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«Es bleibt noch viel zu tun»
27. Sep 2006 09:29

Iris Cornelssen
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Foto: Cornelssen
Beim Biene-Award geht es um die besten barrierefreien Websites. Die Netzeitung sprach mit Jury-Mitglied Iris Cornelssen von der Aktion Mensch über Netz-Navigation mit Joystick und verpasste Chancen.
 
Bereits zum dritten Mal schreiben die Aktion Mensch und die Stiftung Digitale Chancen dieses Jahr den Biene Awar aus. Die Buchstaben B-I-E-N-E stehen dabei für: Barrierefreies Internet eröffnet neue Einsichten. Die Auszeichnung geht an die besten deutschsprachigen Webangebote in den Kategorien E-Business, E-Government, Kultur und Gesellschaft, Bildung, Wissenschaft und Forschung sowie Medien.

In diesem Jahr stehen mit 376 Teilnehmern 15 Prozent mehr als im Vorjahr im Wettbewerb um die Auszeichnung für die besten deutschsprachigen barrierefreien Websites. Die Netzeitung sprach mit der Projektleiterin bei der Aktion Mensch, Iris Cornelssen.

Netzeitung: Frau Cornelssen, was ist unter Barrierefreiheit zu verstehen?

Cornelssen: Obwohl Barrierefreiheit eigentlich ein selbsterklärendes Wort ist, wird weltweit noch immer um eine allumfassende Definition gerungen. Dies hat damit zu tun, dass die Barrieren, auf die Menschen mit Behinderungen stoßen, so vielfältig sind wie die Menschen, die durch sie behindert werden. Hatte man lange versucht, die Barrieren anhand der Behinderungen zu erklären und aufzulisten, sind seit einigen Jahren funktionale Definitionen in den Vordergrund gerückt.

Mehr in der Netzeitung:
Eine meines Erachtens gute und zielführende Definition von Barrierefreiheit gibt es zum Beispiel im deutschen «Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen» aus dem Jahr 2002: «Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.»


Netzeitung: Ab wann kann sich eine Website wirklich barrierefrei nennen?

Cornelssen: Entsprechend der Definition des Behinderten- Gleichstellungsgesetzes bedeutet Barrierefreiheit im Internet, dass jeder Mensch in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und mit Hilfe seiner Ein- und Ausgabegeräte Internetangebote selbständig und vollständig nutzen können muss. Hierbei sieht man übrigens sehr gut den Vorteil einer modernen, funktionalen Definition.

Egal, wie rasant sich das Netz in den kommenden Jahren technisch in egal welche Richtung entwickeln wird – diese Definition wird auf nicht absehbare Zeit bestand haben. Verändern werden sich dagegen die Anforderungen, wie sie bei einem dynamischen Medium wie dem Internet umgesetzt werden kann.

Netzeitung: Warum sind nicht alle Websites barrierefrei?

Cornelssen: Das Hauptproblem ist noch immer das mangelnde Bewusstsein der Betreiber und Programmierer von Internetseiten. Aus unserer Erfahrung ist es oft noch nicht mal böse Absicht, sondern schlicht Unkenntnis, die bei vielen
Agenturen und Anbietern immer noch dafür sorgen, dass Seiten nicht barrierefrei gestaltet werden. Die meisten Merkmale einer barrierefreien Seite sind nicht kompliziert zu realisieren, wenn sie im Konzept mitgedacht werden.

Netzeitung: Was sind in Ihren Augen die häufigsten Fehler bei der Gestaltung einer Website?

Cornelssen: Sehr häufig sind handwerkliche Fehler wie mangelnde Strukturierung oder veraltete Programmiertechniken wie zum Beispiel Tabellenlayouts – hier haben viele Programmierer schlicht Schulungsbedarf. Aber leider werden auch immer noch Alternativtexte vergessen oder Fehler bei der Umsetzung einer Bedienmöglichkeit ohne Maus gemacht. Oft finden sich auch mangelnde Kontraste, schlecht strukturierte Informationen und eine unübersichtliche Navigation. Das sind alles Fehler, die bereits in der Konzeption angelegt sind.

Netzeitung: Wieso soll es denn auf Websites extra Gebärdensprache für Gehörlose geben, obwohl sie lesen können?

Cornelssen: Es ist leider in der Welt der Hörenden noch immer weitgehend unbekannt, dass nicht alle Gehörlosen ein gutes Verständnis der Schriftsprache haben. Das liegt zum Beispiel daran, weil eine zunehmende Zahl der Gehörlosen in der Gebärdensprache ihre Muttersprache sieht, die wiederum anders aufgebaut ist als die Schriftsprache. Das führt häufig zu Verständnisproblemen. Ein Video in Gebärdensprache trägt daher viel zum Verständnis einer Internetseite bei.

Netzeitung: Wie muss eine Website aussehen, damit der weltbekannte Physiker Steven Hawking dort navigieren kann, der im Rollstuhl sitzt und nur seinen Kopf bewegen kann?

Cornelssen: Ohne die genauen Bedürfnisse von Stephen Hawking zu kennen, vermute ich, dass er vermutlich eine Tastaturbedienung beziehungsweise eine Bedienmöglichkeit über einen Joystick braucht. Das setzt voraus, dass der Tabulator auf einer Internetseite Menüpunkte in der richtigen Reihenfolge anspringt und nicht durch Programmierfehler dadurch bereits Aktionen ausgelöst werden. Damit Menschen mit motorischen Problemen mit einem Joystick Elemente einer Seite gut bedienen können, sollten Klickflächen zudem ausreichend groß gestaltet sein.

