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Unsere Weblog-Kolumne: 

Der Spitzel des Eisbergs

03. Jun 2008 07:25
Bloß keine Panik: Service-Techniker der Telekom
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Bei der Überwachungsaffäre der Telekom wissen die Blogger nicht, ob sie lachen oder weinen sollen. Außerdem: Twitter macht der Blogwelt die geistreichsten Autoren abspenstig. Der Blogblick

Fünf Blogger, das sind 15 Meinungen und 50 Interessen. Nur bei wenigem kann man sich gemeinsam versammeln: Gadgets, Google und - Datenschutz. Also stößt die Bespitzelungsaffäre bei der Telekom auf breite Resonanz. Was die schnellen Sarkasmen betrifft, oft beinahe identische Resonanz.

Dass ausgerechnet Wolfgang «ich komme in keinen Computer rein» Schäuble, von vielen Netizens wegen seiner Überwachungsphantasien verachtet, den Telekom-Vorstand zum Rapport einbestellt, provoziert Spott. Sebastian, Möhrenfeld: «Oh, will er sich Tipps holen?»

Alltag in Berlin: « Ob Schäuble sich da vielleicht abgucken will, wie man das macht? Oder ob er einfach nur sauer ist, dass zum x-tausendsten Mal wieder bewiesen wurde, dass vorhandene Daten auch missbraucht werden? Lustig ist es auf jeden Fall schon, wenn Schäuble behauptet, der Telekom was über Datenschutz erzählen zu wollen.»

Kristof, Leicht & Sinnig, sitzt sogar unter Schäubles Schreibtisch: «'Wie haben Sie das nur so gründlich hingekriegt? Teufelskerl!', so Schäuble zu dem beliebten deutschen Manager. Ein Know-How-Transfer zum Wohle des Volkes sei dringend geboten, sagte eine Sprecherin seines Ministeriums am Donnerstagabend. Zudem sei geplant, die maßgeblichen Gesetzgebungsgremien des Innenministeriums mit qualifizierten Telekom-Mitarbeiten zu verstärken.»

Redunzl, Kopfhoch-Studio, schimpft: «'Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen RICKE und ZUMWINKEL.' Dass ich nicht lache! Was wird diesen beiden Dreckfressern denn passieren, selbst wenn sich die Verdächtigungen gegen sie bewahrheiten sollten? Gibt es schon Fotos von RICKE, grinsend das VICTORY-Zeichen in die Kameras rickend äh reckend?»

Sunny5, Zeitlich unbeschränkte Schutzherrscherin, denkt über den Einzelfall hinaus: «Das Ersetzen von normaler sozialer Kontrolle (darüber sollte man ernsthaft mal nachdenken, wie eine solche heutzutage aussehen könnte!) durch Abhörtechnik, Maulwürfe und dem Ausspionieren von allen privaten Details eines persönlichen Lebens, wird unsere Gesellschaft irgendwann ins Nirvana torpedieren.»

Cohu, cohu's blog, referiert die Forderung des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, die Verbindungsdaten sämtlicher Telefonkunden in einer zentralen Datenbank zu speichern und unter Aufsicht des Datenschutzbauftragten zu stellen. Cohu bemerkt dazu: «Und beim Staat wären unsere sensiblen Daten natürlich absolut sicher. Etwa so sicher wie die zarten grünen Triebe in einem Garten, der zur Aufsicht gerade vierbeinigen, bärtigen und gehörnten Paarhufern der Gattung Capra übergeben wurde.»

Viele Blogger weisen auf eben diesen Punkt hin. Beispielhaft dafür Jens Scholz: «Es ist eben nicht so, dass Daten nur zum ursprünglich beabsichtigten Zweck genutzt werden. Wenn Daten erstmal da sind, finden sich immer eine Fülle von Auswertungsideen.» Und weiter: «Das Mautsystem? Klar wird das über kurz oder lang auch zum Überwachungs und Fahndungsinstrument. Allein, weil es das jetzt schon kann und die sammelbaren Daten das auch hergeben. Irgendwer muss es nur zum ersten Mal wollen. Begehrlichkeiten sind der Treiber des Überwachungsfortschritts, Datenbanken die Spielwiese dafür.»

Henry, Xesier, meint dagegen, der Missbrauch der Kundendaten bei der Telekom interessiere eigentlich niemanden: «Was soll man auch dagegen unternehmen? Man kann Firmen nicht zu etwas zwingen, wenn man genau weiß, dass sie die gleichen Fehler aus den gleichen Gründen wieder begehen werden, solange sie immer den Vorteil des Geldes und der Sicherheit vor sich sehen. Ob man nun einige Telefondaten abfragt und damit den Datenschutz missachtet oder ob man das nicht macht, stört den Konzern dabei wenig, solange dieser nur die Interessen seiner Aktionäre wahren kann.»

