorher SPD gewählt haben, macht das nur 0,4 Prozent aus - die Verluste der SPD lagen aber bei über 11 Prozent.

Claudia Klinger, Digital Diary, ermuntert die Piraten: «Partei werden ist ein Langfrist-Unternehmen, keine Party für nur einen heißen Sommer. Ich wünsche mir, dass die Piraten dran bleiben und zu einer schlagkräftigen, vorerst noch außerparlamentarischen Opposition heran wachsen. Der Geldregen der Wahlkampfkostenrückerstattung wird hoffentlich dazu dienen, die Strukturen und Abläufe zu verbessern, ganz im Sinne von 'klar machen zum ändern'.»

SDP: Analysen
Das Desaster der im Netz nicht gerade geschätzten SPD lässt sich sehr gut aus entgegengesetzten Perspektiven erklären. germanpsycho betont die Sozialdemokratisierung der anderen Parteien: «Das Problem der SPD ist also nur, daß sie viel zu erfolgreich ihre Standpunkte in andere Parteien injiziert hat. Sie verliert deswegen an Stimmen, weil ihre Grundwerte mittlerweile (fast) gesellschaftlicher Konsens sind. Sie verliert, weil sie gewonnen hat.»

Johnny Haeusler, Spreeblick, stellt dagegen die mangelnde Sozialdemokratie der Sozialdemokraten heraus: «Jüngere Wähler, die vielleicht noch Rot-Grün, hauptsächlich aber die Große Koalition im Kopf haben, verbinden mit der SPD weder Widerstand noch soziale Gerechtigkeit, sondern Hartz IV und Chancenlosigkeit.» Und auch für Nico Lumma («weil die SPD meine Partei ist») ist die SPD am Abend der Wahl nicht mehr ganz so lebendig wie noch am Morgen: «Es müssen jetzt dringend neue Köpfe und neue Themen präsentiert werden. Die alten sind verbraucht.» Der SPD-Linke Björn Böhning twittert lakonisch: «Houston...»

Für das Web ediert von Bov Bjerg. Netzeitung auf Twitter.