Google öffnet seine Server:
Gratis zum Netzmonopol
10. Apr 2008 07:53
 |  Unter freiem Himmel wurde "App Engine" vorgestellt | Foto: Screenshot NZ |
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Die Besucher auf Googles «Campfire One» fröstelten, als das Unternehmen unter freiem Himmel den Service «App Engine» vorstellte. Das lag an den kühlen Temperaturen. Blogger empfinden eisige Schauer angesichts der Google-Pläne.
Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, heißt ein landläufig bekanntes Sprichwort. Lange Zeit galt das auch für Google. Egal was der Suchmaschinenriese verschenkte, die Begeisterung war groß. Das hat sich geändert, seit die Öffentlichkeit bemerkt hat, dass Google mit jedem «Geschenk» das Internet mehr unter seine Kontrolle bringt. Entsprechend gemischt fallen die Urteile der Entwickler und Blogger aus, die sich zu Googles neustem Coup äußern: Das Unternehmen öffnet seine Serverinfrastruktur mit einem neuen Gratisdienst namens «App Engine» für externe Programmierer.
Entwickler, Start-ups und mittelgroße Firmen sollen ihre Webseiten künftig auf den Servern von Google betreiben können. Das Unternehmen öffnet seine APIs (Programmierschnittstellen) etwa für E-Mail-Dienste, stellt Tools zur Nutzerverwaltung bereit, die Anwendung BigTable übernimmt die Skalierung der Programme und stellt eine Datenbank bereit.Als Programmiersprache wird in der Beta-Version das Google-intern verwendete Python 2.5 unterstützt. Weitere Sprachen sollen bis zum offiziellen Start der Seite folgen. Die Testversion wird derzeit von 10.000 Entwicklern getestet, die Accounts waren innerhalb von kürzester Zeit vergeben. Die Beta-Version kann gratis genutzt werden, solange die Webseitenabrufe nicht eine Zahl von fünf Millionen pro Monat überschreiten.
User sind zufrieden und besorgt zugleich
Entwickler und Blogger freuen sich in zahlreichen Einträgen im Internet über diesen Schritt von Google, der die Gründung einer Onlinefirma wesentlich erleichtert, weil die Kosten eines Webauftritts sinken. Mit den Features und der Usability sind die, die «App Engine» testen konnten, weitgehend zufrieden. Kritisiert wird die Beschränkung auf eine Programmiersprache und dass die APIs nicht vollständig offengelegt werden, so dass sie nur von Applikationen verwendet werden können, die auf den Google-Servern liegen. Das erschwert einen Umzug zu einem anderen Anbieter erheblich. Gleichzeitig schwang in vielen Kommentaren die Sorge mit, dass Google nun seine Macht im Internet weiter ausdehnen wird.
«People, WTF!»
Ein Blogger warnt die Community: «Die kontrollieren schon eure Suchergebnisse, eure E-Mail-Accounts, eure Werbebanner, die Statistiken eurer Webseite, die Cookies in euren Browsern, eure Videos – und jetzt seid ihr blöd genug denen auch noch den Code eurer Projekte zu überlassen! Nur weil es Google und gratis ist!? People, WTF!» Auch andere Nutzer fürchten, dass Google mit «App Engine» in den Besitz von neuen Programmiercodes kommen will. David Stone schreibt im US-Blog TechCrunch: «Die Dinge werden wirklich schlimm, wenn der potenzielle Wettbewerber Zugang zu deinem Code hat.»
Es ist nicht neu, dass Webdienste ihre Infrastruktur für die Internetnutzer öffnen. Anbieter wie Amazon oder Salesforce vermieten überflüssige Speicherkapazitäten, Rechenpower und Bandbreite. Doch im Unterschied zu Google können die Nutzer ihre Applikationen auf eigenen Plattformen laufen lassen - so bleibt der Code physisch in ihrem Besitz.Zudem unterstützen die Plattformen eine Vielzahl von Programmiersprachen, Google hingegen trimmt die Entwickler, zumindest vorerst die Google-Standards einzuhalten. Blogger vermuten, Google versuche mit der neuen Plattform, talentierte Entwickler und kreative Innovationen zu entdecken.
Dominant wie Microsoft?
Und wie jede Produktinnovation von Google regt auch diese die Fantansien an. Manch einer sieht in dem jetzigen Schritt einen Umbruch im Web gekommen. So sei es nur richtig, dass Google die Bausteine für Webseiten bereitstelle anstatt wie Myspace, Facebook oder Friendster für ein monothematisches Programm eine komplette Infrastruktur zu bauen. «Fernsehstationen werden schließlich auch nicht extra für Sendungen wie Baywatch gebaut, sondern für unzählig viele verschiedene Filme, Shows und Nachrichtensendungen, die aber immer über die gleiche Antenne ausgestrahlt werden», schreibt Diskutant «GQ».Andere sehen sich «an die schwarzen Tage des Microsoft Monopols» erinnert. «In diesem Fall ist es Google, das die Preise festsetzt, indem es sie auf Null drückt. Google nutzt die Vorteile seiner Größe um kleine Firmen, Medienkonzerne und Wettbewerber zu erdrosseln», schreibt ein Programmierer. «Kommt es nun dazu, dass alle Programme auf einer Google-Plattform laufen und Google-Standards entsprechen? Haben wir vergessen, was mit Borland, Netscape und Novel passiert ist?» Der Nutzer bezeichnet Google als die größte Gefahr für Open-Source-Software, die bisher jemals aufgetreten sei.
Etwas naiver reagieren andere auf «App Engine»: «Ein weiterer typischer Google-Launch», schreibt User Jonathan bei TechCrunch.com. «Sie haben keine Ahnung was die Nutzer wollen, lancieren das Produkt einfach mal und schauen was passiert?» Das haben andere vor Jahren mal geglaubt.
Für das Web ediert von Daniel Baumann