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Bekenntnis eines Internet-Fans: 

«Ich bin online-süchtig»

12. Apr 2008 09:42
Zwischen Spaß und Sucht: Computernutzer
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Zählt das schon als Internet-Sucht, wenn man bis zu elf Stunden täglich online ist? «Leider ja», sagt Maik Söhler im Selbstinterview, «aber ich leide nicht darunter». Und damit eines mal klar ist: «Realer Sex ist besser.»

Online-Sucht, ein noch vor wenigen Jahren gänzlich unbekanntes Thema, wird zum Problem für breite Kreise der Bevölkerung. Anfang März wurde Deutschlands erste Ambulanz für digitale Spielsucht am Klinikum der Johannes Gutenberg-Universität Mainz eröffnet. Einzel- und gruppentherapeutisch will man hier Computerspiel- und darüberhinaus auch Internetsucht behandeln. Auch zahlreiche andere Kliniken haben entsprechende Therapieangebote in ihre Behandlungspläne aufgenommen.

Seit kurzem beschäftigt das Thema auch den Deutschen Bundestag. Bei einer Expertenanhörung im Kultur- und Medienausschuss am Mittwoch wurde deutlich, dass eine «Personengruppe im sechs- oder siebenstelligen Bereich Probleme mit dem Internet hat», wie das IT-Portal Heise.de berichtete. Dominant seien derzeit die Suchtformen digitale Spiele (bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen), Online-Sex (bei Männern) und Dauerchatten (bei Frauen).

Über diese und andere Online-Suchtformen sprach die Netzeitung mit jemandem, der sie aus eigener Erfahrung gut kennt. Unser Internetredakteur Maik Söhler interviewt sich selbst.

Netzeitung: Wieviel Zeit verbringen Sie täglich in digitalen Welten?

Maik Söhler: Wochentags zwischen neun und elf Stunden. Am Wochenende deutlich weniger, vielleicht drei bis vier Stunden pro Tag.

Netzeitung: Würden Sie sich selbst als online-süchtig bezeichnen?

Söhler: Leider ja. Aber es handelt sich um eine begrenzte Sucht. Und vor allem: Ich leide nicht unter ihr. Noch nicht. Das unterscheidet mich von anderen online-süchtigen Menschen.

Symptome der Sucht

Netzeitung: Als Suchtsymptome nennen Psychologen meist diese Aspekte: enorme Anstrengungen, um an das Suchtmittel zu gelangen; die Dosis immer weiter zu erhöhen; Entzugserscheinungen, die sich in Niedergeschlagenheit, Unruhe und erhöhter Reizbarkeit ausdrücken; Rückzug von Freunden und Verwandten. Welche dieser Symptome sind Ihnen nicht fremd?

Söhler: Die Anstrengungen, an einen Computer mit Netzanschluss zu gelangen, sowie gelegentlich die Unruhe und Gereiztheit, wenn das nicht klappt. Auch die Erhöhung der Dosis kenne ich gut.

Netzeitung: Wie genau äußert sich das bei Ihnen?

Auch draußen noch am Laptop: Mann in den USA
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Söhler: Ich kann im Urlaub ganz gut ohne Computer, Internet und Spielkonsole leben. Wenn ich am Strand liege, vermisse ich sie nicht. Das kann tagelang so gehen. Dann aber laufe ich zufällig an einem öffentlich zugänglichen Computerterminal vorbei, bleibe stehen, logge mich ein, rufe meine Mails ab und surfe. Fortan werde ich am Urlaubsort meine Wege so einrichten, dass ich zumindest an jedem zweiten Tag an diesem Terminal vorbei muss.

Die Dosis wird ganz von selbst erhöht, indem man sich auf das, was man digital gerade macht, immer stärker einlässt. Ich besuche ein Weblog, in dem jemand einen tollen Eintrag geschrieben hat. Dieser Eintrag hat 40 Kommentare hervorgerufen. Von den 40 Kommentatoren verlinken 25 auf ihre eigenen Blogs. Die surfe ich dann alle ab. Wie es so geht, komme ich von dort auf wieder neue Blogs mit tollen Einträgen und so weiter.

