11.04.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Deutsche Blogger sind unpolitisch und unreif
Zwei neue Bände der Deutschen Gesellschaft für Online-Forschung vergleichen die deutschsprachige Blogosphäre mit der US-amerikanischen und kommen zu erschreckenden Ergebnissen. Sabine Pamperrien stellt sie vor.
Der soeben erschienene Forschungsdoppelband «Neue Schriften zur Online-Forschung Bd.2&3» befasst sich mit der Bedeutung des Web 2.0 für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Auf annähernd 1000 Seiten ziehen Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen eine Zwischenbilanz und dokumentieren die aktuellen Auswirkungen der technologischen Entwicklung. Einen von mehreren Schwerpunkten dabei bildet die Analyse der deutschen Blogosphäre. Der internationalen Entwicklung hinkt sie hinterher. Die Prognosen der Forscher bleiben zurückhaltend.
Im September 2005 sah sich der amerikanische Journalist Sean Sinico anlässlich der Bundestagswahlen in der deutschen Blogosphäre um. Die Deutschen Welle brachte seine Analyse damals unter der Überschrift „Blogs Making Baby Steps in German Politics“. Das war keine Provokation, sondern Fazit einer nüchternen Bestandsaufnahme.
Vor ein paar Wochen führte das Zitat von Sinicos damaliger Einschätzung zu deutlichen Abwehrreaktionen aus der A-Blogger-Szene. In der Abwehr unter ging die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Feststellung, dass auch der aktuelle Vergleich US-amerikanischer politischer Blogs mit ihren deutschsprachigen Pendants ergab, welch geringe Rolle politische Blogs im deutschsprachigen Raum spielen.
Deutungshoheit im Web 2.0Bislang diskutierten Journalisten und Blogger meist aggressiv und selten fruchtlos miteinander. Der Entwicklungsstand der deutschen Blogosphäre wird nun in einer aktuellen Publikation der Deutschen Gesellschaft für Online-Forschung unter zahlreichen Aspekten wissenschaftlicher Analyse umfassend erläutert. Weitere Veröffentlichungen aktueller Studien stehen an, so dass die längst sehr leidenschaftlich und durchaus medienwirksam geführte Diskussion um die Deutungshoheit über Folgen und Wirkungen der Kommunikation im Web 2.0 endlich in produktive Bahnen gelenkt werden könnte.
Zwei der Studien in der zweibändigen Sammlung seien hier heraus gegriffen, um das gegenwärtige Elend politischer Blogs intellektuell greifbar zu machen. Katja Schönherr hat deutschsprachige Medienwatchblogs einer eingehenden Analyse unterzogen. Journalisten interessieren sich demnach kaum dafür, weshalb die erwünschte Besserung journalistischer Qualität ihre Zielgruppe verfehlt.
Selbst ein Aushängeschild wie das Bildblog bleibt fast wirkungslos. Die Autorin der Studie folgert, dass die professionelle Akzeptanz der Medienwatchblogs abhängig von richtigen Aufdeckungserfolgen sei. Dazu aber gehöre investigative Recherche. Und die werde aktuell von Bloggern nicht betrieben.
Wenige Profi-BloggerBettina Berendt, Martin Schlegel und Robert Koch von der Humboldt Universität untersuchten den Reifegrad der deutschsprachigen Blogosphäre. Die inzwischen an der niederländischen Universität in Leuven tätige Professorin Berendt führt damit einen Terminus Technicus in die Diskussion ein, der durchaus polemisches Potenzial aufweist. Der Reifegrad lässt sich am Ausmaß der Professionalisierung des Bloggens gegenüber der Freizeittätigkeit ablesen.
Die Gruppe der Freizeit-Blogger nutzt ihr Weblog als Online-Tagebuch. Semiprofessionelle Blogger investieren zwar einen signifikanten Teil ihrer Zeit in die Pflege des Weblogs, nutzen es jedoch nicht als Haupterwerbsquelle wie die professionellen Blogger. Der Anteil professioneller Blogger ist im Vergleich mit den USA noch sehr gering.
