Unsere Weblog-Kolumne: 

netzeitung.deNetz-Manifest: «A Milestone einiger Möchtegerns»

 Herausgeber: netzeitung.de

Das Internet-Manifest Screenshot: nz (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Das Internet-Manifest Screenshot: nz
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Eine Abmahnung scheint erledigt, das Abmahn-Unrecht bleibt. Das «Internet-Manifest» wird auch international heiß und hämisch diskutiert. Außerdem: Interview mit der bloggenden Elternaktivistin Moni Scheele-Knight. Der Blogblick.

Der Streit des Sportartikelherstellers Jako mit dem bloggenden Trainer Baade scheint beigelegt. Der süddeutsche Turnbeutelausstatter betitelt seine Pressemitteilung zu dem Fall: «Wir haben überreagiert.»

Dabei dürfte dem Unternehmen kaum tatsächliche Einsicht den Stift geführt haben, sondern die blanke Angst vor weiterem Image-Schaden. Firmenchef Sprügel beharrt darauf, man habe sich «rein rechtlich überhaupt nichts vorzuwerfen»? Diese bockige Verwechslung von «legal» und «legitim» kleidete ein anderer großer Süddeutscher einmal in die Worte: «Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein.»

Aber natürlich liegt die Firma Jako ganz richtig. Wenn sie die Verfolgung des Trainers Baade einstellt, wird diesem nicht Recht zuteil, sondern Gnade. Abmahnungen wird es weiterhin geben. Und sie werden weiterhin ihre Funktion erfüllen: die freie Äußerung einer Meinung zu bestrafen oder, für die Firmen noch besser, von vornherein zu verhindern. Ein Privat-Strafrecht, das nur dem zur Verfügung steht, der es sich leisten kann.

Der Textilhersteller ist vorerst aus dem, Achtung Wortwitz!, Schneider. Das tschechische Wörtchen für «wie» deckt sein scheußliches Vorgehen allmählich zu. Und natürlich die Jugend-Antifa Kreis Osnabrück.

Das Internet-Manifest
Das Internet-Manifest zur Zukunft des Journalismus wurde bereits in viele Sprachen übersetzt, darunter Rumänisch und Thai. Seit der Starblogger Jeff Jarvis alle 17 Thesen auf Englisch getwittert hat, wird das Manifest auch im englischsprachigen Web diskutiert.

Techchrunch UK sieht darin einen Angriff auf die alten Medien und eine Reaktion auf das Gemecker deutscher Großverlage, die sich vom Internet «schleichend enteignet» fühlen. In den Kommentaren geht es derb zur Sache: Das Manifest sei «arrogant» und die «dumme Scheiße einiger Möchtegerns». Ein Rob hält dagegen, «die deutsche Blogosphäre sei voller Neid und Hass».

In vielen Sprachen
Weltfriedensblogger Nilzenburger zu diesem Hass: «Man könnte meinen Lobo wäre ein indischer Programmierer, der aus Versehen auf das Sommerfest der NPD gerät. Gut, er wäre ein Programmierer, der sich bei dem Sommerfest auch noch auf die Bühne stellen und versuchen würde, die Anwesenden von Sharukh Khans Superfilmen zu überzeugen.» Inder? Nochmal aus den Kommentaren bei Techcrunch - Paramendra Bhagat schreibt: «This manifesto is a milestone.»

Auch in die internationalen traditionellen Medien hat es das Manifest geschafft. Etwa in den britischen Guardian. Der berichtet euphorisch über das Manifest («wird weltweit diskutiert»), und erwähnt Sascha Lobo und andere Unterzeichner. Dass die Autorin des Beitrags hier in eigener Sache berichtet und sich gleichsam selbst hochjubelt, erwähnt sie nur am Rande. Ist das nun ein Bug des Journalismus 2.0 oder doch eher ein Feature?

Anhang

Monika Scheele-Knight schreibt seit vielen Jahren das Weblog «Gedankenträger». Ein Schwerpunkt des Blogs ist der Autismus ihres inzwischen neunjährigen Sohnes John - von pädagogischen Theorien bis zu praktischen Hilfen im Alltag.

Dein Sohn ist schwer behindert. Du musst immer wieder dafür kämpfen, dass er zur Schule gehen darf. Worum geht es diesmal?
Monika Scheele-Knight: Es gibt Kinder mit Behinderungen, die nur mit Hilfe einer Schulassistenz lernen können. Zum neuen Schuljahr wurden für ganz Berlin 1177 Schulhelferanträge gestellt. Es geht also um eine vergleichweise kleine Gruppe von Kindern, für deren Beschulung das Land Berlin nun aber angeblich nicht mehr genügend Geld hat. Wir Eltern der schwerst beeinträchtigten Kinder sehen nicht ein, dass ausgerechnet an den Schwächsten nun gespart wird. Auch unsere Kinder haben ein Recht auf Bildung, wie jedes andere Kind.

Deine Bitte, für eine Anzeige in der taz zu spenden, wurde in vielen Blogs und auf Twitter verlinkt. Kannst du einschätzen, wie erfolgreich das war? Spenden die Verlinker auch selbst oder ist das Verlinken eher eine moralische Ersatzhandlung?

Scheele-Knight: Viele der Verlinker haben selbst gespendet, und dann kamen auch Spenden von Unbekannten mit dem Hinweis, über wen sie auf uns gestoßen sind. Uns hat auch erstaunt, dass so viele Leute über Paypal gespendet haben, eigentlich war das nur so eine Zusatzidee, von der wir dachten, dass es ganz schick aussieht, aber wahrscheinlich wenig genutzt wird. Etwa die Hälfte aller Spenden kamen dann aber tatsächlich über das PayPal-Konto.

Die Anzeige ist inzwischen erschienen. Ihr ruft weiter zu Spenden auf. Wofür?

Scheele-Knight: Wir wollen eine weitere Anzeige im Tagesspiegel schalten. Der Tagesspiegel hat als einzige Berliner Zeitung seit Schulbeginn noch nicht berichtet. Wir haben ca. 600 Euro Überschuss nach Bezahlen der taz-Anzeige. Es gibt eine große Resonanz auf unsere Online-Aktion, wie auch auf die daraus folgende Veröffentlichung der Anzeige in der taz.

Dass das alles über das Programmieren einer Spenden-Website und Verbreiten in Weblogs und auf Twitter so funktioniert, das ist schon ermutigend für uns: wo uns die traditionellen Medien zu großen Teilen im Stich lassen, haben wir unseren eigenen Weg gefunden, und jetzt springen plötzlich doch auch mehr und mehr traditionelle Medien ein. Montag Abend gab es z.B. einen ersten Fernsehbeitrag in der rbb-Abendschau.

Für das Web ediert von Bov Bjerg. Netzeitung auf Twitter.