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netzeitung.deDie Karawane zieht weiter

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Wird hier alles kurz und klein geschrieben? Twitter (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Wird hier alles kurz und klein geschrieben? Twitter
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Stecken die deutschsprachigen Blogger in einer tiefen Krise? Oder war es das schon wieder mit der Bloggerei? Ist vielleicht sogar Twitter schuld? Außerdem: Mexikanische Grippe, Tarantino, Todesanzeigen. Der Blogblick.

«Die deutschsprachige Bloglandschaft steckt seit einiger Zeit in einer Depression. Im besten Falle wird zwar beobachtet, was die Nachbarn so machen, aber ein wirkliches miteinander findet meist nur in Ausnahmefällen statt. Die gute alte Blogroll ist aus den meisten Layouts verschwunden oder leidet an Altersschwäche. Wir kochen vor allem unser eigenes Süppchen.»

Mit diesen Sätzen leitete der StyleSpion vor zwei Wochen seine Aktion «Ein Herz für Blogs» ein. Die Aktion war mit über 500 Teilnehmern ein riesiger Erfolg. Aber ein Problem haben die Blogs weiterhin. In den Top 10 der meistverlinkten (die häufig als die meistgelesenen bezeichnet werden, was jedoch grob falsch ist) Blogs haben sämtliche Blogs dramatisch weniger Verlinkungen aufzuweisen, wenn man den aktuellen mit dem Höchststand vergleicht (lediglich StyleSpion konnte durch seine Aktion so viele Links einheimsen, dass er so gut dasteht wie nie zuvor).

Der Blogger Popkulturjunkie, der Woche für Woche die deutschen Blogcharts erstellt, hat Twitter als Grund für diese Entwicklung ausgemacht. Er hat die Zahl der sogenannten Backtweets, also der Links, die von Twitter aus gesendet werden, mit der Zahl der Verlinkungen durch andere Blogs für die ersten 25 der Charts verglichen. «11 der 25 Blogs wurden in der vergangenen Woche von mehr Twitterern verlinkt als von Blogs. Die Gesamtzahl der Links auf die 25 Blogs lag mit 700 bei Twitter sogar über der Zahl bei Technorati (679).» Twitter sei demzufolge eindeutig einer der Hauptgründe für den Niedergang der Verlinkungen in der deutschen Blogosphäre.

Twitter kannibalisiert das Bloggen
Auch andere geben Twitter die Schuld an der Blogdepression. Der amerikanische SEO (Suchmaschinenoptimierer) randfish schreibt auf seomoz: «2006 konnte ein populärer Blogpost oder ein wie auch immer geartetes Stück Content eine bemerkenswerte Menge an Blogaktivität generieren. Es war nicht ungewöhnlich, dass ein paar hundert kleine und mittelgroße Blogs und Nachrichtenseiten die Geschichte aufgenommen haben, ein paar Gedanken hinzufügten und Links erzeugten. Heute dagegen hat man selbst bei sehr populären Inhalten Glück, wenn ein paar Dutzend Blogs und traditionelle Webseiten darüber schreiben. Was ist passiert?»

Randfishs Theorie: Beim Bloggen gehe es mittlerweile weniger darum, etwas mit seinem Netzwerk zu teilen. Im Vordergrund stehe vielmehr der Ausbau der eigenen Bedeutung, des eigenen Geschäfts. Blogger seien professioneller, mehr auf sich selbst bezogen und die Verlinkung anderer habe somit weniger Wert. Darüber hinaus kannibalisiere Twitter das Bloggen. «Wegwerfinhalte (ein lustiges Bild oder Video, ein schneller Post) werden nahezu keine Links erhalten, selbst wenn Hunderte Menschen sie auf Twitter teilen.»

Das Problem ist nicht in erster Linie der durch geringere Blogverlinkung ausbleibende Traffic, der wird durch Backtweets zumindest teilweise ausgeglichen. Das Problem ist der ausbleibende Google-Juice. Denn der Rang in den Suchergebnissen richtet sich nach der Zahl der Verlinkungen. Hinweise über Twitter werden nicht gewertet.

