Unsere Weblog-Kolumne: 

netzeitung.deWenn die SPD-Twitterer plötzlich schweigen

 Herausgeber: netzeitung.de

Frank-Walter Steinmeier im Willy-Brandt-Haus (Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH)

Lupe Frank-Walter Steinmeier im Willy-Brandt-Haus
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH

Bringt es etwa nichts, gut vernetzt zu sein? Nach dem EU-Wahldebakel begegnen die Blogger der SPD mit Spott, Mitleid und Unverständnis. Außerdem: Kurzinterview mit Stefan Niggemeier. Der Blogblick.

Sind wir, die digitalen Immer-alles-als-Erster-Kenner, die Twitter-Experten und Blogbescheidwisser diejenigen, die in Wirklichkeit überhaupt nichts mitbekommen? Da lese ich dutzende von Blogposts, in denen die Autoren die Piratenpartei empfehlen und denke: «Klar, die werden jetzt nicht gleich die Fünf-Prozent-Hürde schaffen, aber bekannt sind sie ja immerhin schon.»

Schließlich erklärten, so Bubbleboy, in einer Twtpoll-Umfrage am Wahltag, an der immerhin 2.319 Twitterer teilnahmen, «sagenhafte 56%, für die Piraten gestimmt zu haben». Und dann fragt mich gestern mein Physiotherapeut, ein kluger Mann mit magischen Händen, ob ich mich auch gewundert habe, was die «Piratenpartei» auf den Wahlzetteln zu suchen habe. Er sagte Piratenpartei wie man gemeinhin Clownsparade sagt. Ich murmelte irgendetwas von «kenne ich beruflich» und «Internetfreiheitsrechten» und kam mir vor wie ein Spezialist für Wanderdünen im Alaskaurlaub.

Ähnlich muss sich seit Sonntag die SPD fühlen. Da war seit Monaten der Trend zum Linksruck in allen Talkshows, in der Krise wurde klassische sozialdemokratische Politik gemacht, der Wahlkampf sorgte für viel Aufsehen (ich habe noch nie so viele Menschen über ein Wahlplakat reden hören wie über das mit dem Finanzhai), das Internet schien der SPD im Vergleich zum Koalitionspartner CDU wohlgesonnen, ja sogar der Wahlwerbespot der SPD war bei Youtube der meistgeklickte. Und dann das.

Eine mittelgroße Partei
Michael Spreng, als ehemaliger Wahlkampfmanager Edmund «Transrapid» Stoibers Experte für Untergänge, sieht das Ende der SPD als Volkspartei gekommen. «Die große traditionsreiche SPD hat ihre historische Rolle ausgespielt. Sie wird künftig eine mittelgroße Partei sein, die ihre strategische Funktion verloren hat.» Und warum das so ist, weiß Spreng auch: «Die große Koalition hat die SPD in einen Spagat gezwungen, den sie nicht bestehen konnte: sie ist heute weder Hüterin des Sozialstaates noch eine überzeugende Regierungspartei.»

Der Oeffinger Freidenker weiß es sogar noch genauer. «Die Basis ist in weiten Teilen gegen die Politik der Parteiführung, nur gibt es keine Alternative. (...) Dazu kommt, dass die derzeitige Führung der SPD eigentlich eine Partei innerhalb der Partei darstellt, sich nicht an deren Beschlüsse gebunden sind und eine Politik vertritt und ausübt, die mit dem Parteiwillen und vor allem dem Parteiselbstverständnis nur wenig zu tun haben.»

Chris von fixmbr sieht schon eine Merkelsche Epoche heranziehen. «Sie wird den Rekord 16 Jahre Helmut Kohl brechen. Ob nun in einer Großen Koalition oder in einer Schwarz-Gelben Koalition ist dabei unerheblich. Selbst Schwarz-Grün ist in Sichtweite. Die Grünen haben sich gefangen - Opposition ist sehr oft eben doch nicht Mist, wie es Franz Müntefering einmal ausdrückte. Es ist oftmals notwendig.»

Hohn und Spott
Bei Sisyphos Periodical hat man immerhin einen konstruktiven Vorschlag: «Falls es nicht bald eine Änderung bei der SPD gibt, sollte sie sich den Wahlkampf für den Bundestag sparen. So ca. 18 Prozent erreicht sie auch ohne Wahlkampf. Die eingesparten Wahlkampfkosten kann sie den Arbeitslosen spenden.»

Vom potenziellen Koalitionspartner, den Grünen, kommt nur Spott und schlimmer noch: eine Prise Mitleid. «Meinste, wir – Grüne – sollen bei der Versteigerung der Insolvenzmasse der SPD mitbieten? Würde lieber bei Wiederbelebung ('Beweg dich doch endlich, was ist los mit dir!!' Schüttel – Klatsch Ohrfeige) mitmachen.»

