Unsere Weblog-Kolumne: 

netzeitung.de«Spickmich» und der Doofheits-Algorithmus

 Herausgeber: netzeitung.de

Unsere Weblog-Kolumne 

Lupe «Spickmich» und der Doofheits-Algorithmus

Blogger und Twitterer diskutieren über das «Spickmich»-Urteil des Bundesgerichtshofes. Außerdem: Netzsperren, Ursula von der Leyen, Lindsay Lohan und Demi Moore. Der Blogblick.

Wenn Ihre verzweigte Analyse von Brechts Galilei oder Ihr kubistisches Frühwerk «Der Weihnachtsstern über Bethlehem» bewertet wurde - fanden Sie dann nicht auch, dass die Schulnoten ein zu grobes Raster darstellen, als dass die Tiefe Ihrer Gedanken angemessen gewürdigt werden könnte?

Das von der AOK geplante Bewertungsportal für Ärzte stieß auf heftige Kritik der Berufsverbände. Wie sollten denn Patienten in der Lage sein, das Schaffen der Mediziner zu beurteilen - sie seien doch schließlich keine Ärzte. Auch eine Lehrerin aus Moers, die auf dem Schülerportal Spickmich.de eine Durchschnittsnote von 4,3 erhielt, muss sich gedacht haben: Das sind doch keine Pädagogen, was erlauben Hinz und Kunz?

Bis zum BGH reichte ihre Wut darüber, dass ihre Kompetenz von ein paar Schülern verkannt wurde. Eine Wut, die sich jetzt noch gesteigert haben dürfte, denn das oberste deutsche Zivilgericht entschied nun, die Notengebungskompetenz bei den Schülern zu lassen. «Sieg der Meinungsfreiheit!», freut sich Slayer616 und so ist auch der Tenor der meisten Twitterer.

Internet-Rüpel oder Online-Gerechtigkeit?
«Zumindest ist auf die Judikative noch Verlass», bejubelt csmuc das Urteil und blickt schon in die Zukunft: «Ich hoffe, das Verfassungsgericht spielt bei #zensursula wieder mal den Ausputzer.» Ganz anders wertet der Weinreporter das Urteil. «Der BGH öffnet der anonymen Denunziation im Internet Tür und Tor. Wo bleibt der Aufschrei der #zensursula-Aktivisten?» Und weiter sorgt er sich: «Das heißt ein einziger Internet-Rüpel kann einen Lehrer mobben, als wärs die ganze Klasse.»

Weder netzpolitisch noch juristisch ist der Fall trivial. Melanie auf Literatenmelu verkennt den Kern des Problems, wenn sie schreibt: «Schon zu meiner Zeit wurden Lehrer bewertet. Wir hatten auf Papier eine Tabelle mit Namen der Lehrer und Kriterien wie z.B. Beliebtheitsskala, fachliche Kompetenz, menschliches Einfühlungsvermögen und Gerechtigkeit. Keiner von uns wurde für diese Handlung verklagt. Heute, im neuen Medienzeitalter, können die Kids sich die Mühe ersparen, Tabellen zu zeichnen. Stattdessen können sie nun ihre Pauker online und in einem gewissen Rahmen öffentlich bewerten, nach Kriterien, die die Plattform vorgibt.»

Meinungsfreiheit und Persönlichkeitsrechte
Der Unterschied zwischen Volksverhetzung und Stammtischgequatsche ist eben auch nur der Grad der Öffentlichkeit. Natürlich ist es ein Unterschied, ob ein paar Schüler sich untereinander darin einig werden, dass Frau Müller doof ist und Herr Schmidt schwitzige Hände hat oder ob alle Freunde, Verwandte, Bekannte und vor allem Kollegen von Frau Müller und Herrn Schmidt das nachlesen können.

Tino Keller, einer der Gründer von Spickmich.de erklärt allerdings auf basicthinking.de: «Zu allererst sind Bewertungen ja nur in Notenkategorien möglich. Dadurch findet bereits eine Kanalisierung der Meinungen statt. Darüber hinaus haben wir einen Algorithmus, der Frust- und Spaßbewertungen erkennt und meldet. Natürlich melden uns auch unsere User Auffälligkeiten, denen wir dann mit unserem Supportteam nachgehen. Die Kombination von automatischer uns sozialer Kontrolle funktioniert sehr gut.»

