Unsere Weblog-Kolumne: 

netzeitung.deGoogle und der Zoodirektor

 Herausgeber: netzeitung.de

Ist Google böse – oder nicht? (Foto: Screenshot: NZ<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Ist Google böse – oder nicht?
Foto: Screenshot: NZ
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Jeder meckert gegen jeden - und alle gegen Google. Überhaupt hat alles den Anschein, als sei die Hamburger Erklärung ein Dokument der Hilflosigkeit und die ganze Diskussion um Gratisinhalte nur ein virtuelles Trillerpfeifen.

Verlage gegen Google, Journalisten gegen Blogger, bloggende Journalisten gegen journalistischen Contentdiebstahl – die Lage ist unübersichtlich, aber mit ein wenig Anstrengung entwirrbar.

Aber der Reihe nach: Stellen Sie sich einmal vor, Sie wären Zoodirektor. 50 Prozent Ihrer Besucher kämen mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Busunternehmer, Bahn und Taxifahrer bezahlen zwar keinen Cent für die Fütterung der Tiere, verdienen aber sehr ordentlich an den Zoobesuchern. Da ist es doch nur allzu verständlich, dass Sie als Zoodirektor Geld von den Transportunternehmern fordern.

«Aber das ist doch Unsinn», sagen Sie, «der Zoodirektor profitiert doch schon von den Verkehrsbetrieben, denn sonst kämen nur Fußgänger.» Aber bedenken Sie doch bitte: Sie sind der Zoodirektor! «Ach so. Ja, dann sollen die bezahlen!»

Sehen Sie. So einfach ist das. Und schon haben Sie die Hamburger Erklärung verstanden.

Ein Dokument der Hilflosigkeit
In der Hamburger Erklärung fordern führende Verlage. Was von wem weshalb wird nicht ganz ersichtlich, denn es sind Großmeister der deutschen Sprache am Werk, es zeichnet sich die Hamburger Erklärung durch eine Inhaltslosigkeit aus, die ein Amateur so gar nicht hinbekäme.
Im Kern geht es wohl darum, dass Google an der Verlinkung journalistischer Inhalte verdient, die Verlage allerdings nicht am Gewinn beteiligt.

Der bloggende Journalist Stefan Niggemeier zieht das Fazit: «Es ist ein Dokument der Hilflosigkeit, ein ziellos-hysterisches 'So tu doch einer was', bei dem es auf Inhalte nicht ankommt, solange nur möglichst viele mitschreien. Kein Wunder, dass die einzelnen Verlage nicht wissen, was sie genau da unterschrieben haben, oder keine Lust haben, sich dazu öffentlich zu äußern. Es eint sie das Gefühl, dass irgendwer jetzt aber echt mal irgendwas tun muss – und es hilft sogar, die Forderungen nicht zu konkret zu formulieren, sonst fällt noch jemandem auf, wie radikal sie sind.»
Und Don Alphonso bietet die Erklärung in einer korrigierten Fassung an.

Beim Datenkraken eingerichtet
Im Blog für freie Journalisten des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) findet man es nicht nachvollziehbar, dass man Google einfach so machen lässt. «Es gibt Leute, die einem Stunden lang Geschichten von TOR, PGP und von sicherem Surfen erzählen können. Und die seit Jahren nichts anderes tun. Beim Thema Google fällt denen häufig nichts ein. Denn sie haben es sich beim Datenkraken schon eingerichtet, bei Googlemail angefangen und bei der obligation (sic!) Google-Werbung auf der eigenen Homepage.»

Erkennt man also den freien Journalisten am freien Umgang mit der Sprache? Es entbehrt es angesichts solcher Formulierkünste im hauseigenen Blog nicht einer gewissen Komik, wenn der Bundesvorsitzende des DJV Michael Konken sagt:

«Das Internet ist eine Plattform auch für Schmierfinken ganz besonderer Art. Schmierfinken, die sich als Journalisten bezeichnen.»

Dieser Michael Konken ist der Grund dafür, dass der bloggende Journalist Thomas Knüwer aus dem DJV austritt. Die Forderung des DJV nach Leistungsschutzrechten sei virtuelles Trillerpfeifen.

