Unsere Weblog-Kolumne: 

netzeitung.de«Wir alle sind ein bisschen Hitler»

 Herausgeber: netzeitung.de

Konturreich wie eh und je: Angela Merkel (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Konturreich wie eh und je: Angela Merkel
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

SPD, oh je; FDP, ach ne; CDU, was nu?; Die Grünen, hinter die Bühnen; Linkspartei, kein Spaß dabei - die Blogger und die Parteipolitik. Außerdem: Neues von Apple, RAF-Debatte, Tod eines Schriftstellers. Der Blogblick.

Mit Parteipolitik halten wir hier vom Blogblick es in etwa so wie mit der jährlichen Steuererklärung. Beides ist wichtig, beides ist lästig und mit beidem muss man sich hier und da beschäftigen.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass man beides fachkundigeren Menschen überlassen kann, der Steuerberaterin einerseits, dem zuständigen Politikredakteur andererseits. Oder aber den Bloggern, die sich gerne in solche Gefilde begeben. Und das sind gar nicht mal so wenige, wie man derzeit wieder einmal beobachten kann.

Vorher aber noch kurz die Halbzeitbilanz für jene, die später zugeschaltet haben: Turbulente 45 Minuten erlebten die Zuschauer im Willy-Brandt-Haus. Einer sah rot und musste gehen, der Trainer wechselte unter Gejohle des Publikums einen neuen Spieler ein, der kurz darauf gelb sah. In diesem Stadion und in anderen Stadien brach anschließend große Unruhe aus. Unruhe, die bis jetzt anhält, und nicht einmal vor Ex-Kanzlern haltmacht. Wir geben ab in die Blogosphäre und die angeschlossenen Funkhäuser.

Klaus Eck, PR-Blogger, sieht erstmal nach einem Fake-Telefonat «Ypsilanti in der Münte-Falle». Der Hirnschrittmacher meint, nun, da «die SPD halbwegs geschlossen hinter ihren beiden alten neuen Eminenzen steht», könnten unruhige Zeiten auf die anderen Parteien zukommen: «Vielleicht sollte sich die Union auch mal mit sich beschäftigen.» Bosch, Boschblog, sichtet die mediale Rückkehr eines Gerhard Schröder (Sozialdemokrat!) und meint: «Die 'Welt am Sonntag' brauchen wir noch weniger als eine Rückkehr des Gerhard S.»

Eine erschreckende Beobachtung hat das Weblog Ulysses' Streitzuege in einer Fernsehsendung gemacht, da zeigt ein Sozialdemokrat einer Frau, die einmal sehr eng mit einem anderen Sozialdemokraten verbunden war, doch tatsächlich den - sehen Sie selbst.Als noch drastischer wird wahrgenommen, dass ein Sozialdemokrat und ehemaliger Bundeskanzler einen ehemligen Sozialdemokraten und Ministerpräsidenten um die Ecke mit Adolf Hitler (kein Sozialdemokrat!) verglich, was Frédéric Valin, Spreeblick, zu der Überschrift «Wir alle sind ein bisschen Hitler» zwingt.

Auf Freunde der offenen Gesellschaft (eher keine Sozialdemokraten!) sieht man das anders: «Weil Vergleiche mit Nationalsozialisten übrigens immer nicht passen, stelle ich fest, dass Adolf Hitler völlig unabhängig von Gysi und Lafontaine auch ein Volksverhetzer war. Ich will ja schließlich nicht mit jedem anderen Autofahrer verglichen werden, der genauso zu schnell fährt wie ich.»

Oliver, From Hades, beginnt beim «Problembär der SPD», der «just geschaßt wurde, keiner wollte ihn wirklich», kommt aber dann auch auf die Gesellschaft zu sprechen: Dass «nun die Presse über den Verlierer herfällt, große Teile des Volkes dem Macher Steinmeier zujubeln, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, beschwert man sich sonst doch fortwährend bezüglich der Unmenschlichkeit der Politik, der Unnahbarkeit diverser Politgrößen».

