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Unsere Weblog-Kolumne: 

Kaufen! Verkaufen! Lieber weglaufen!

23. Sep 2008 07:47
Auf und nieder immer wieder: Börse in London
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Die Wirtschaftskrise erreicht die Weblogs, jetzt schlägt die Stunde der bloggenden Anlageberater und online-soziologischen Krisentheoretiker. Außerdem: Google, RAF-Debatte, Spott über Bayern München. Der Blogblick.

Bankenkrise, turbulente Wochen auf den Aktienmärkten, Staaten unterstellen private Geldinstitute ihrer Aufsicht, sogar von einem Kollaps des Wirtschaftssystems ist die Rede - die sonst so esoterische Welt der Wertpapiere und Kapitaltransfers (mit realem Geld oder ohne) kehrt in die Mitte der Gesellschaft zurück.

Und da wollen wir vom Blogblick sie auch herzlich willkommen heißen - sich immer nur in Gesellschaft von all diesen aufgeregten Brokern, dröhnenden Bankmanagern und Ziffern nuschelnden Volkswirten aufzuhalten, das kann es doch nicht sein. Wir normalen Menschen, die noch auf den miesesten Anlagetipp von selbsternannten Experten hereinfallen und trotz Online-Bankings Kontoführungsgebühren bezahlen, wollen auch mal unsere Kommentare zum Stand der Weltwirtschaft ablassen.

Die Blogger also (Vorsicht! Bei einigen Bloggern fallen hier gleich böse und unanständige Worte. Eltern, die so leichtsinnig sind, ihre Kinder mitlesen zu lassen, sollten die lieben Kleinen diesmal besser vor den Fernseher setzen). Rainer Bartel, Rainer'sche Post, meint: «Goldmann Sachs und Morgan Stanley, in der Hitparade der wüstesten Banken weit oben, werden zwangsweise zu stinknormalen Geschäftsbanken. Damit hat der Spuk, der irgendwann Anfang der Neunziger begann, ein Ende. Der Spuk ist auch bekannt unter dem Etikett 'entfesselter Turbokapitalismus' - ein Begriff, der demjenigen, der ihn nutzte, meist den Antikapitalismusvorwurf eintrug. Bewiesen ist nun auch, dass die gottgleiche, weil unsichtbare Hand des Marktes eine Hure ist, die nichts regelt, was ihr nicht nützt.»

Die Sozialtheoristen, ansonsten tief in soziologische Betrachtungen versunken, warten mit knallharten Fakten (und butterweichen Quellen) auf: «Aktuell steht der amerikanischen Goldreserve von 151 Mrd. Dollar eine staatliche Verschuldungsgrenze von 11.315 Mrd. Dollar gegenüber. Dem Kreditmarkt, der insgesamt, börslich und außerbörslich geschätzte 600 Billionen Dollar beträgt, stehen 50 Mrd. Einlagensicherung gegenüber. (Wer hier Angst bekommt, möge bitte auf eigene Faust recherchieren. Man findet nicht viel Handfestes außer einem Zitat von Waren Buffett, er sagt dazu: 'Derivatives are financial weapons of mass destruction'. Stichwort: OTC-Derivate).»

Detlef Guertler, Wortistik (taz-Blog), schreibt von einer «2. Weltwirtschaftskrise» und kommentiert: «In den USA versuchen noch vereinzelte kluge Menschen zu verhindern, dass George Bush mit der Wirtschaft jetzt das macht, was er nach dem 11. September mit der Gesellschaft gemacht hat: Scheinbar in atemloser Eile gestrickte Institutionen sprechen vom Wohl des amerikanischen Volkes, meinen die Interessen einer extrem schmalen Elite, und lassen den Rest der Welt die Rechnung zahlen.»

Gewöhnlich gut informiert zeigt sich das Börsen Weblog, zumindest was einen Aspekt angeht, der anderswo nicht so häufig zur Sprache kommt: «Besonders heftig hat die Krise in Russland zugeschlagen. Wie die Webseite Come-On.de berichtet, musste der Börsenhandel sogar zeitweise komplett ausgesetzt werden und der russische Staat hat bereits umgerechnet 13,8 Milliarden Euro locker gemacht, um einen weiteren Absturz zu verhindern.»

Dass man trotz riesiger Summen und in reichlich abstrakten Vorgängen auch konkret bleiben kann, beweist das Weblog Feynsinn: «Was gern unterschlagen wird, ist der persönliche Hintergrund sogenannter 'Politiker', die merkwürdige Entscheidungen treffen. (...) Henry Paulson, US-Finanzminister, legt derzeit das Billionen-Dollar-Programm auf, dem alle Patrioten nur zustimmen können, weil sie mal wieder im Krieg sind. Paulson, 'dessen Privatvermögen auf 600 Mio. $ geschätzt wird', hat sich bis 2006 als Chef von Goldman+Sachs genau an den Geschäften bereichert, deren Scheitern jetzt mit gigantischen Steuermitteln verhindert werden soll. Das ist keine Korruption. Das bedarf ganz neuer Begrifflichkeiten.»

Beschreiben kann jeder, wer aber hat in der Krise auch Lösungen zu bieten? Zum Glück gibt es Marc, Mutantenstadl. Ernst gemeinte Lösungen, bitte! Markus Lochmann prophezeit: «Also wird der US-Staat wohl die Banken in einer Art riesigen Junk-Bond-Gesellschaft abwickeln müssen. Übersetzt hieße das wohl Müll-Kredit. Also doch eine ComPost Bank, hahaha.» Schluss mit Scherzen. Jochen Hoff, Duckhome, befasst sich mit dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sowie dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und kommt zu dem Schluss: «Tatsächlich wäre es an der Zeit diese ganzen Institute als zu dämlich zu schließen. Die Märchen der Gebrüder Grimm sind bei weitem glaubwürdiger.» Geht doch.

Martin Weigert, Netzwertig, untersucht «die Geschehnisse an den internationalen Finanzmärkten und die eingetrübten Konjunkturaussichten» im Hinblick auf «Risiken als auch Chancen für das Web 2.0» und kommt zu folgenden Ergebnissen (in Stichworten, den Rest gibt es hier ). Risiken: «1. Sinkende Werbebudgets. 2. Kaufkraftschwund. 3. Erschwerte Kapitalbeschaffung. 4. Schließungswelle.» Chancen: «1. Onlinewerbung als Fels in der Brandung. 2. Fokussierung auf Geschäftsmodell. 3. Hier sind die Talente. 4. Mehr Zeit fürs Web. 5. Web-2.0-Einsatz in Unternehmen.»

Wo aber Onlinewerbung zum «Fels in der Brandung» wird, da ist man schon wieder mitten in der üblichen Börsenesoterik gelandet. Wirtschaft ist halt doch allumfassend.


Anhang
RAF-Debatte: Immer noch lässt die RAF, bzw. ein Kinofilm die Blogger nicht zur Ruhe kommen. +++ Neues von Google: Und auch Google hält die Blogger in Bewegung. +++ Rätsel und Spott: Der FC Bayern München unterliegt Werder Bremen mit zwei zu fünf. +++

 
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