«Was mich aber anekelt sind die Äußerungen von Michael Konken, der Google ein 'Meinungsmonopol' unterstellt.» Knüwer weiter: «Meinung? Google will eine Meinung durchdrücken? Wohl eher der DJV. Er betreibt demagogische Meinungsmache.»

Jeder kann sich bei Google auslisten
Der bloggende Journalist Björn Sievers fordert den DJV auf, in der Wirklichkeit anzukommen. «Der Journalistenverband sollte das Internet und auch Google endlich als Realität akzeptieren – und seinen Mitgliedern nicht einreden, dass es als Hort der Kostenloskultur zu verdammen ist.»

Ulrike Kaiser, die stellvertretende Bundesvorsitzende des DJV antwortet Sievers: «Google hat sein erfolgreiches Geschäftsmodell auf der systematischen Auflistung und Verlinkung zu Beiträgen Dritter aufgebaut, für die das Unternehmen keinen Cent bezahlt. In Google News wird dieses Modell aktuell ausgeweitet.»

Frank Hamm erklärt in seinem Blog, was die Verlage tun könnten, wenn sie sich von Google behelligt fühlen: «Jedes Unternehmen kann auf seinen Websites in einer Datei 'robots.txt' umfangreiche Angaben hinterlegen, welche Suchmaschinen wie oder auch nicht die Website indizieren sollen. Alle gängigen Suchmaschinen wie Google, Yahoo, Bing halten sich daran. Wer also nicht möchte, dass beispielsweise Google die Website indiziert und dann Geld mit Werbung verdient, der kann genau die oben genannten Angaben zum User-agent und zum Disallow in die Datei eintragen. Und schon findet niemand mehr die Website von Burda über irgendwelche Suchmaschinen.«

Er fasst damit die Antwort Googles auf die Hamburger Erklärung zusammen, eine Antwort, die jedoch, wie Marcel Weiss auf netzwertig feststellt, in der deutschen Presselandschaft keine Beachtung findet.

Auch Spiegel-TV langt ordentlich hin
Der bloggende Journalist Michalis Pantelouris greift das Grundverständnis seines Berufsstandes an: «Unsere Branche tut immer noch so, als müsste es sie eben einfach geben, unabhängig davon, was sie produziert. (...) Die freie Rede ist wichtig, und zu Zeiten, als die Verbreitung von Informationen noch schwierig war, hat die freie Presse (wo es sie denn gab) eine Schlüsselrolle gespielt, aber 'der Journalismus' als solcher ist ein sehr theoretisches Konstrukt. (...) Die Frage an uns, die wir jahrelang gut und privilegiert in der Branche gelebt haben ist doch: Sind wir zuerst Anhänger der freien Rede oder Anhänger von gut bezahlten Jobs in einer komfortablen Branche?»

An den zahlreichen Meinungsäußerungen bloggender Journalisten wird deutlich: Die Fronten sind unübersichtlich. Auch die Stellungnahme von Ulrike Kaiser zeigt (wenn Sie die Zeit haben, den vollständigen Text zu lesen, dann sollten Sie es tun), dass es mitnichten eine geschlossene Front von Verlegern und Journalisten gegen «das Internet» gibt. Nun wird es jedoch etwas komplizierter.

Der bloggende Journalist Matthias Wagner hat in seinem Blog das Video einer Festnahme eingestellt. Kurze Zeit später erfuhr er, dass Spiegel TV dieses Video verwendet hat.

Der Leser Rainer weist auf netzpolitik darauf hin, dass dieses Vorgehen bei Spiegel TV gängige Praxis ist. «Ist nicht das erste Mal, dass Spiegel TV das macht. Von einem Freund wurden Videos von der Bundeswehr bzw. der Freizeit der Wehrdienstleistenden auf den Stuben, die er auf YouTube veröffentlicht hat, auch ungefragt für eine Sendung verwendet

Nach Schweigen muss der Anwalt ran
Wagner schaltete nach drei Mails, die unbeantwortet blieben, den bloggenden Anwalt Udo Vetter ein.