Bevor das hier jetzt parteipolitisch unfair wird, wollen wir schnell nachtragen, was Bloggern derzeit an anderen Parteien missfällt. Henning Schüring etwa ärgert sich über die FDP bzw. Guido Westerwelle: «Der Kerl regt mich so langsam echt auf. Sobald die FDP in Hessen für eine Ampelkoalition zur Verfügung steht, gibt's in Hessen eine Ampel. Da bin ich mir sicher. (...) Wenn Westerwelle nach 2009 nochmal eine große Koalition will, dann soll er ruhig so weitermachen. Aber dann kann er auch gleich in die CDU eintreten.»

Kein Freund der FDP scheint auch Wasserstandsmeldung - Das Nordlicht-Blog zu sein: «Dirk Niebel, FDP-Generalsekretär, erklärte heute im Deutschlandfunk, daß er nicht davon ausgehe, daß seine Partei bei der nächsten Bundestagswahl die absolute Mehrheit erreicht. Weiter erklärte Niebel: Konjunktur sei gut, Rezession sei schlecht, nach Regen sei die Straße naß, die Steuern müßten gesenkt werden, und abends hätte man mit zunehmender Dunkelheit zu rechnen.»

Das uebgrunzo.suedblog.de hält es dagegen derzeit nicht so sehr mit der CDU: «'Das wird eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen Überlingen in die Nachrichten kommt, ohne dass ein Flugzeug abstürzt oder eine kranke Ente an unserem Ufer landet.' Mein lieber Schwan, auf derartige Sprüche von CDU-Mitgliedern im Hinblick auf die CDU-Kandidatenkür am kommenden Freitag können wir Überlinger verzichten. Wir brauchen keinen Medienkaspar wie Oswald Metzger, um ins Fernsehen zu kommen. Unsere schöne Stadt war in den vergangenen Wochen Grund genug für eine vielfältige Medienpräsenz.»

Auch die CSU bekommt nicht nur Zuspruch. So schließt sich Der Presseschauer vorbehaltlos einer Aktion des Computerspiel-Magazins «PC-Games» an und bekennt kurz vor der bayerischen Landtagswahl in Richtung CSU: «Ich wähle keine Spielekiller». Sabine, Alles aus München, zeigt Wahlplakate und bemerkt: «Das neue Dreifaltigkeitsgesetz der CSU. Für welchen Teil davon will die CSU jetzt die Urheberschaft übernehmen? Will sie uns damit sagen, dass es ohne CSU keinen Sommer, keine Sonne und kein Bayern gäbe?»

Bleiben noch Linkspartei und die Grünen. Daniel Erk, Hitler-Blog (auf taz.de), schreibtunter der Überschrift «Oskardolf Lefonpen»: «Ob Schmidt sich mit dem Hitlervergleich in der Bild am Sonntag einen Gefallen tut, das steht zu bezweifeln» - das aber «bei aller Sympathie für jeden, der Oskar Lafontaine für einen Populisten und Schwätzer hält, und bei ganz besonderer Sympathie für Helmut Schmidt, an dem man sicher viel herumkritteln kann, dem aber Populismus und Schwätzerei fernliegen wie Oskar Lafontaine das Finanzministerium.»

Andreas Helsper schließlich notiert: «Ich habe ja schon oft hier erwähnt, dass ich auch bei twitter aktiv bin. Neuerdings schreibt dort auch Müntefering, so sieht es zu mindestens aus. Besonders finde ich sein Kommentar zu der Tatsache, dass auch die Linkspartei ihm auf twitter folgt: 'Für eine Partei ohne Programm auch nicht weiter verwunderlich'.» Grünen-Kritik gibt es in den Kommentaren der Woche.

Anhang

Zum Tode von David Foster Wallace: Einer der besten US-Schriftsteller hat sich das Leben genommen, auch einige deutschsprachige Literaturblogs bringen Nachrufe oder stellen seine Bücher noch einmal vor. +++ Neues von Apple: Apple hat mal wieder neue Produkte vorgestellt und einige Updates nachgereicht. Viele, sehr viele, ganz viele Blogger reagierten umgehend oder später. +++ RAF-Debatte: Wenige Tage vor dem Kinostart des Politfilms «Der Baader Meinhof Komplex» über die Rote Armee Fraktion (RAF) am 25. September ist über das neue Werk von Bernd Eichinger und Regisseur Uli Edel nur wenig bekannt. Viele Blogger stört das nicht in ihrer Diskussion. +++

Für das Web ediert von Maik Söhler