Unsere Weblog-Kolumne: 

netzeitung.deZensur, wohin man auch klickt

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Vor allem sie bekommt den Ärger der Blogger zu spüren: Ursula von der Leyen (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Vor allem sie bekommt den Ärger der Blogger zu spüren: Ursula von der Leyen
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die geplanten Netzsperren der Bundesregierung sorgen zusammen mit neuer Porno-Filtersoftware in den Blogs für eine ungeahnte Politisierung. Außerdem: Kurzinterview mit Blogger Matthias Schumacher. Der Blogblick.

Die politische Rauflust, die in deutschen Blogs über lange Zeit vermisst wurde, nimmt derzeit zu. «Vor gar nicht so langer Zeit wurde von verschiedenen Seiten, meistens irgendwelchen Zeitungsverlagen und deren Anti-Webjournalisten, behauptet, das Web 2.0 wäre nur ein unpolitischer Spielplatz für Singles», schreibt der Blogger Weltherrscher.

Er fährt fort: «Man kann sicherlich sagen, ja, viele Singles sind im Web und spielen dort (auf die eine oder andere Weise), aber dennoch, dank Zensursulas Frontalangriff auf die Meinungsfreiheit durch die Schaffung von Zensurmöglichkeiten wird das Web 2.0 immer politischer.»

Speerspitze dieser zunehmenden Politisierung ist Netzpolitik.org, das in der vergangenen Woche erstmals auf Platz 2 der meistverlinkten deutschen Blogs vorgestoßen ist. Der Erfolg von Netzpolitik.org ist verdient. Wo sonst fände sich ein so nützlicher Beitrag wie «Kleines How-To: Kontaktiere einen Abgeordneten»?

«Abgeordnete kann man anschreiben. Dies geht per Mail, aber wirkungsvoller sind Briefe und Faxe. Diese müssen erstmal haptisch in die Hand genommen werden und dafür gibt es keine Spam-Filter.» Netzpolitik-Blogger Markus Beckedahl weiß einfach sehr genau, für wen er schreibt: Seine Leser würden von sich aus eher keine Briefe schicken, ihnen ist eben der Sende-Button näher als die Briefmarke.

Bestimmte Stellen
Was aber macht die Gegenseite in diesem Konflikt, also unsere Familienministerin? Hören wir doch mal für einen Moment Ursula von der Leyen zu. '«Eine Stelle im Browser» fantasiert sie herbei, die dafür sorgen soll, «dass, wenn Zivilcourage gefragt ist - 'Bitte schaut hin' - jemand auch reagiert». (Ist ein Semantiker anwesend?) Ein Transkript der Rede findet sich auf Unpolitik.de, aber auch in schriftlicher Form bleibt der Worte Sinn dunkel.

Auch Oldman ist sich nicht sicher, ob er Ursula von der Leyen richtig verstanden hat, glaubt aber, es solle eine Schaltfläche installiert werden, mittels derer die User kundgeben können sollen, dass sie den Inhalt der gerade angesurften Seite bedenklich finden. «Wer der Empfänger dieser Mitteilung sein wird, ließ Frau v.d.Leyen noch offen. Neckermann? Allianz? BKA? Damit erwischt sie natürlich zielgenau eine Schwachstelle im Geiste kranker Internet-User. Meckern, mosern, anschwärzen machen sich ja schon jetzt einige Spacken zum Lebensziel. Welch' Wonne wird es sein, seinen ungeliebten (Netz-) Nachbarn zu verpetzen.»

Bei @ennomane bringt die Rede der Ministerin noch ganz andere Assoziationen in Gang: «Irgendwie erinnert mich das an die Sache mit den Irakis und den kuwaitischen Brutkastenbabys».

Zensierende Filter
Aber Zensur droht nicht nur aus den Reihen der hohen Politik. Auch die Pornoindustrie kämpft für ein sauberes Netz. Die Pornoindustrie? Und Greenpeace macht Werbung für ein japanisches Walfettshampoo? Der Reihe nach.

Jugendschutzprogramm ist ein Netzfilter. Um den Internetkonsum ihrer Kinder besorgte Eltern sind gehalten, diesen Filter zu installieren, um sicherzustellen, dass die kleinen Surfer vor Gewalt und Erotik geschützt werden. Aufgefallen ist das Programm in dieser Woche dadurch, dass reihenweise gänzlich harmlose Seiten registriert wurden. Beispielsweise das Bildblog: «Die Seite bildblog.de ist bereits in unserem Filter enthalten und wird als 'Allgemein ab 16' eingestuft.»

Aber nicht «Bild.de»: «Die Seite Bild.de wird von uns für unbedenklich gehalten.» Die an sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmalen so reiche Seite der «Bild»-Zeitung ist unbedenklich, das brustlose Bildblog aber erst ab 16 zu empfehlen? Ein Blick in die Reihe der Unterstützer von Jugendprogramm.de klärt auf: «Bild.de» ist dabei. Und «Bild.de» findet sich in bester Gesellschaft: Von Orion bis Beate Uhse ist dort das Who is Who der deutschen Pornoszene vertreten.

