17.04.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Wo geht's denn hin? Pirate Bay am Bildschirm
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH
Unabhängig vom Urteil im Fall der Musikindustrie gegen Pirate Bay fragen die Blogger: Sind die von Rechtsextremen und Pornowerbung finanzierten Musikpiraten wirklich die Guten? Außerdem: Amazon, Wikileaks, Hummeln. Der Blogblick.
Das ganze Internet blickt nach Schweden, wo am Freitag die Zukunft der Musik entschieden wird, ach was: unserer Zivilisation.
Schweden gegen Pirate Bay, Bayern München gegen SC Wattebauschhausen, Darth Vader gegen die knuffigen Ewoks. Das böse Geld aus Platten-, Software- und Bücherverkäufen gegen das gute Geld aus toller Porno-Werbung.
Ähem? Moment. Schauen wir doch kurz einmal genauer hin.
Im Blog von The Pirate Bay ist die Welt recht übersichtlich. Der Prozess, der im für die Pirate-Bay-Betreiber ungünstigsten Fall eine Gefängnisstrafe von bis zu zwei Jahren und mehrere Millionen an Schadensersatz mit sich bringen kann, sei ein
Kampf zwischen Common Sense und Corporate Sense, so der Kommentator Vord.
Und der Anwalt von Peter Sunde, einem der vier Pirate-Bay-Betreiber,
stellt den Prozess in eine
lange Reihe von Versuchen, die technische Entwicklung aufzuhalten. Musiker hätten das Radio verhindern wollen, der Videorekorder sei bekämpft worden und Schriftsteller hätten sich gegen Bibliotheken gewandt.
Also tatsächlich Lichtgestalten, diese Piraten? Immerhin werden sie sogar von dem Gutmenschen-Guru Paul Coelho
unterstützt - das müssen doch die Guten sein! Nehmen wir also aus der Argumentationskette von Sundes Anwalt das Radio. Zum Beispiel das Radio in Deutschland. Anders als Pirate Bay wird das Radio nicht
von einem Rechtsradikalen finanziert. (Die
Begründung dafür, vorgetragen vom Pirate-Bay-Pressesprecher: «Wir brauchten das Geld». Eine Aussage, die von den hohen sittlichen Werten dieser Streiter des Guten zeugt.)
«Eigene Moral ausgelagert» Und anders als Pirate Bay operiert das Radio im Rahmen gesellschaftlich anerkannter ethischer Grenzen. (Auf Pirate Bay wurde auf die Obduktionsfotos zweier ermordeter Kinder verlinkt, auf die Bitte des Vaters der beiden, den Link zu entfernen, bekam er - öffentlich - eine
verächtliche Antwort.) Zudem dürften die
jährlichen Einnahmen aus der Verletzung fremder Urheberrechte bei bis zu drei Millionen Dollar
liegen - was allerdings von von Seiten der Piraten bestritten wird.
Andere Quellen sprechen von 75.000 Dollar pro Monat.
Johnny Haeuslerschreibt auf Spreeblick: «So sehr ich die Argumentation unterstütze, dass die Telefonfirma nicht für die geführten Gespräche verantwortlich gemacht werden kann, so seltsam empfinde ich die große
Unterstützung der Netzgemeinde für das schwedische Unternehmen, das mit finanzieller Unterstützung von Rechtsextremen keine Probleme zu haben scheint und die eigene Moral auslagert.»
Andererseits: Was bringt der Prozess im besten Fall den
Rechteinhabern? Was würde eine Bestrafung der Pirate-Bayler für Minivoa bedeuten oder für isoHunt? (IsoHunt hat übrigens vor einem kanadischen Gericht seinerseits eine Feststellungsklage
eingereicht, um zu klären, ob die Betreiberfirma kanadisches Recht bricht. Würden die One-Click-Hoster wie Rapidshare, Megaupload, Egoshare, Easyshare, rapideasyshare und Superrapidmegaeasyegoshare beeinflusst durch das Urteil? Erinnert sich noch jemand an Soulseek?
Napster? Und was ist mit der TDK-SA? Ist mit dem Verschwinden dieser preisgekrönten Leerkassette der Musikmarkt genesen? (Nachdem Kassettenaufnahmen ja die Musik
getötet hatten?)
Die Kulturflatrate Es kämpft also tatsächlich Darth Vader gegen die Ewoks. Allerdings ist Darth Vader dumm und hilflos und die Ewoks sind außergewöhnlich pelzige Mittelstandsmafiosi mit Stricher-Ethik. Nicht nur moralisch, auch was die Folgen angeht, ist das Urteil bedeutungslos. Längst ist die Debatte weiter. Und ich meine nicht, ob
Facebook versuchen sollte, Links zu Pirate Bay zu verhindern oder nicht. Sondern die Frage:
Kulturflatrate ja oder nein.
