Unsere Weblog-Kolumne: Für die EM bleibt der Sexchat zu10. Jun 2008 07:54  |  Im Blickpunkt: Viele Füße und ein Ball | Foto: dpa |
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Euphorie, Flaggen, Ballack, Polen, Kabelfernsehen, ZDF, Contergan, Trainer-Oldies, fußballschauende Frauen, Klischees, Rollrasen, angemalte Grashalme, Fußnägel, Gesang, Web 2.0 - ein Blogblick rund um die Fußball-EM.
Über Weniges lässt sich so gut und ausdauernd streiten wie über Fußball. Trauer und Euphorie stehen dabei so dicht beieinander wie Pfosten und Tor, und wo sich 22 Spieler über den Platz bewegen, da gibt es mindestens 220 Meinungen darüber, wie sie das am besten zu tun haben. Und 2200 Ansichten, warum sie es falsch gemacht haben. Usw.
Auch viele der deutschsprachigen Blogger haben zu alldem eine Meinung - umso mehr, da einige von ihnen in Österreich und der Schweiz leben oder zur EM dorthin gereist sind. Andere bloggen weiterhin von zuhause aus, stehen den EM-Live-Bloggern, was die Leidenschaft angeht, aber in nichts nach. Seit Samstag rollt der Ball in Österreich und der Schweiz, und seither ist er auch in so manches Blog reingekracht und hat Spuren der Begeisterung, aber auch der Verwüstung hinterlassen.
Robert Basic etwa, in Kroatien geborener deutscher A-Blogger, zeigt sich zerrissen, versucht aber mit einer Wette, das Beste daraus
zu machen:
«Da ich nun einmal in Deutschland blogge, kann ich ja wohl schlecht auf einen Sieg von D tippen. Also wette ich auf einen Sieg von Kroatien. Wenn ich meine Wette gewinne, dann müssen die Wettteilnehmer einen Tag die kroatische Flagge auf Ihrem Blog hissen. Aber richtig fett, nix Microbanner á la 32×32 Pixel. Da habts Ihr eine
Vorlage.
Sollte Kroatien verlieren, wird mein Headerbild mit der deutschen Bundesflagge geschmückt und Kroatiens Flagge wird auf Halbmast wehen (Bild im Bild). Unentschieden zählt nicht. Also, wer wettet mit mir?»
Dafür dürfte man im Blog Alles außer Sport kaum Zeit haben. Hier, im «Blog eines TV-Sport-Maniacs» (Motto: «Gepinkelt wird nur in der Halbzeit»), vergeht kein EM-Spiel ohne Live-Blogging und Getwitter. Das Spiel Deutschland gegen Polen zum Beispiel wurde hier minutiös
kommentiert
und später auch noch mit einem Fazit sowie der Einzelkritik der deutschen Spieler
versehen:
«Was mir an der deutschen 'Doppel-Sechs' Torsten Frings und Michael Ballack so gefällt, ist das sie keine Doppel-Sechs geben. Keine Ahnung wie man das nennen soll, aber sie sind die Herrscher des Mittelfeldes.»
Mehr als nur kulturelle und sportliche Unterschiede beim Montagabendspiel hat man im Blog Haftbombe
wahrgenommen:
«Das Deutschland-Polen-Spiel in einem Frankfurter Hinterhof gesehen. Lustig dabei war, dass es uns nebenan, durch eine Mauer verdeckt im anderen Hinterhof, polnische Fans gleichtaten. Im Gegensatz zu uns, denen ein ca. 20m Verlängerungskabel den Genuss von Kabelfernsehen beschehrte, nutzen unsere polnischen Nachbarn DVBT oder Satellit. Resultat: Zeitverzögerung von ca. 4 bis 6 Sekunden. Wärend wir uns lauthals über das jeweilige Tor freuten, brach erst Sekunden später das Wehklagen jenseits der Mauer aus. Wir lehnten uns gerade wieder entspannt und aufatmend nach einer polnischen Torchance zurück, als 6 Sekunden später drüben die aussichtslose Hoffnung aufflammte. Es war köstlich!»
Die Blogwiese hingegen
freut sich
über etwas anderes: «Während die fussballbegeisterte Welt momentan wie gebannt auf die Spiele der Euro 08 in Österreich und in der Schweiz zu starren scheint, schert das avantgardistische und auch für Menschen mit ernsthaften körperlichen Behinderungen weltoffene Zürich aus diesem Strom aus und feiert einen Wettkampf der besonderen Art: Die Contergan-Fussball-Meisterschaft.»
Im Blog Fußball Nachrichten
gewinnt man
der Europameisterschaft folgendes Motto ab: «Weiße Haare, weise Herren!» Denn «in Österreich und der Schweiz stehen die Trainer-Oldies hoch im Kurs. So feiern noch in diesem Sommer Trainer wie Luis Aragonés und Griechen-'König' Otto Rehhagel ihren 70. und gehören zum Stamm der 'Alterspräsidenten' im Kreise der 16 Euro-Coaches. Insgesamt sind sechs Trainer schon über 60 Jahre alt.»