Und diese Vorsichtsmaßnahmen haben schließlich den Ausschlag gegeben bei der Abwägung zwischen der Meinungsfreiheit der Schüler und den Persönlichkeitsrechten der Lehrerin.

Kein Präzedenzfall
Thorsten Feldmann, einer der Anwälte der Spickmich-Betreiber, schreibt auf seinem Blog: «Die Belastungen der Lehrer erreichten im Ergebnis demnach keine Intensität, die die Freiheitsgarantie der Schüler und damit auch von spickmich überwiegen. Das Bewerten von Lehrern nach dem Schulnotenprinzip in Disziplinen wie 'guter Unterricht', 'cool und witzig', 'fachlich kompetent', 'motiviert' oder 'gut vorbereitet' ist also rechtmäßig. Die Lehrer haben dies hinzunehmen, insbesondere auch wegen der bei spickmich.de vorgesehenen Sicherheitsmechanismen.»

Hat Hanno also Recht, wenn er schreibt: «Ich finde heut darf die Generation C64 sich auch mal freuen»? Vielleicht würde es die Freude etwas trüben, wenn Hanno wüsste, dass der Fall Spickmich kein Präzedenzfall ist - wir sind hier nicht in Seattle, Nerd. Anders als im amerikanischen Recht entfalten nämlich in Deutschland Urteile ihre Wirkung nur für den behandelten Fall.

Und ob das Urteil nun den Datenschutz schwächt oder die Meinungsfreiheit stärkt? Weder noch. Das Gericht hat einer Lehrerin beschieden, dass sie Noten, die in einem sorgfältig geprüften Verfahren eruiert werden, hinnehmen muss. Niemand muss sich deswegen mobben lassen, niemand ist deswegen freier als zuvor.

Anhang

Don Dahlmann vermisst in der Auseinandersetzung um die Netzsperren die Unterstützung der kreativen Elite: «Wo sind denn die Literaten? Und wo die Musiker? Gut – niemand will wirklich einen Protestsong von 'Bap', aber das wäre immerhin mal etwas. Was machen die alle? War es nicht mal schick, sich für Bürgerrechte zu engagieren? Sich gegen einen Staat zu wehren, der sich zu stark in die eigene Freiheit einmischt? Und wo sind die Filmemacher und Schauspieler, die sich deutlich äußern, die einen Wandel wollen, die Angst vor der Gesundheitskarte, der Speicherung ihrer Daten und dem Verlust ihrer Rechte haben?» +++ Herr Salami befasst sich mit den twittersüchtigen Aufmerksamkeitsgeneratorinnen Lindsay Lohan und Demi Moore. «Achso, ja, natürlich, da sind auch noch so ein paar Iraker, Iraner oder sowas (irgendwas im Osten, aber nicht Dresdener!), die twittern auch, weil die nicht telefonieren dürfen oder sowas (vielleicht Akkus leer?). Die machen immer so voll gefährliche Straßenschlachten und weinen und bluten, rumms! Peng! Aber darüber haben die in 'taff' gestern Nachmittag komischerweise nicht berichtet. Vielleicht sollten die Iranesen (oder so!) auch mal Filme drehen oder weniger anziehen, so wie Lindsay und Demi, hm? Und wenn ich mit diesem Rat helfen konnte, gern.» +++ Auf Überschaubare Relevanz wird gejoggt: «Mit der Zeit fange ich dann an zu schwitzen, alles wird klebrig und juckt, irgendwelche ekligen Tiere fliegen mir ins Gesicht oder verfangen sich in meinen Haaren, meine Schuhe nehmen den Tau vom Gras auf und werden nass, bis es bei jedem Schritt richtig quitscht, und wenn das Wasser in den Schuhen warm wird, wird es erst richtig eklig.» +++ Le Connaisseur erklärt Placebo für tot.+++ Und auf Ruhrbarone gibt es einen Erlebnisbericht von einem Demonstrationsversuch in Gegenwart von Ursula von der Leyen. +++

Für das Web editiert von Malte Welding. Netzeitung auf Twitter.