Digitale Spiele

Netzeitung: Welche Teile der digitalen Welten rufen bei Ihnen den größten Suchtfaktor hervor?

Söhler: Online-Medien, Weblogs und digitale Spiele.

Netzeitung: Wie kann man sich nur im Alter von 38 Jahren noch so intensiv mit Spielen befassen.

Söhler: Gegenfrage: Wie konnte man sie nur so lange ignorieren? Im Studium habe ich manchmal wochenlang «Civilization II» gespielt, oft bis zum Morgengrauen und bis zur totalen Erschöpfung. Danach ist das drastisch zurückgegangen - hier und da mal ein Casual Game zur Ablenkung.

Gran Turismo 5 Prologue
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Dann kam die neue Konsolengeneration mit ihren Möglichkeiten der Interaktion und der zum Teil fantastischen Grafik. Wer da nicht den Drang hat, etwa innerhalb von Gran Turismo 5 Prologue immer neue Strecken mit immer neuen Autos abzubrettern, der verpasst was. Oder die ständig wachsenden Anforderungen im Action-Adventure «Uncharted».

Netzeitung: Die meisten Spielsüchtigen soll es ja gar nicht im Bereich der Konsolenspiele geben, sondern in den großen Multiplayer-Welten wie «World of Warcraft» oder «Lineage II».

Second Life
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Söhler: Für Gnomen-, Magier- und Mittelalterwelten bin ich zum Glück gar nicht anfällig. Und Second Life hat mich so gelangweilt, dass ich lieber offline gegangen bin.

Aber ja, viele Menschen liefern sich diesen Welten in einem großen Maß aus.

Spiele und Sex

Netzeitung: Was macht diese Welten nur so interessant?

Söhler: Dieser Tage erscheint erstmals Tim Guests Recherchebuch über die großen virtuellen Netzwerke wie zum Beispiel Second Life und Everquest auf Deutsch (Tim Guest: Die Welt ist nicht genug, Rogner & Bernhard). Er vertritt die schöne These, dass immer mehr Menschen ihren Alltag im richtigen Leben als so beladen und beschränkt erfahren, dass sie quasi von selbst in die virtuellen Welten getrieben werden.

Dort geht es - zumindest momentan noch - um einiges freier zu als im Realwelt-Alltag mit seinen Nine-to-Five-Jobs in engen Bürozellen, aus denen man in überfüllten U-Bahnen in die überteuerte und trotzdem enge und dunkle Wohnung zurückkehrt. Es ist wohl kein Zufall, dass so viele Bewohner virtueller Welten im echten Leben in Metropolen wie New York, London, Seoul oder Tokio wohnen.

Netzeitung: Lassen Sie uns über Online-Sex sprechen.

Söhler: Von mir aus. Realer Sex ist besser.

Netzeitung: Besuchen Sie regelmäßig Porno-Seiten im Web?

Söhler: Nächstes Thema, bitte.

Netzeitung: Nochmal: Besuchen Sie regelmäßig Porno-Seiten im Web?

Söhler: Da besteht bei mir definitiv kein Suchtpotenzial. Nächstes Thema, bitte.

Allein und in Gesellschaft

Netzeitung: Sie sind ja gar nicht online-süchtig.

Söhler: Wenn ich allein bin schon. Ich habe Familie und die kommt vor allem anderen, ohne wenn und aber. Aber wenn die Familie mal ohne mich für ein paar Tage wegfährt, dann merke ich, wie anfällig ich bin. Nach dem Aufstehen werfe ich erstmal den Laptop an, noch vor dem ersten Kaffee und der ersten Zigarette. Der bleibt dann an, bis ich aus dem Haus muss oder, wenn nicht, bis ich schlafen gehe.