Die Grünen haben ein juristisches Gutachten in Auftrag gegeben. Die Rechtswissenschaftler kommen zu dem (von den Auftraggebern gewünschten)
Ergebnis: «Die Einführung einer Kulturflatrate setzt eine Änderung des geltenden Urheberrechts voraus. Sie verstößt nicht gegen Grundrechte der Schöpfer, sondern sorgt vielmehr dafür, dass diese einen angemessenen Ausgleich für die Vervielfältigung ihrer Werke erhalten. Auch die Rechte der Betreiber von Downloadportalen und die Rechte von Internet-Nutzern, die keine geschützten Werke nutzen, aber trotzdem ein Entgelt entrichten müssen, werden nicht verletzt. (...) Hinzu kommen eine
Entkriminalisierung der Nutzer von Tauschbörsen, die dringend notwendige Entlastung von Ermittlungsbehörden, Gerichten und Telekommunikationsunternehmen und der bessere Schutz der informationellen Selbstbestimmung und des Fernmeldegeheimnisses von Internet-Nutzern.»
Künstler pauschal vergüten Der Künstler
Ahoi Polloi hat ein anderes Bild vor Augen, wenn er an die Kulturflatrate
denkt. Und auch
Marcel Weiss hält die Kulturflatrate für «
eine schlechte Idee, die sich hartnäckig hält».
Er schreibt: «Würde die Idee der Kulturflatrate tatsächlich flächendeckend von der Musikindustrie angestrebt, wäre das kurz gesagt: Das Eingeständnis, dass das alte Geschäftsmodell, an jeder Transaktion von Musik vom Rechteinhaber (meist die Labels) an den Hörer zu verdienen, nicht mehr funktioniert, man aber gleichzeitig trotzdem auf diese Art weiter sein Geld verdienen will. Notfalls eben über ein Gebührensystem.»
Auf
teilnehmer.ws wird anders
argumentiert: «Und wie ist das erst in 10 Jahren? Riesige Server stehen quer über den Globus, mit Musik drauf, und
Leute hören was sie wollen. Die Bands, die nicht auf den Servern sind, existieren nicht. Was läge näher, als die Künstler pauschal zu vergüten?»
Michael Fohrn sieht in der Kulturflatrate eine Möglichkeit, die Position der Künstler
zu stärken: «Denn nicht nur die Reproduktionstechnik war und ist in den letzten Jahren einem hohen Preisverfall ausgesetzt, sondern auch die Aufnahmetechnik: Es bedarf heute keiner Labels mit Beratung und enormen Studios, um professionellen Output zu generieren. Und:
Marketing muss heute von keinen Riesenabteilungen mehr betrieben werden - das macht der Künstler auf Portalen, seiner Webseite, im Zweifelsfall auf myspace selbst.»
Einflüsterer aus den Lobbygruppen Eine spannende, zukunftsweisende Debatte. Ob es nun um privatwirtschaftliche Verwertungsgesellschaften
geht oder die gänzlich neue Rolle des
Vertriebs, den Umstand, dass Videos auf Youtube die Einnahmen der Musiker
steigern oder auch nur die Tatsache, dass in Schweden mit strengeren Anti-Piraterie-Gesetzen der Internetverkehr
um 30 Prozent eingebrochen ist - es gibt unendlich viele bedenkenswerte Aspekte.
Es wäre eine etwas zu große Verantwortung für ein schwedisches Gericht, der Welt den Weg durch die Verrechtlichung des digitalen Zeitalters zu weisen. Die Parlamente allerdings werden sich mit diesen Fragen zu beschäftigen haben und sie wären gut beraten, nicht allein auf Einflüsterer aus den Lobbygruppen zu hören.
Du, Tante Richterin,
was kommt eigentlich aus dem Geldautomaten? +++ Bei Amazon wurden alle Titel, die mit dem Thema Homosexualität zu tun haben, als adult eingestuft, was zur Folge hat, dass sie nicht mehr in den Topsellerlisten und der Suche auftauchen. Daraufhin brach ein gewaltiger
Twittersturm los (
Näheres bei iheartdigitallife). Ein Blogger mit dem Nom de Guerre
Brutal Honesty schrieb eine putzig-größenwahnsinnige Selbstbezichtigung und bei
Lilith Saint Crow gibt es die wirklich wahre Wahrheit über den Amazon-Fail
zu lesen. Oder zumindest etwas, das als Wahrheit herhalten kann, bis es eine bessere gibt. +++
@PlDigitalEye: «
Mixa beweist, dass schwarze Löcher biologisch existent sind und das auch noch als steuerfinanzierte Planstelle. Da erhalten Atheisten Zulauf!» +++
@humpaaa: «
Wurde von einem knutschenden Paerchen umgeworfen. Fuehle mich alt und schwach.» +++ Ein Mann braucht
Eier. +++
Wikileaks: Prokrastination statt Zensur. +++
Holger Klein hat einen präzisen
Gedanken zu Fluginsekten: «Hummeln. Die Kiffer unter den Fluginsekten.»