Stefan Niggemeier schreibt dazu:
«Das Magazin aus der Spiegel-Gruppe, die Seite an Seite mit den Herausgebern von 'Coupé' und 'Bild' gegen 'rechtsfreie Zonen' im Internet kämpft und gegen die 'zahlreichen Anbieter', die die Arbeit von anderen verwenden, 'ohne dafür zu bezahlen', hat sie auf YouTube gefunden und sich einfach bedient.»

Den Leser mosley irritiert allerdings etwas anderes: «Ich finde vor allem bemerkenswert, wie jetzt in dieser Variante auf einmal ganz und gar unstrittig der nette Herr Wagner das Opfer ist, dem selbstverständlich eine entsprechende Vergütung zusteht und der völlig zurecht einen Anwalt eingeschaltet hat.»

Und der Leser journalist setzt hinzu: «Stellt sich die Frage: Warum? Weil das eine 'Holzmedien' (doof und böse), das andere aber 'Internetizens' (schlau und lieb) sind? Nach objektiven, neutralen Kriterien wird da nicht unterschieden, jedenfalls nicht auf nachvollziehbare Weise.»

Wer ist hier bigott?
Ein Blogger filmt unter entspannter Umgehung der Persönlichkeitsrechte die Verhaftung einiger Hertha-Fans, stellt das Video aus, das Video wird völlig sinnfrei verwendet von einem Nachrichtenmagazin, woraufhin dem Blogger einfällt, dass er in dem Moment, als er die Kamera im Stile eines Bild-Leserreporters zitternd aus dem Fenster hielt, die Schöpfungshöhe locker erreicht hat und fordert nicht etwa Namensnennung bei Sendungswiederholung, sondern das gute alte geruchlose Tauschmittel Geld.

Wer ist nun also bigott? Die Verlage, die selber das machen, was sie beklagen oder die Blogger, die die Dynamik des freien Internets besingen und sich einen Anwalt nehmen, wenn jemand diese Freiheit wörtlich nimmt?

Man sollte sich vor moralischen Bewertungen hüten. Es geht um einen Verteilungskampf, in dem Blogger wie Niggemeier und Knüwer und Journalistenvertreter wie Ulrike Kaiser genau dafür stehen, was in dieser Situation eine Lösung verheißt: Sie laden immer wieder dazu ein, miteinander zu sprechen. Und Dialog tut Not, nicht Erklärungen, die keiner versteht.

Der Spiegel hat übrigens mittlerweile gezahlt. «Die Lizenzgebühr und Ihr Honorar sind bereits angewiesen und ich hoffe, kann es aber nicht garantieren, dass der Gesamtbetrag in den nächsten Tagen auf Ihrem Konto eingehen wird.»

Was Udo Vetter mit den Worten kommentiert: «Ich hoffe mal nicht, dass das jetzt die Hausbank oder größere Gläubiger nervös macht.»

Anhang
Eine Frau aus Chicago, einer Stadt, deren Namen auf dem indianischen Wort Checagou gründet und der Wikipedia zufolge «Land, das nach Zwiebeln stinkt» bedeutet, wurde von einer großen Maklerfirma auf 50.000 Dollar Schadensersatz wegen eines Tweets, in dem sie behauptete, Schimmel in der Wohnung zu haben, verklagt. Die Frau hat 20 Follower. Der Name der klagenden Firma Horizon Reality wurde durch die Klage Trending Topic bei Twitter. +++ Maximilian Buddenbohm macht einen – nunja: Spaziergang.+++ Kid37 schreibt über Rock und Wrestling. +++ Bei Hotel Mama wird ein Ariadnefaden der besonderen Art gelegt. +++ Mek Wito lässt einen Marienkäfer Läuse bekämpfen. +++ Blindschleichers Hund Nietzsche kann sich beinahe totstellen. +++ Olaf Kolbrück hat die mediale Wollmilchsau entdeckt.

Für das Web editiert von Malte Welding. Netzeitung auf Twitter.