Verlieben 2.0: «Wenn du jetzt hier wärst, würde ich…»23. Apr 2008 08:30  |  'Ein Computer kann dich nicht umarmen' - wie oft ich mir diesen Satz anhören musste | Foto: dpa |
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Nie war die Liebe so einfach wie in Zeiten der Online-Communities. Oder etwa doch nicht? Warum Verlieben 2.0 niemals so gut sein kann wie die Realität, verrät eine, die genug von Liebesschwüren per Mail hat.
Im Nachhinein klingt es so blöd, aber ja, es gab mal eine Zeit, da ließ der Anblick meines Notebooks in meinem Bauch Schmetterlinge fliegen. Wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, erwartete mich dort schon das Instant-Messaging-Programm auf Standby. Sofort begann ich, wie wild auf die Tasten einzudreschen. Schließlich saß ER am anderen Ende der Welt ebenfalls vor seinem Rechner. Für Computerliebe hatte ich bis dato immer nur Verachtung übrig, bis es mich selber traf. Computerliebe eben, «Die Module spiel'n verrückt», wie es im gleichnamigen Song heißt. Wir waren ganz zufällig aneinander geraten. Er war der Freund einer Freundin auf Myspace und hatte mich eines Tages angemailt.
New York – Berlin: Obwohl der Atlantik und die Zeit uns voneinander trennten, so wie die Tatsache, dass wir einander noch nie gesehen hatten, fühlten wir uns bereits als Paar. Online-Liebe funktioniert einfach und macht erfinderisch. Wenn man nicht riechen, fühlen, hören, schmecken kann, muss man sich anderer Wege behelfen, um sich besser kennenzulernen. Um die Distanz zwischen uns auszugleichen, uns Nähe vorzugaukeln, teilten wir jedes noch so kleine Detail. Von seltsamen Hautkrankheiten, der Vorliebe für Popcorn mit Vanilleeis bis hin zu der Tatsache, dass ich genau 1,67 Meter und fünf Millimeter «groß» bin. Wir schmiedeten bereits gemeinsame Urlaubs- und Lebenspläne und dachten uns kleine Spiele à la «Wenn du jetzt hier wärst, würde ich...» aus. Ich setzte spaßeshalber schon mal meinen Vor- vor seinen Nachnamen. Die daraus resultierende Kombination gefiel mir sehr.
«Ein Computer kann dich nicht umarmen» Eingeweihte Freunde und Verwandte reagierten skeptisch bis spöttisch. «Ein Computer kann dich nicht umarmen» - wie oft ich mir diesen Satz anhören musste. Doch da ist schon was Wahres dran, denn wie ich heute weiß, macht Computerliebe einsam und die verliebt Tippenden zu Sozialkrüppeln.
Draußen war Sommer, ich blieb blass, dauertippend an meinen Rechner gefesselt. Während das wahre Leben da vor dem Fenster unbeirrt weiterzog, blieb mein von der virtuellen Liebe beherrschter Alltag (Arbeit-Tippen-Schlafen-Arbeit...) immer gleich. Ja richtig, «beherrscht», denn für richtige Verabredungen war da kein Platz mehr. So sagte ich Treffen mit Freunden, Ausflüge zum Strand oder Einladungen zu Grillpartys ab ohne mit der Wimper zu zucken. Bis tief in die Nacht hockte ich da und ließ mich via Skype von meinem Online-Romeo mit Rilke-Gedichten, seinen Kinderfotos und Sixties-Soul umgarnen. Verlieben ohne Körperlichkeiten kann in der Tat sehr romantisch sein.Und irgendwann stand es da, umringt von roten Pixelblümchen: «Ich liebe Dich!» Hoppla, das ging jetzt aber doch etwas schnell. Mein heißverliebtes Frühwarnsystem schaltete sich trotzdem aus. Ach was soll’s, dachte ich mir, da hat er sich eben ein bisschen reingesteigert. Hatte er nicht, aber dazu später mehr. Zurück in Deutschland brachten wir unsere «Liebe» per Griff zum Telefon auf die nächste Ebene. Und sogleich stellte sich die erste Ernüchterung ein. Irgendwie hatte ich mir seine Stimme dunkler, weniger schrill vorgestellt. Doch was ist schon eine Stimme gegen all das, was wir teilen, wischte mein verliebtes Hirn die Sorgen weg.
Die rosarote Brille rutschte in der Realität Das Ende kam recht unspektakulär. Doch ich, die drei Monate wie eine Irre auf den Computer eingedroschen hatte, wollte es einfach nicht wahrhaben. Schließlich fühlte ich mich um die Liebe meines Lebens betrogen. Die rosarote Brille rutschte, als wir uns erstmals gegenüber standen. Bei der Körpergröße hatte er offenbar ein etliche Zentimeter dazu gemogelt und sein Bauch war so weich wie ein Wasserbett, wie die Umarmung mich spüren ließ. Gut, dachte ich mir, ich habe hier meinen Seelenverwandten vor mir, was sind da schon Äußerlichkeiten. Doch auch in Sachen «Seele» lief nicht alles rund. Was ein unbedarftes Online-Liebesgeständnis angedeutet hatte, trat tatsächlich ein. Viel zu viel redete er von seinen zahlreichen Ex-Freundinnen und bereits am zweiten Tag unserer «Liebe» in der Realität sprach er von Kindern, da wurde es mir einfach zu eng. Und, was noch viel entscheidender wahr, ich konnten ihn im wahrsten Sinne des Wortes nicht riechen.
Sicher, nichts ist unmöglich im www. Immer wieder hört man von Paaren, die sich online kennengelernt haben und seit Jahren glücklich sind. Bei einigen funktioniert es eben, bei anderen nicht. Doch ich bleibe bei der Überzeugung: So richtig verlieben klappt nur, wenn man dem ganzen Paket mit allen Sinnen gegenübersteht.Das größte Problem der nicht greifbaren Liebe ist vielleicht der Narzissmus. Zu verlockend ist die Aussicht, sich auf Myspace, StudiVZ oder Facebook die optimierte Version des eigenen Selbst zu erschaffen. Die Schokoladenseiten noch süßer zu machen, dafür die weniger netten Details zu verschweigen. Als zu dick empfundene Beine werden in Photoshop einfach abgeschnitten, Augenfältchen wegradiert. Ach, und wollte ich nicht immer Surfen lernen? Also werden noch ein paar interessante Hobbys hinzugefügt. Bei all diesem Selbst-Tuning geht jedoch schnell ein für das Verlieben essenzieller Bestandteil flöten: die eigene Persönlichkeit. Und zu der gehören nun mal auch die unschönen Seiten. Wer es trotzdem wagen will:
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