In der Tat zeigt sich schon jetzt, dass die Telekom-Affäre nur der Spitzel des Eisbergs sein kann. Johnny Haeusler, Spreeblick-Konzern, gesteht in bemerkenswerter Offenheit seine eigene Verstrickung in einen weit brisanteren Überwachungsskandal: «RSS-Feeds sämtlicher Artikel plus Kommentare der 500 meistgelesenen Blogs in Deutschland abonniert. 2.317.483 ungelesene Posts warten auf mich. Suche nach 'Spreeblick' und 'Johnny', sicherheitshalber auch nach 'Johni', 'Jonnie', 'Jennie', 'Jimmy', 'Connie', 'Ronny' und 'und'.»


Anhang

+++ Vergessen. Herr Krit (auch bekannt als Ralph Segert) führt ein lesenswertes Gespräch mit dem Schriftsteller und Computersachverständigen Peter Glaser: «Wir leben in einer Epoche des totalen Speicherwahns. Jeder hebt alle 2000 unscharfen Digitalfotos vom letzten Urlaub auf undsoweiter. Wir müssen die wertvolle menschliche Fähigkeit des Vergessens wieder auf den ihr zustehenden Rang erheben. Ohne Vergessen gibt es keine Resozialisierung, keine Nachsicht, keine Chance, sich zu verändern und auch nicht die Fähigkeit, auszuwählen. Vergessen ist keine Schwäche, sondern eine wichtige menschliche Eigenschaft. Deshalb müssen auch Maschinen und Verbünde wie das Netz lernen, zu vergessen.» +++ Erinnern I. 15 Jahre nach den Morden von Solingen. Zwei Blogger blicken zurück. Klaus N. Frick, Enpunkt-Tagebuch: « Ich steckte voller Wut und Hass, als ich an jenem Wochenende nach Solingen fuhr; zusammen mit anderen Leuten. Wir gehörten nicht zu einer organisierten Autonomen Gruppe, aber wir wollten an der Trauerkundgebung teilnehmen. Es war ein grausiger Tag, ein Tag der Steine und Scherben, der Knüppel und des Blutes, der sackdoofen grünbürgerlichen Weicheier und der prügelgeilen Polizei. Ich erinnere mich nicht mehr an viel Details, ich weiß nicht mehr genau, was ich alles gemacht habe an diesem Tag. Jemand sagte hinterher zu mir, ich hätte Schaum vor dem Mund gehabt.» Gorillaschnitzel war in jener Woche des Jahres 1993 auf einem Open Air: «Campino als Sänger der Vorband hatte (irgendwie verständlicherweise) wenig Lust, einige seiner Lieder zu spielen und Bono widmete das gesamte Konzert der Familie Genc. Überhaupt war der Anschlag eine Art Zäsur: Der Negativmoment, in dem vermutlich der allerletzte schlussendlich doch kapiert hat, dass es ein rechtsradikales Problem im Lande gibt, das man nicht totschweigen darf.» +++ Erinnern II. Ondamaris besucht die Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen: «Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur, wand sich und schlängelte durch sein Redemanuskript - und schaffte es weitgehend erfolgreich, das Wörtchen 'schwul' zu vermeiden.» +++ Einschlafen. doc rollinger lässt kein gutes Haar am neuen Leipziger Tatort: «Die Frau Thomalla mit dem Maren Giltzer Schmolschnütchen war schon öde, der Komissar Keppler, der ja meinetwegen ein toller Bühnenschauspieler sein mag, wirkte hier mit Altmännerfrisur (die mit zwei Händen und Brillantine gekämmt wird) eher wie so ein verspäteter Kriegsheimkehrer.» +++ Twittern. Julie Paradise tröstet sich schon jetzt über die Endlichkeit von Twitter: «Vielleicht stürzt irgendwann Twitter oder gar das ganze Internet in sich zusammen, so wie einst die Bibliothek von Alexandria lichterloh brannte, dann wird das Geheul groß sein, aber sobald sich Flammen und Rauch verzogen haben, werden wir neue Sprüche haben und einige alte, die besonders schönen Tweets vielleicht oder die eines lieben Menschen, der nah war, werden legendarisch werden, in einigen Köpfen spuken, weiterleben oder vergehen.» Tasächlich macht Twitter der Blogwelt die geistreichsten Schreiber abspenstig. Dabei ist eines der interessanteren jüngeren Blogs ironischerweise Twitkrit, das Tweetkritikblog ( Mission Statement ). In einem aktuellen Posting wird das Twitterschaffen eines bekannten, längst ins Twitterversum abgewanderten Bloggers rezensiert: Die Lache des Rachmann.

Für das Web ediert von Bov Bjerg.

 
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