Ziel der Studie war es, «aussagekräftige, aber maschinell verwertbare Indikatoren für den Reifegrad und die thematische Politisierung der lokalen Blogosphäre zu gewinnen». Exemplarisch wurde so eine aktuelle Bestandsaufnahme der deutschsprachigen Blogosphäre durchgeführt. Dabei wurden nicht nur politische Blogs untersucht, sondern sämtliche Beiträge und Postings eines längeren Zeitraums. Eine themenorientierte Studie zu Blogs gab es zuvor noch nicht. In Beziehung gesetzt wurde die deutsche Blogosphäre einerseits zur US-amerikanischen, die als stark politisiert wahrgenommen wird, und andererseits zu deutschsprachigen Nachrichtenmedien.
Links zu MedienDer Grad der Politisierung dokumentiert insofern die Professionalisierung, als Themen außerhalb des ganz privaten Wahrnehmungsbereichs ein weitaus größeres Publikum ansprechen sollen und auf Wirkung außerhalb der Privatsphäre angelegt sind. Überprüft wurde durch eine differenzierte Stichwortanalyse, bei der z.B. die Häufigkeit von Begriffen wie «Irak», «George Bush», «Angela Merkel» oder «Terror» und «Saddam Hussein». Das Ergebnis ist prägnant: Keines der zahlreichen abgeprüften politischen Themen findet in mehr als einem halben Prozent der deutschsprachigen Blog-Einträge Verwendung, bei den US-amerikanischen in mehr als zehnmal soviel.
Deutsche A-List-Blogs verlinkten vorwiegend zu «Spiegel-Online», «Heise.de», «Netzeitung», ARD und BBC. Die an zweiter Stelle der Nennungen rangierende Bild-Zeitung verdankt ihre Position vorwiegend der häufigen Verlinkung durch das Bildblog, was laut Studie ihre Rolle relativiert. Ohne diese Links läge die «Bild»-Zeitung nur auf Rang 10 hinter der «FAZ», so der Studienbeitrag.
Deutschsprachige Blogs zeigten sich viel schwächer verlinkt als US-amerikanische. Wenn sie verlinkt waren, blieb diese Verlinkung im Rahmen relativ geschlossener Gruppen von Blogs, während die US-Blogger weitaus mehr Quellen auch von Mainstream-Nachrichtenmedien rezipierten.
Journalismus und BlogosphäreDie deutschsprachige Blogosphäre ist in dieser Hinsicht deutlich unreifer und auch weitaus undurchlässiger als die US-amerikanische. Wesentliche Fragen konnten die Forscher mit diesen Feststellungen jedoch noch nicht beantworten. Sind die gravierenden Unterschiede allein auf den unterschiedlichen Reifegrad zurückzuführen? Ist die Politiklastigkeit der populären US-Blogs überhaupt Ausdruck der höheren Reife? Oder gibt es gravierende gesellschaftliche Unterschiede bei der Beurteilung der Relevanz politischer Diskurse?
Beantwortet werden können diese Fragen vermutlich erst, wenn beide Blogosphären die gleiche Reife erlangt haben. Dazu müssen Blogs zunächst einmal gesellschaftliche Relevanz erlangen. In der Zwischenzeit streben die Forscher einen differenzierten Vergleich zwischen dem etablierten Journalismus und der Blogosphäre an.
Bei den deutschen Bloggern kann man gelegentlich den Eindruck gewinnen, so eine Studie wäre Geldverschwendung. Auf der Konferenz Re:publica wurde einmal mehr die These vorgebracht, der Journalismus werde in nächster Zeit verschwinden. Angesichts des dokumentierten Status Quo ergibt sich daraus eine erschreckende Aussicht: Ein Leben in Deutschland ohne politische Meinungsbildung.
Ansgar Zerfaß / Martin Welker / Jan Schmidt (Hrsg.): Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web. Band 1: Grundlagen und Methoden: Von der Gesellschaft zum Individuum. Band 2: Strategien und Anwendungen: Perspektiven für Wirtschaft, Politik und Publizistik.