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Neue Frauenportale im Netz: 

Angestaubter Chic per Klick

18. Apr 2008 13:35
Gut gestylt: Startseite der
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Sie heißen «Shine» oder «Erdbeerlounge» und bieten nach eigenen Angaben alles, was die Frau von heute im Internet sucht. Elke Wittich hat sich in neue Frauenportale eingeloggt und eine entsetzliche Zeitreise gemacht.

Hätte man in den fünfziger Jahren einen Verleger gebeten, ein nur auf die Bedürfnisse von Frauen zugeschnittenes Medium zu konzipieren, so wäre das herausgekommen, was vom Holtzbrinck-Medienkonzern jüngst im Internet als «Erdbeerlounge» gelauncht wurde - nur eben in gedruckter Form.

Denn die Macher der braunrot gestylten Seite fallen ausgerechnet im Zeitalter des Web 2.0 auf ein Frauenbild zurück, wie es eben aus Illustrierten der fünfziger Jahre überliefert ist: Rundum gepflegt kümmert sich die Dame von Welt um sich selbst und ihr Heim. Themen wie Politik, Finanzen, Gesellschaft, kurz: alles, was spannend ist, werden in bewährter Arbeitteilung vom Mann an ihrer Seite erledigt, so dass die Dame keine kostbaren Gehirnkapazitäten mit überflüssigen Informationen vergeuden muss.

In dieser Tradition beschränkt sich auch die «Erdbeerlounge» aufs Wesentliche: Aussehen. Und aussehen. Und wie man aussehen sollte. Die Userinnen werden zwar nicht mehr mit «charmante Leserin» angesprochen, wie es damals üblich war, dafür werden sie als «Erdbeermädels» bezeichnet, die «frech, charmant, witzig, gesprächig und manchmal auch ein bisschen crazy» sind. Und wohl samt und sonders arbeitslos, denn Themen wie Beruf, Aus- und Fortbildung sowie Karriere kommen schlicht nicht vor.

Erdbeermädels

Vielleicht sind die Erdbeermädels aber nur zu beschäftigt, um arbeiten zu gehen. Sie müssen sich ja ständig über die neuesten modischen Entwicklungen informieren, alles über Beauty und Wellness lernen, Cellulite, Knubbelknie und Hängebrüste bekämpfen, entscheiden, ob Brad Pitt oder Johnny Depp berühmter sind, Männer kennen lernen und sich merken, welche Produkte laut «Stiftung Erdbeertest» gerade angesagt sind.

Oder einander im Forum Geschichten aus dem eigenen Leben erzählen, in denen es um die richtige Anmache, Trennungsabsichten und gute Flirtstrategien geht. Klingt wie das Bravo-Forum, ist es aber nicht, denn die Erdbeermädels wissen schon längst, dass die einzige große Gefahr beim Küssen nicht etwa darin besteht, dass man dabei ein Kind bekommen könnte, sondern dass der Lippenstift verschmieren kann.

«… und dann hat er gesagt …»

Was ist das Besondere, was ist das - betriebswirtschaftlich gesprochen - Alleinstellungsmerkmal der Erdbeer-Lounge? Sind es die Nachrichten, die ausschließlich von den derzeitigen weiblichen Top-Promis wie Carla Bruni handeln? Die News sind durchaus aktuell, allerdings definitiv nicht Obst-exklusiv, sondern - meist sogar etwas früher - auf ungefähr jedem Nachrichtenportal, im Videotext, in den diversen Fernsehmagazinen, im Hörfunk und auf den Webseiten der diversen Frauenzeitungen zu lesen, zu sehen, zu hören.

Ohne Lounge einfach leckerer: Erdbeere mit Sahne
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Sind es die mutigen Userinnen, die nach erfolgreicher Registrierung trotz Schreib- und Leseschwäche unverdrossen die Mitwelt über ihre gerade aktuellen - nennen wir es mal - Gedanken informieren? Nein, denn Style-Hilferufe wie den von «jessily2erdbeer» kann man auch in jedem anderen Frauenzeitungs-Forum lesen: «will mir für die hochzeut einer bekannten ne hochsteckfrisur machen lassen.. gibts da ne möglichkeit.. die über nacht drinzulassen.. dass sie bis zum morgen hält..? (hab ziehmlich dicke haare) weil ich am nächsten tag keine zeit mehr für frisu u.s.w. habe!»