Netzeitung: Ist bekannt, wieviel Prozent der Menschen mit Behinderungen das Internet und welche Angebote sie am häufigsten nutzen?

Cornelssen: Nein, zu beiden Fragen gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Allerdings gibt es Anhaltspunkte. Zum Beispiel gaben 2003 bei einer Umfrage des Bundeswirtschaftsministeriums 80 Prozent der Befragten Menschen mit Behinderungen an, das Internet zu nutzen – im Bevölkerungsschnitt waren es damals lediglich 42 Prozent. Zudem sahen 93 Prozent der behinderten «Internetkenner» im Internet «viele neue Chancen» für sich.

Zugleich beklagen aber 55 Prozent behinderungsspezifische Barrieren bei der technischen Zugänglichkeit und der Navigation. Bei den Nutzungsgewohnheiten denke ich, dass es keine nennenswerten Unterschiede gibt. Menschen mit Behinderungen nutzen dieselben Angebote wie Menschen ohne Behinderung, soweit sie für sie barrierefrei zu erreichen sind.

Netzeitung: Wie wichtig ist E-Government für Menschen mit Behinderungen, also die Möglichkeit, Behördengänge virtuell im Internet zu erledigen?

Cornelssen: E-Government ist für Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen wichtig. Für den einen ist das zuständige Amt nicht zu erreichen, weil das Rathaus noch immer nicht barrierefrei ist, für den anderen, weil die Öffnungszeiten unpassend sind. Beide freuen sich, den Behördenkontakt unabhängig von Raum und Zeit vom Internetrechner aus erledigen zu können. Umgekehrt ist die Sachlage eindeutiger.

Von der Seite der Anbieter ist E-Government nur sinnvoll, wenn Behördenvorgänge, die ins Netz verlegt werden, hundertprozentig barrierefrei sind. Denn eine der wichtigsten, wenn nicht gar die wichtigste Voraussetzung für E-Government ist, dass alle Bürger – egal ob behindert oder nicht – mitmachen können. Denn wenn auch nur eine Funktion nicht für alle zugänglich ist, muss sie auf anderem Weg vorgehalten werden und die erhofften Vorteile des E-Government können nicht zum Tragen kommen.

Netzeitung: Wie schätzen sie da den aktuellen Stand ein?

Cornelssen: Das kann man kurz und knapp beantworten: Auch ein dreiviertel Jahr nach dem Ablauf der Umsetzungsfristen der BITV bleibt noch viel zu tun. Allerdings scheint der zuständige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble den Kurs seiner Vorgänger weiter zu verfolgen. Vor kurzem hat auch er betont, dass der Staat Vorreiter beim Einsatz neuer Technologien sein wolle und dass die Verwaltung künftig nicht nur schnell, sondern auch „in der vom Bürger gewünschten Art und Weise erreichbar“ sein soll.

Netzeitung: Es wurde festgestellt, das sich zu wenig große Unternehmen am Biene-Award beteiligen würden. Woran liegt das?

Cornelssen: Möglicherweise wird in Wirtschaftsunternehmen der Wert von barrierefreien Internetangeboten noch häufig unterschätzt oder den wirklichen Entscheidern vorenthalten. Da scheint vieles frei nach dem Motto entschieden zu werden: Das haben wir schon immer so gemacht und es war nicht schlecht.

Innovationen, deren Gewinn nicht kurzfristig abzusehen ist, haben es da schwer. Barrierefreiheit ist aber keine Extra-Wurst für Menschen mit Behinderungen, sondern hilft allen Nutzern, eine Seite einfacher und sicherer zu bedienen. Das schafft Akzeptanz. Für die Anbieter lassen sich unter bestimmten Umständen zudem auf Dauer sogar Kosten sparen.

Netzeitung: Wie verhält sich die Wirtschaft allgemein zum Thema Barrierefreiheit?

Cornelssen: Auch allgemein sehe ich beim Thema Barrierefreiheit vor allem ein Informations- und Innovationsdefizit. Das ist beispielsweise in den USA anders. Dort raten die Berater von Merrill Lynch bereits seit geraumer Zeit ihren Kunden, durch standardisierte Zugangstechnologie das Internet durch jedes Ein- oder Ausgabegerät erreichbar zu machen, weil dies es ermögliche, jederzeit von jedem Ort der Welt online zu gehen und so zur Produktivitätssteigerung beitrage.

Und die Unternehmensberatung Forrester hat bereits 2004 eine Studie vorgelegt, wonach eine Firma, die ihre Webseite vernachlässigt, auf Dauer kommerziellen Selbstmord begehe. Denn Webseiten würden mehr und mehr zum Einfallstor oder Schaufenster von Firmen, Marken oder Dienstleistungen – auch wenn die Firma gar nicht online verkaufe, sondern sich die Kunden im Vorfeld eines Kaufes nur umfassend informierten. Eine nutzlose Webseite suggeriere, dass auch die Firma, ihr Produkt oder ihre Dienstleistung nutzlos sei.

Netzeitung: Was für Entwicklungen wünschen Sie sich für die Zukunft?

Cornelssen: Natürlich wünsche ich mir, dass alle Angebote nicht nur im Netz für alle Menschen, die sie nutzen möchten, benutzbar sind und somit barrierefrei.

Mit Frau Cornelssen sprach Julia Niemann




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