15.05.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Wenn die Generation Digital stinkig wird
Folgt auf die Online-Petition gegen «Zensursula» ein Misstrauensantrag gegen die Offline-Regierung? Blogger diskutieren über Politik in der ersten Person Plural. Außerdem: Mexiko-Grippe, Wolfram Alpha, Alice im Wunderland. Der Blogblick.
Die Bürgeraktion «Umweltschutz Zentrales Oberrheingebiet» (BUZO) wurde 1971 aus dem Widerstand gegen die Expansionspläne der Erdölraffinerien in Karlsruhe-Knielingen gegründet. Diese Bürgeraktion war eine der ersten
Keimzellen der Umweltbewegung, aus der wenige Jahre später Die Grünen hervorgingen.
Vielleicht ist es also gar nicht vermessen, wenn
Cem Basman angesichts der
gewaltigen Beteiligung an der
Petition gegen Netzsperren einen Aufbruch der neuen Generationen sieht. «Heute im Internetzeitalter ist es die Freiheit der Rede. Der Ideen. Der Kommunikation. Die Zensursula-Aktion ist nur ein Mosaiksteinchen dadrin. Was wird daraus entstehen?», fragt er.
Und
antwortet: «Diese Generation ist nicht unpolitisch wie viele behaupten. Ganz und gar nicht. Ganz im Gegenteil. Sie steht in der
Tradition der großen gesellschaftlichen und sozialen Aufbrüche. Sie hat ihre eigene Sprache und Symbole. Ihre Slogans. Ihre Leitfiguren und Leitbilder. Sie drückt ganz genau aus, was sie will und erwartet. Und wie ihre Vorgänger packt sie selber an und wartet nicht auf bessere Zeiten. Ob das nun ihre Eltern- und Grosselterngenerationen nun zulassen oder nicht. Sie wird ihren Weg gehen.»
Brenrhad kommentiert zustimmend: «Ich glaube, das Potenzial, was sich darin versteckt, ist noch nicht annähernd klar. Jedenfalls kann sich klassische Politik von ihren Verfahren verabschieden. Es zählt nicht mehr die Parteibindung, sondern nur noch die Themenbindung.
Politisches Gatekeeping funktioniert nicht mehr. Der Politiker als Protagonist einer 'Richtung' fällt als Hülle zusammen, weil die in ihm und von ihm vertretenen Ideen die Kontradiktion nicht aushalten.»
Enger Fokus der Internetakteure Im
Querblog wird
Basman dagegen widersprochen: «Die Themen, um die es (..) im Internet, jedenfalls nach meinem Eindruck, im Wesentlichen geht, sind auf ganz wenige Bereiche begrenzt. Diejenigen, die sich hier tummeln, interessieren sich in meiner Wahrnehmung ganz überwiegend dafür, welche
Limits ihrer virtuellen Freiheit durch unverständige Politiker gesetzt werden.»
Der Blogger
bemängelt weiter den engen Fokus der Internetakteure: «Risiken, die durch soziale Verwerfungen als
Folge der Wirtschaftskrise für unsere Demokratie entstehen, kommen bei Bloggern im Vergleich zu diesem Thema kaum vor. Ich konzediere, dass ich mir als 55jähriger andere Gedanken mache als das junge Leute tun. Das ist wahrscheinlich auch richtig und gut so. Trotzdem teile ich Cems geradezu euphorische Bewertung nicht.»
Und auch
Oliver Herold fragt sich, was bisher blieb «im Meer der Buttons, Shirts, Slogans, Kampfreden.» Eine
«politische Popkultur» sieht
Herold. «Eine Zier wie seinerzeit das Shirt mit Ches Konterfei - viele, die mehr über diese Art von Freiheit erfuhren, ließen das Shirt recht schnell Shirt sein, andere fröhnten weiterhin dieser Art von plakativer politischer Zuschaustellung ohne jedwede Tiefe.»
Verschwindende Minderheit oder Systemdestabilisierer? Den Autor von
Wortkomplex plagen darüber hinaus
Selbstzweifel: «Relativ schnell fragt man sich, ob man mit seinem täglichen Online-Konsum und der digitalen Abhängigkeit eigentlich nicht doch eher zu einer
Randgruppe gehört, die irgendwann wieder vom Bildschirm verschwindet. Ob man sich und seine Lebensgestaltung nicht selbst zu ernst nimmt.»
Wesentlich mehr Bedeutung wird dem Internet und seinem politischen Potenzial dagegen bei
Netzwertig zugesprochen: «Ein disruptives Medium wie das Internet, das diese etablierten Kanäle umgehen kann,
destabilisiert potentiell das ganze System. Und das bringt für alle Beiteiligten wesentliche Risiken mit sich. Politiker, Manager, Werber, etablierte Journalisten und Kulturheroen mögen aber keine Risiken. Die meisten entwickeln darum eine intuitive Ablehnung gegen die destabilisierende Technologie, auch wenn sie die Details vielleicht nicht verstehen.»