Internet-Streusandtaktiken
Da werde doch der Bock zum Gärtner gemacht, erinnert man sich auf wend.de an ein altes Floristensprichwort. Ganz und gar nicht, findet der Rechtsanwalt Marko Dörre, langjähriges Mitglied des gemeinnützigen Vereins zur Förderung des Kinder- und Jugendschutzes in Telemedien, der die Software JusProg hat erstellen lassen.

Auf seinem Blog, das sinnigerweise Pornoanwalt.de heißt, führt er aus: «Jugendliche sind keine Geldbringer, also uninteressant für Erotikunternehmen. Schlicht keine Zielgruppe. Ganz im Gegenteil: Wenn Jugendliche über XXX-Websites surfen, dann verursachen sie zusätzliche Traffic-Kosten. Erotikunternehmen wollen keine Jugendlichen auf ihren Internetseiten. Ein guter Grund eine Jugendschutz-Software zu programmieren. Und nicht zu vergessen: Die meisten Erotikunternehmer sind ebenfalls Eltern. Ihre Kinder surfen auch im Internet.» Von Gärtnerei betreibenden Böcken könne also keine Rede sein. Von Hilfspolizist spielenden Geschlechtsteilefilmern aber schon, oder?

Michael Freitag rät dann auch in den Kommentaren zu dem Eintrag: «Als Anwalt sollten Sie die lateinische Wortgruppe 'In dubio pro reo' und die Frage 'Qui bono' zumindest in Gedanken sauber vorsortiert haben, bevor Sie hier in Internet-Streusandtaktiken verfallen.»

Ein Fernsehtipp
Auf Jugendschutzprogramm findet sich übrigens schon eine Stelle, «die man anklicken kann, dass wenn Zivilcourage gefragt ist – Bitte schaut hin! – jemand auch reagiert.» (Machen Sie mich bitte nicht für die grammatikalische Fragwürdigkeit dieses Satzes verantwortlich). Man kann dort missliebige Seiten melden. Wenn doch nur alle soviel Zivilcourage hätten, auf das Bildblog hinzuweisen.

Von 11 Uhr bis 12 Uhr 55 übertrug das Bundestagsfernsehen am Mittwoch die öffentlichen Anhörungen des Ausschusses für Wirtschaft und Technologie zum Thema: «Bekämpfung der Kinderpornographie in Kommunikationsnetzen».

Anhang

Kurzinterview mit Matthias Schumacher, Betreiber des Blogs Die Erklaerung.

Dein Blog gibt es erst seit Anfang des Jahres. Dabei flacht der große Hype um Blogs langsam ab. Warum fängst du gerade jetzt an?

Matthias Schumacher: Vom Abflachen habe ich erst erfahren, als ich schon angefangen hatte. Da war es also zu spät, um gar nicht erst anzufangen. Ich halte das auch für aufgebauschtes Gerede. Gute Blogs, die sich immer wieder neu erfinden, wird es noch lange geben. Als der Homepage-Boom losging, musste jeder eine haben. Jeder Hausmeister und jede Hausfrau. Bitteschön! Mit den Blogs war das ähnlich. Bitte! Und wenn jetzt einige davon aufgeben, weil niemand deren unregelmäßig veröffentlichte Befindlichkeiten studieren möchte, bitteschön. Im übrigen flacht bei mir im Blog gar nichts ab.

Du hast allein in diesem Monat 64 Artikel gepostet - mehr als die meisten Top-Blogger. Wo nimmst du den Enthusiasmus her?

Schumacher: Ich habe wie die meisten Blogger ein ungeheures Mitteilungsbedürfnis. Vielleicht sogar ein noch größeres als andere. Außerdem glaube ich, wie alle Blogger, immer im Recht zu sein. Viele Blogs kratzen nur an der Oberfläche, da ist Meinung oft gleich Wahrheit. Meinung ist einfach. Recherche dauert etwas. Ich verstehe mich ein bisschen als Korrektiv, denn vieles kann man so nicht stehen lassen, sonst glaubt es noch einer. Ganz wichtig ist mir auch, ein paar meiner Gedichte und Kurzgeschichten unters Volk zu bringen. Ich bin thematisch ziemlich hemmungslos.

Was könnte dich wieder zum Verstummen bringen?
Schumacher: Recht wenig. Leserzahlen sind in dieser Zeit der Feedreader eh kaum zu ermitteln. Und da ich sehr von mir überzeugt bin, sehe in ich in jedem Kommentar, der nicht geschrieben wurde, eh eine Art stummen Zuspruch. Problematisch wird es, wenn mir die Themen ausgehen und ich mich selbst langweile, aber das hält ja kaum einen Blogger ab. Also muß ich an dieser Stelle alle Hoffnungen auf ein baldiges Ende zerschlagen.