Google hat sich verändert
Als das Bloggen noch jung war, so Paul Boutin in Wired, seien Blogposts regelmäßig an der Spitze der Google-Suchergebnisse aufgetaucht, angetrieben von zahlreichen Links anderer Blogger. Suche man heute nach Obamas jüngster Rede, spucke Google stattdessen eine Wikipedia-Seite, einen Fox-News-Beitrag oder andere professionell erstellte Beiträge aus. «Die Chancen deines cleveren Beitrags, weit oben auf der Liste zu erscheinen? Im Grunde null.»

Ein Kommentator bei problogger.net schlägt daher vor: «Twitter muss gezielt nach Links durchsucht und in den Suchmaschinenresultaten benutzt werden. Vielleicht könnte Google auch eine Twitter-Sektion einrichten.» Aber Boutin sieht noch andere Gründe für den Niedergang der Blogs: «Billiglohn-Journalisten und Underground-Marketing-Kampagnen ersäufen die authentischen Stimmen der Amateur-Wortschmiede. Es ist beinahe unmöglich, außer von Trollen von jemandem bemerkt zu werden. Und warum auch die Schererei? Die Zeit, die man braucht, um witzige, scharfzüngige Posts zu verfassen, verbringt man besser mit Selbstdarstellung auf Flickr, Facebook oder Twitter.»

Darüber hinaus ziehe ein Blog nur noch die niedrigste Form des Netzlebens an: den Kommentator, dem es nur darauf ankomme, zu beleidigen. Twitter sei für die Gegenwart was die Blogosphäre für 2004 war. Alle Blogger des goldenen Zeitalters seien dort. Boutin fasst abschließend seinen Post als Tweet zusammen: «@WiredReader: Kill yr blog. 2004 over. Google won't find you. Too much cruft from HuffPo, NYT. Commenters are tards. C u on Facebook?»

Twitters niedrige Retention-Rate
Headshift widerspricht deutlich: «Der Aufstieg von Twitter und Social-Network-Diensten kann den Niedergang der Tagebuch-Blogger beschleunigen, aber auf keinen Fall bedeuten diese neuen Möglichkeiten das Ende des Bloggens als einer Plattform und als Technologie für das Veröffentlichen und aussagekräftige Partizipieren am Austausch von Ideen, Informationen und Meinungen.»

Erstaunlicherweise ist auch der vermeintliche Blogkiller Twitter nicht unverwundbar. Basic Thinking zufolge nutzen 60 Prozent derer, die sich bei Twitter anmelden, im Folgemonat bereits ihren Account nicht mehr. «Auch im Vergleich mit den beiden großen Online-Plattformen Myspace und Facebook kommt Twitter nicht gut weg. Demnach war die so genannte Retention-Rate (also die Zahl der Rückkehrer) in den Boom-Monaten mit knapp 70 Prozent fast doppelt so hoch wie aktuell bei Twitter.»

Einen Aspekt habe ich bisher ausgelassen - den quasi-religiösen Konflikt, ob Twitter, Blogs oder alteingesessene Medien denn nun besser seien. Schließlich muss man eine Qualitätsdebatte offensichtlich nicht führen, wenn man die Vorzüge der verschiedenen Medien vergleicht. Als Beispiel möge die Schweinegrippe dienen. Basic Thinking schreibt über hysterische Tweets und XKCD hat einen sehr komischen Cartoon über eben diese Hysterie erstellt.

Wechselwirkungen
Schaut man sich aber diesen - «Das Gerippe des Journalismus» betitelten - Post bei Stefan Niggemeier an, kommen einem Zweifel, ob die etablierten Medien soviel sachlicher und sorgfältiger berichten. An Doofheit kann es Twitter also schon einmal mit den deutschen Medien aufnehmen.

Und Tweets können ebenso erheiternd sein wie Blogkommentare: @Euphoriefetzen: «hat den schweinen denn niemand gesagt, dass sie nichts bauchfreies anziehen sollen?» - @josh_k_phisher: «Traurige Erkenntnis nach dem Blick ins Portemonnaie: #scheinegrippe». - «60 Jahre Grunzgesetz» (Sebastian bei Pantoffelpunk).