Und für ewig lange Geschichten voller «und dann hat er gesagt» und «dann hab ich gesagt» hätten weder das Internet noch das knallrote Forum erfunden werden müssen, denn die kann man selbst bei leidlich schönem Wetter draußen auf der Straße alle hundert Meter hören.

Erdbeeren von vorgestern

Auch die Fashion/MakeUp/Styling-Tipps reichen in Punkto Innovation nicht an die Erfindung des Rades heran und, wenn man es genau bedenkt, nicht einmal an die Erfindung der Wimpernzange. Was gerade angesagt ist, kann man mittlerweile selbst auf der verschnarchtesten Provinzzeitungs-Homepage lesen. Dazu kreist man bei den Erdbeeren nur wenige Tage nach dem Start bereits jetzt in einer Endlosschleife um die immergleichen Themen, denn die derzeitige Mode ist nun einmal auf bestimmte Schnitte, Farben, Accessoires und Schminkstile beschränkt.

Sind dann vielleicht die hochgeladenen Leserinnenfotos unter der bangen Überschrift «Steht es mir?» das, was die Frauenseite so ganz einzigartig macht? Eher nicht, denn der Spiegel ist bereits seit ein paar Jahrhunderten erfunden und wer es offline nicht schafft, sich in einem Spiegel anzugucken und zu einem Resultat zu kommen, wird dies online erst recht nicht schaffen.

Wer bin ich?

Theoretisch könnten die bereitgestellten Selbsttests viel über eine Frauenzeitschrift oder ein Online-Portal aussagen. Leider sind sie fast alle gleich und führen immer zum gewünschten Ergebnis: Jede nur halbwegs geschulte Frauenzeitungsleserin weiß genau, was man ankreuzen muss, um die Bestätigung dafür zu bekommen, dass man mit der Selbsteinschätzung richtig liegt und ganz klar eine sexy Kreative und keinesfalls eine einfallslose Langweilerin ist.

Bei den Erdbeeren führen Tests jedoch manchmal zu vollkommen überraschenden Ergebnissen, etwa beim Test: «Bist Du so alt wie Du Dich fühlst?». Das Ergebnis klingt zwar zunächst positiv: «Herzlichen Glückwunsch! Biologisches und tatsächliches Alter stimmen überein!» Es sit gleichwohl sehr erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Userin Noella nirgendwo angegeben ist, wie alt sie ist.

Startseite von
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«Shine»

Beim ebenfalls erst kürzlich gestarteten englischsprachigen Frauen-Portal «Shine» ist die thematische Bandbreite ein wenig größer als beim erdbeerverzierten Mädelhaufen. Was einerseits daher rührt, dass «Shine» ein Angebot von Yahoo ist und daher aus dessen News-Angebot schöpfen kann, so dass die zur allgemeinen Leserinnendiskussion gestellte «Question of the day» zum Beispiel auf aktuellen Studien oder Umfrageergebnissen basiert und, wie die meisten Artikel, themenvertiefende Links auf andere Yahoo-Seiten bietet.

Andererseits hat man bei «Shine» durchaus davon gehört, dass die meisten Frauen das Haus nicht nur verlassen, um Kosmetiknachschub einzukaufen oder in Promibars auf Mr. Right zu warten, sondern um arbeiten zu gehen. Und so kümmert sich «Shine» neben dem üblichen Mischmasch aus Modetrends, schleichwerbenden Kosmetiktipps, Promi-News, Horoskopen, Wellness und Rezepten ganz explizit um das Thema «Work+Money».

Und dort geht es nicht darum, wie man sich fürs Büro schminkt und anzieht, sondern um den persönlichen Credit Report, das US-Äquivalent zur Schufa-Auskunft, um die besten Strategien für Gehaltsverhandlungen und gegen akute Arbeitsunlust. Was das Angebot allerdings in seiner Gesamtheit kaum weniger hohl macht. Die Fünfziger sind halt überall.


 
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