Und die Ruhrbarone hören nicht mal mehr ein Zwitschern - die Twitterer der SPD seien verstummt. «Vorbei die Zeiten, in denen uns begeisterte Nachrichten über Martin Schulz erreichten ('Martin Schulz hat das Tempodrom zum Kochen gebracht!') oder uns tiefe Eingriffe in den Alltag sozialdemokratischer Aktivisten gewährt wurde ('Gute SPD-Sitzung, Wahlhelfervorbesprechung war interessant'). Seit Sonntag herrscht Schweigen auf allen Kanälen.»

Eine Stimme kann entscheiden
An dieser Stelle muss ich um Gelassenheit bitten: Irgendein Sozialdemokrat hat natürlich immer etwas zu sagen. Jörg Thießen forderte eine Wahlpflicht samt 50 Euro Bußgeld bei Nichterscheinen. Heft-Klammer nennt ihn deswegen «SP-Depp» und kommt dafür in die Wortspielhölle.

Der Wähler ist nicht nur ein unbekanntes Wesen, er ist auch vom Aussterben bedroht. Die geringste Wahlbeteiligung seit der Erfindung der Demokratie in Athen - und niemand kann sich damit herausreden, seine Stimme sei doch sowieso nicht von Belang. Bei Solokarpfen hat man recherchiert und kann wissenschaftlich fundiert exakt sagen, was eine Stimme wert ist: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Stimme entscheidend sein kann, liegt bei 100 Millionen Wählern immerhin bei 0,006 Prozent.

Wo wir gerade bei Zahlen sind; Reizzentrum hat ein paar von ihnen addiert. «SPD 20,8%, Grüne 12,1%, Die Linke 7,5 - Summe: 40,4%. Summe CDU/CSU: 37,9%». Es sei im Grunde also wie immer - die großen Blöcke stünden sich in etwa gleich stark gegenüber und Zünglein an der Waage sei die FDP.

Nun ist Fußball keine Mathematik, Politik aber eben auch nicht. Nicht jeder Wähler der Sozialdemokraten möchte sich ein Lager mit der Linkspartei teilen. Auf die Linke wird sich die SPD nicht verlassen können. Aber die Kraft zur Erneuerung ist dieser uralten Partei immer noch zuzutrauen. Schon fliegen ihr neue Sympathien aus den Blogs entgegen. Aber was heißt das schon? Ich werde meinen Physiotherapeuten fragen.

Anhang

Interview mit Stefan Niggemeier, Blogger und Journalist.

Du beschäftigst dich in deinen Blogs überwiegend mit den Fehlleistungen des deutschen Journalismus - überwiegt da die Freude über die Fundstücke oder die Verzweiflung?

Stefan Niggemeier: Freude nicht, aber Verzweiflung muss es auch nicht gleich sein. Es gibt ja sehr unterschiedliche Arten von Fehlleistungen. Oft ist es einfach interessant und lehrreich (oder auch nur: unterhaltsam) aufzuschreiben, was irgendwo schiefgelaufen ist und warum.

Verzweiflung ist nur dabei, wenn System dahinter steckt. Wenn Medien glauben, dass Recherche und Sorgfalt ein Luxus sind und nicht eine Notwendigkeit. Wenn Medien es ablehnen, für das, was sie publizieren, Verantwortung zu übernehmen und Rechenschaft abzulegen. Wenn Journalisten sich damit abfinden zu sagen: Mehr ist halt nicht möglich, angesichts knapper Ressourcen, wir können halt nicht garantieren, ob das überhaupt stimmt, was wir schreiben. Kein Autohersteller würde auf die Idee kommen, bei der Produktion so sehr zu sparen, dass die Autos nicht mehr fahren.

Gibt es irgendwelche erfreulichen Entwicklungen auf diesem Gebiet?

Niggemeier: Also, zunächst einmal gibt es natürlich viele Beispiele für guten, vorbildlichen, professionellen Journalismus, die in meinen Blogs immer viel zu kurz kommen. Aber es gibt tatsächlich auch erfreuliche Entwicklungen. Der «Spiegel» hat zum Beispiel unter der neuen Chefredaktion damit begonnen, seine Fehler im Heft zu berichtigen. Und diese Woche habe ich zum ersten Mal entdeckt, dass sogar die Online-Ausgabe der «Berliner Morgenpost» eine Seite mit Korrekturen hat.

Hast du eine Beißhemmung, was Fehler in anderen Blogs angeht? Oder legst du bei denen andere Maßstäbe an?

Niggemeier: Ich habe da keine Beißhemmungen, aber ich bin davon überzeugt, dass wir professionellen Journalismus brauchen, und zwar «professionell» in doppeltem Sinne: als Beruf und als Arbeitsweise. Blogger können recherchieren und transparent sein; Journalisten müssen es.

Für das Web ediert von Malte Welding. Netzeitung auf Twitter.