Die Lustmolchin wendet sich einem großen Ärgernis zu
und fragt:
«Schaltet ihr auch ab 16h15 auf ZDF? Ich tue mir das an und es schaudert mich in jeder Minute, in der ich das Geschwafel des ZDF-Impotenzteam anhören muß. Die reden soviel Mist daher, daß es schon an Realcomedy grenzt. Schämen sich die ZDF-Offiziellen eigentlich nicht, einen solchen Mist zu verantworten? Das kostet Geld und wird von unseren GEZ-Gebühren finanziert, zumindest denen, die zahlen. Eigentlich fehlt nur noch Günther Netzer, dann wäre das Narrenteam komplett.»
Weltwahnsinn will unbedingt Ärger und
schreibt einen
«Offenen Brief an fußballschauende Frauen»: «Ihr lieben Frauen, die Ihr in den kommenden Wochen zum Public Viewing strömt - ich hätte da eine Bitte an Euch: Stellt Euch vor, neben Euch steht jemand, der gerne das laufende Spiel in aller Ruhe verfolgen möchte. Jemand, der sich auf den Kommentator konzentriert. Jemand, der voll im Rollen des Balls für die kommenden 90 min aufgeht. Und dann kommt Ihr. Enge, kneifende Klamotten an, die mit einer Deutschlandfahne kaschiert werden, (...) während Ihr Phrasen drescht, wie: 'Darf man überhaupt während der Nachspielzeit noch Spieler einwechseln?' (hm... nö... Der Löw kennt die Spielregeln sicher nicht so gut wie Ihr...)».
Weniger klischeehaft und mehr praktisch geht es im Logistik Blog zu. Hier geht es um Wissenswertes über den Rollrasen, erzählt wird aber auch die
folgende Geschichte:
«Das Trauma von Mexico City. Der Tag: 29.6.1986. Der Anlass: WM-Endspiel Argentinien – Deutschland (3:2). Der Austragungsort: Acteca-Stadion, Mexico City. Die Rasensituation: In einem Wort: desolat.Der Befund: Trotz aufopferungsvoller Arbeit des Head Greenkeepers und seiner Helfertruppe klaffen große braune Flächen verdorrten Rasens auf der Spielfläche. Die Reparatur: In ihrer Verzweiflung pinseln die Helfer die braunen Halme mit grüner Farbe an. Die Folgen: Vielleicht hätte ein Schild 'Frisch gestrichen' geholfen. Da die Farbe nicht vollständig abgetrocknet war, färbte sie auf den Ball ab, der deshalb alle paar Minuten ausgewechselt werden musste. Eine einmalige Aktion in der M-Historie. Die Analyse: Logistik heißt Versorgung. Bricht die Pflegelogistik des Rasens zusammen, sind die Folgen für internationale Sportgroßevents nahezu unabsehbar.»
Nochmal Logistik: Camdy, Sexchat Stroies - Blog einer Insiderin
erläutert,
warum sie eine EM-Pause im Sexchat macht: «Damit meine ich nicht die fußballbegeisterten Männer, sondern mich. Ich gebe hier jetzt zu, ich verpasse seit Jahren keine Weltmeister- oder Europameisterschaft. (...) Arbeiten, Fußball und dann noch Sexchat? Da wird letzteres erstmal 'geparkt'. Und noch so nebenbei: Bei den athletischen und manchmal auch sehr gut aussehenden Jungs, die da aufs Spielfeld geschickt werden, würde mir so mancher Chatgast das heiße Feeling wieder nehmen.»
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Anhang
Nicht begeistert ist Unkaputtbar: «Ich
frag mich
, ob dieselbe Hysterie entstehen würde, würde Deutschland in der Fußnägelschneiden-EM erfolgreich sein. Würdet ihr dann auch aufspringen und rumgrölen und stolz darauf sein, was 'wir' nicht alles geschafft haben?» +++ Kollateralschäden: «Wenn Deutsche geeint im Rausch ein Liedchen trällern, ist dem musikalischen Genuss keine Grenze gesetzt»,
meint
Numinose. +++ Schöner Name: Einen sehr
schönen Namen
hat sich das Blog «Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch» gesucht. +++ Nationalhymne: Zum blauen Blog
hat beobachtet:
«Wenige Plätze neben uns wiederum saß Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. Herr Hundt sollte von seiner Pressestelle mal über die Allgegenwärtigkeit des Web 2.0 informiert werden. Denn nur diesem ist die wichtige, hier exklusiv gelieferte Information zu verdanken, dass der Chef der deutschen Arbeitgeberverbände bei der deutschen Nationalhymne erst gelangweilt auf die Uhr schaute und dann genüsslich in der Nase bohrte.»
Für das Web ediert von Maik Söhler |