Wenn man Twitter und Blogs nicht als Antagonisten, sondern als sich ergänzende Werkzeuge sieht, haben sie jedoch immer noch eine spürbare Wirkung. Ein Artikel der Bloggerin Lanu auf Boocompany über Nazigruppen auf Facebook war von der «FAZ» bis zum «Greenpeace-Magazin», vom «Focus» bis zur «Alsfelder Allgemeinen» durch die Medien gegangen. Lanu resümiert: «Der Artikel wurde rund 11.500 mal auf Boocompany gelesen. Selbst die 'weltweiten' Verlinkungen nach der DPA-Meldung in ungewohntem Ausmaß lockten aber nur wenige Blogger hinter dem Ofen vor. Anders die Story um Zensursulas Bruder. Die wird bis heute eifrig auf Twitter rumgereicht und auch in Blogs und Foren verlinkt. Der Zähler steht dort bei 17.500 Klicks, ohne Old-Media Aufmerksamkeit.»

Klick- und Quotenschwund
Nun sind die Klickzahlen von Lanus Erfolgsgeschichten zwar für hiesige Blogverhältnisse aufsehenerregend, nicht aber nach den Vorstellungen des Werbemarktes oder etablierter Medien. Liegt also im Erfolg noch ein Indiz für den Untergang? In einem extrem diversifizierten Markt sind Leser-, Klick- oder Zuschauerzahlen naturgemäß im Niedergang begriffen.

RTL vermeldet stolz einen neuen Quotenrekord für DSDS: 3,39 Millionen Zuschauer bei den 14- bis 49-Jährigen; eine Quote, die man vor 20 Jahren mit einer Nachmittagssendung über das Geschlechtsleben der Grottenolme erreicht hätte. Ein erfolgreicher Blogger freut sich über ein paar tausend Klicks, ein Twitterer, wenn sein Tweet ein paar dutzend Leser findet und jemand, der sein Facebookprofil aktualisiert, bekommt eine Rückmeldung seiner zehn besten Freunde.

Nicht die reine Größe kann heutzutage mehr der Maßstab sein, schon gar nicht der Vergleich mit vergangenen Zeiten. Wichtig ist vielmehr der aus dem Konstruktivismus stammende Begriff der Viabilität - die Frage ist, ob ein Medium viabel, ob der Weg, den es einschlägt, (dauerhaft) gangbar ist. Es ist wie in der biologischen Evolution. Der Koala ist nicht das schnellste, nicht das stärkste, nicht das klügste Tier, er reproduziert sich nicht rasend schnell, er schreckt Fressfeinde nicht durch ausgeklügelte Verteidigungsstrategien ab - aber er überlebt.

Seine Entstehung ist ein gangbarer Weg für die Evolution. Und das, obwohl er meistens nur rumhängt. Rumhängen und trotzdem durchkommen: Das sind doch ganz gute Aussichten für Blogger.

Anhang

«Nach der Vogelgrippe nun die Schweinepest: Auf Google Maps kann man den Verlauf der Ausbreitung mitverfolgen und schon mal paranoid werden: rosa markiert sind Verdachtsfälle, violett sind bestätigte oder vermutete Fälle, gelb sind Verdachtsfälle, die sich nicht bestätigt haben und Todesfällen fehlt der Punkt im Fähnchen. Gruselig.» +++ Fantastisches Tarantino-Mixtape bei Nerdcore. +++ @vergraemer: «Gerade große Wiedersehensfeier gehabt. Allerdings hat sich niemand mehr an mich erinnert. Durfte aber dennoch ans Kalte Buffet.» Dass niemand sich an den vergraemer erinnert, wundert nicht bei solchen Dialogen: «Hallo, gut siehst Du aus.» - «Du, nicht.» - «Oh, hab nicht genau hingeguckt, siehst doch nicht gut aus». +++ Ein Samstagmorgen in der C&A XL-Abteilung. Mit Mutti. +++ @HappySchnitzel: «Vollkommen gesundes Zeug gegessen. Wasche mir auf den Schreck jetzt erstmal den Mund mit Butter aus und spüle mit zwei Litern Cola nach.» +++ @adelemeckerel: «Jetzt, wo ich weiß, dass das ein Finne geschrieben hat, lese ich das still mit finnischem Akzent.» +++ Medienrauschen über die Rettung von 6vor9 durch Spenden. +++ Bosch begeistert sich für Berufe in Todesanzeigen. +++

Für das Web editiert von Malte Welding. Netzeitung auf Twitter.