Also was denn nun? Verschwindende Minderheit oder Systemdestabilisierer, eine politische Generation im Aufbruch oder Poprebellen, die für ihren Protestmarsch nicht einmal aus dem Bürostuhl aufstehen müssen? «In der Mitte liegt die Wahrheit, da liegt sie doch immer», schreit meine Vernunft, aber mein animalischer Politikinstinkt ist ganz bei Basman.
Minderheit mit guten Argumenten Ja, es ist eine Minderheit, die sich da engagiert, aber es ist eine Minderheit mit guten Argumenten, eine Minderheit, die mit ihren Vorstellungen von Meinungsfreiheit nicht im Parlament vertreten wird.
Diese Minderheit ist denkbar heterogen, aber auch Die Grünen hatten ihre - am Anfang im Verdacht des Ungewaschenseins stehenden - Wurzeln in den verschiedenen Milieus.
Man nimmt heute allzu schnell als gegeben hin, was in Wirklichkeit ein unfassbarer Wandel ist. Heute publizieren Menschen, die noch vor zehn, 15 Jahren einzig die Wahl hatten, ob sie umschalten, weiter «Wetten, dass...» schauen oder den Fernseher ausmachen. Und diese Menschen machen sich Gedanken über die Freiheit der Publikation, oft über das Ziel hinausschießende, aber doch immer mit staunenswerter Leidenschaft vorgetragene Gedanken, die unsere Demokratie lebendig halten.
Nehmen wir den Fall des Bloggers
Pantoffelpunk. Dessen satirische Version einer
Sperrseite wurde am Dienstag - vermutlich auf sanften Druck des Bundesinnenministeriums -
vom Netz genommen. Der Webhoster
begründete seinen Schritt: «Die auf der betreffenden Domain bis zum 12.05.2009 einsehbare Webseite ahmte den Internetauftritt des Bundesministeriums des Innern nach. Die Art und Weise der Gestaltung der Webseite, insbesondere unter Verwendung des
Logos des Ministeriums und des Bundesadlers, führten zu einer auf den ersten Blick für Besucher der betreffenden Webseite nicht zwangsläufig als Satire zu identifizierenden Darstellung. Daneben waren auch die Verlinkungen der Webseite so gestaltet, dass sie auf die Seiten des 'echten' Internetauftritts des Bundesministeriums des Innern verwiesen. Die sich damit insgesamt ergebende Gefahr der Herkunftstäuschung muss die Bundesrepublik ebenso wenig hinnehmen wie jede andere Person.
Sofort bildete sich eine
große Koalition, an der die Businessblogger von
Basic Thinking ebenso
beteiligt waren wie zahllose
Twitterer und Blogger, die vermutlich zu etlichen
politischen Themen nicht
dieselbe Meinung haben.
Rückkehr des Sponti-Humors Aber in den Anfängen einer Bewegung gilt eben kein Fraktionszwang - und auch die, die sich selbst für unpolitisch halten, können sich
engagieren: «
Ich bin politisch - und das habe ich hier schon öfter erwähnt - nicht so ambitioniert wie viele meiner Bloggerkollegen, aber jetzt gilt es, jede Möglichkeit zu nutzen, unsere Kräfte zu bündeln. Ein Blogbeitrag, eine Petition, ein Tweet - das alles sind kleine Bausteine.» Der
Spontihumor jedenfalls
lebt wieder auf. Und längst drängt es die Bewegung aus dem Netz ins wahre Leben.
Christian Bahls beispielsweise
organisiert einen Flashmob, bei dem aus einem bedrohten Buch gelesen werden soll - dem
Grundgesetz. Man sollte sich diese
Grafik, die
Frank Westphal aus den Profilen von Twitterern, die die Petition unterschrieben haben, erstellt hat, ruhig aufbewahren. Wer weiß, welcher dieser Pixelwerfer einmal unser Außenminister sein wird.
Zum Schluss noch eine
Weisheit aus dem
Netzguerillakampf:
@TheMutti: «#zensursula kampf bedeutet auch: kämpfen, ideenreich handeln, gegner identifizieren, langer atem, kurze pause, tarnung, wahrheit, vepflegung».
@Euphoriefetzen: «#
huh twitter geht wieder. ich hätte beinahe 'ne zeitung gelesen.» +++ Die
Kaltmamsell unterhält sich mit ihrem Körper. +++ Ein Blumenhändler
deprimiert Bosch. +++
Screencast von
Stephen Wolfram zu seiner Suchmaschine
Wolfram Alpha. +++
@misscaro: «
sitze schniefend und hustend im ice. werde von den mitreisenden kritisch beäugt.»
@flueke: «@misscaro:
gemein wäre es, jetzt das telefon zu zücken und simuliert vom mexikourlaub zu erzählen...».
Nilz Bokelberg liest Alice im Wunderland. +++
Lukas Heinser entdeckt einen Klammeraffenbumerang. +++