Controller der Wii
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Nach Kaffee und Zigarette wird eine der Spielkonsolen angeworfen. Ungeduscht und ungefrühstückt hampele ich dann ein, zwei Stunden mit dem Wii-contoller rum, oder wenn mir das zu stressig ist, mit den Pendants für die Playstation oder die Xbox. In Spielpausen schnell rüber zum Laptop, Mails checken, ein paar Online-Medien abgrasen, bei Freunden was ins Weblog posten oder dort kommentieren, ziellos rumsurfen. Danach zurück an die Konsole.

Netzeitung: Warum können Sie mit Ihrer freien Zeit alleine nichts Besseres mit sich anfangen?

Söhler: Keine Ahnung.

Netzeitung: Und Ihre Freunde haben sich von Ihnen abgewandt?

Söhler: Nein, im Gegenteil. Seit zuhause die Spielkonsolen rumstehen, kommen Freunde vorbei, um sie nutzen. Gemeinsam zu spielen ist erstmal eine tolle Sache, problematisch wird es nur dann, wenn man merkt, dass man sich jenseits des Spiels nichts mehr zu sagen hat. Und das ist zum Glück nicht der Fall.

Netzeitung: Werden die digitalen Welten sofort abgeschaltet, wenn die Familie zurückkehrt?

Söhler: Sie werden auf ein für alle erträgliches Maß beschränkt. Ich sehe es nicht ein, warum man Kinder vom Fernseher, der Spielkonsole oder dem Laptop unbedingt fernhalten sollte. Diese Geräte gehören zu unserem Alltag und bereichern ihn. Es geht beim Umgang mit ihnen nicht um das Ob, sondern um das Wie und Wieviel.

Verantwortung und Entgrenzung

Netzeitung: Darüber lässt sich mit Kindern lange streiten. Haben Sie keine Angst, hier schon die nächste Generation der Online-Süchtigen heranzuziehen?

Söhler: Doch. Und wenn ich den Kindern mal Schokolade gebe, habe ich Angst, dass sie süchtig nach Zucker werden. Sie könnten auch vom Fahrrad oder von Büchern abhängig werden.

Wer Kinder hat, geht ängstlicher durch die Welt als jemand, der keine hat. Ängste werden allerdings kleiner, wenn man sich mit ihnen auseinandersetzt. Ich setze die Kinder nicht einfach vor den Computer oder die Spielkonsole. Wenn wir spielen, dann spielen wir zusammen - offline wie online. Und wie bei allem anderen auch, gibt es Zeiten am Computer und Zeiten, in denen die Kiste ausbleibt.

Netzeitung: Nur für Sie selbst gilt das nicht.

Söhler: Aus irgendeinem Grund muss man doch erwachsen geworden sein.

Netzeitung: Jemandem, der unter seiner Online-Sucht leidet, könnten Ihre Ausführungen wie Hohn vorkommen.

Maik Söhler, offline
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Söhler: Aber warum denn? Der- oder Diejenige wird mich vermutlich nur darum beneiden, dass mein Suchtverlauf noch nicht sehr weit fortgeschritten ist und von meiner Familie und meinen Freunden deutlich eingeschränkt wird. Gesellschaft ist ein gutes Mittel gegen Online-Sucht und auch gegen eine ihrer Ursachen: die Einsamkeit. Ein anderes Mittel ist, sich erstmal einzugestehen, dass man ein Suchtproblem hat, und sich dann damit auseinanderzusetzen. Und das mache ich doch gerade.

Netzeitung: Was halten Sie von Sucht-Warnhinweisen auf dem Cover von Computerspielen?

Söhler: Genau dasselbe wie von Warnhinweisen auf Zigarettenschachteln. Sie schaden und sie nutzen nicht.

Maik Söhler arbeitet als Magazinredakteur mit Schwerpunkt Internet für Netzeitung.de


 
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