Die Allgegenwärtigkeit von Sex bringt Pornostudios in Not
Foto: AP
Wer eine Webcam und einen Netzzugang hat, kann Brüste und Po der ganzen Welt zeigen. Die Flut von Amateurpornos senkt die DVD-Umsätze der Pornostudios. Erfolgreich ist vor allem das Portal Youporn.com. Mit Video.
Die Party hinter den Hügeln von Hollywood ist leiser geworden. Sie wollten eigentlich ewig feiern. Allein, das Business lässt sie nicht. Ausgerechnet dort wo seit den achtziger Jahren ein Geschäft herangewachsen ist, das schneller, härter und vor allem lukrativer ist, als man es zu Hollywoods erfolgreichsten Zeiten kannte, herrscht Katerstimmung: Das Geschäft mit der nackten Haut, dem zuckenden Fleisch, den stöhnenden Starlets läuft nicht mehr wie gewünscht, seitdem auch Haus- und Putzfrauen ihre selbstgedrehten Pornos ins Netz stellen. Die sind zwar weniger ästhetisch, werden aber häufiger angeklickt.
Es ist das Videoportal Youporn, das Youtube für Erwachsene, das den Filmemachern im San Fernando Valley die Sorgenfalten ins Gesicht treibt. Zwar ist es nur eine von inzwischen geschätzten 42 Millionen Sexseiten im Netz, aber es ist die derzeit prominenteste und es hat Pornovideos von Amateuren populär gemacht. Youporn liefert zuverlässig Tag für Tag, Stunde für Stunde das, wonach die Pornoindustrie schon immer sehnsuchtsvoll lechzte, wofür sie abertausende von Frauen mit dem schnellen Geld und dem Versprechen einer großen Karriere vor die Kamera lockte: Frischfleisch.
«Sündenbabel» hofft die Revolution zu überleben
Amateure demonstrieren ihre Fähigkeiten im Bett, in der Küche, im Freien. Zu zweit, zu dritt, zu vielen. Anal, vaginal, oral. Dass sie weniger qualifiziert sind im Umgang mit der Kamera – die Bilder sind unscharf und grobkörnig – scheint die Besucher solcher Webseiten nicht zu interessieren. Die Pornoindustrie wusste schon immer, dass die Kunden immer neue Gesichter (wohl eher Busen und Hintern) haben wollen.
Für Vivid-Stars wie Tawnie Roberts wird's schwieriger
Foto: AP
Gegen das Tempo (alle 39 Sekunden ist im Netz ein neuer Download verfügbar) mit dem Youporn, Porntube, Xtube und andere neue Delikatessen servieren, sind die 200 alteingesessenen Pornostudios im San Fernando Valley chancenlos. In den letzten Jahren haben sie gewaltige Umsatzeinbußen verzeichnet.
Die DVD-Verkäufe sind seit 2004 um etwa die Hälfte eingebrochen. Ausgerechnet die Produzenten im «Sündenbabel» («SZ-Magazin») sind in eine Revolution geraten, von der sie nicht wissen, ob sie Überlebende ausspucken wird. Ausgerechnet diejenigen, die seit Jahrzehnten neue Speichertechniken vorangetrieben und davon profitiert haben, sind die Opfer der neusten Entwicklung.
Porno bommt gewaltig, aber nicht bei allen
Dabei ergötzen sich immer mehr Menschen an den erotischen Bildern. 43 Prozent aller Internetnutzer haben im Netz einer Studie zufolge schon eine Pornoseite angesurft. Pro Sekunde sind es rund 30.000. Allein Youporn hat 15 Millionen Nutzer. Die Seite gehört zu den 15 liebsten Ausflugszielen der Deutschen im Netz und ist damit dem Statistikdienst Alexa zufolge genauso wichtig wie das Nachrichtenportal «Spiegel Online».
Eine unglaubliche Erfolgsstory. Das Pornoportal wurde erst Ende 2006 lanciert, vermutlich von einem amerikanischen Harvard-Absolventen und einem Malaysier. Genau weiß das niemand. Die mächtigsten Pornomanager im Internet geben sich lieber nicht zu erkennen, eine Treuhandfirma erledigt die Formalitäten für Youporn. Ist das falsche Bescheidenheit? Immerhin hat das Pornoportal innerhalb kürzester Zeit zum Marktführer Adultfriendfinder.com aufgeschlossen und ihn zwischenzeitlich sogar überholt. Erstaunlich, dass die Nutzerzahlen von Adultfriendfinder.com seit dem Auftauchen von Youporn nicht etwa zurückgegangen sind, sondern sich sogar verdoppelt haben.
Viele Konsumenten können auch arm machen
Es wird nicht nur die Scheu vor der Öffentlichkeit sein, dass die Gründer von Youporn hinter den Kulissen bleiben. Denn was das Unternehmen macht, ist illegal. Es verzichtet auf ein System zum Jugendschutz und macht es den Nutzern so besonders leicht, sich zu bedienen. Kindern- und Jugendlichen öffnet es Tür und Tor für Inhalte, die nicht für sie bestimmt sind. Und weil jeder seine Filme dort hochladen kann, gelangen immer wieder Kinderpornografie, Bilder von Vergewaltigungen und urheberrechtlich geschütztes Material auf die Youporn-Server.
Viele Probleme, die die Eigentümer selber nicht lösen können. Auch generiert das Portal mit Werbung monatlich lediglich 120.000 Euro und verursacht horrende Serverkosten. 2007 wurde Youporn deshalb der weltgrößten Pornofirma Vivid Entertainment zum Kauf angeboten, wie jüngst das Jugendmagazin «Neon» berichtete. Die Eigentümer wollten angeblich für nur 20 Millionen Euro verkaufen. Die Reichweiten des Portals beeindruckten die Vivid-Manager. Doch sie lehnten das Angebot ab. Es fehlte und fehlt noch immer ein Businessmodell, um die Reichweite in Geld umzumünzen. Jetzt schauen die Produzenten im San Fernando Valley zu, wie Youporn & Co. ihre Geschäftsmodelle zerstören.
Anonymität eröffnet neue Märkte
Noch haben die großen Studios keine Strategie um dem zu begegnen und klammern sich an die Hoffnung, dass es immer einen Markt für Videos mit viel Make-Up und digital aufpolierten Pornostars in scharfer Bildqualität geben wird. Dass es Kunden gibt, die sich ordentlich registrieren und pro Monat 20 bis 35 Euro für den Spaß ausgeben wollen. Denn die Ästhetik der Amateurvideos ist grausig. 40.000 Abonnenten hat Vivid derzeit.
Befindet sich die Pornoindustrie in einer ausweglosen Situation?
AP
Und es gibt auch Hoffnungen. Branchenkenner beobachten, dass die Gratis-Seiten langfristig gar nicht so schlecht für das Geschäft sein könnten. Gerade das schranken- und kostenlose Youporn sei wegen der niedrigen Zutrittshürden als Einstiegsdroge ideal. Dank dem Internet ist heute der Pornokonsum weitgehend anonym möglich und damit eröffnen sich für die US-Industrie neue Märkte: Der bürgerliche Haushalt und asiatische Länder. Nur zwölf Prozent aller Youporn-Nutzer kommen noch aus den USA. Das Portal befriedigt sexuelle Gelüste global. Und je mehr Breitbandanschlüsse es gibt, desto mehr Menschen erhalten Zugang zu diesem Angebot. 2006 waren die für Raubkopien berüchtigten Chinesen bereit 20,5 Milliarden Euro für Sexfilme auszugeben. Damit ist China derzeit der größte Markt.
Der iPod soll das Geschäft retten
Die Keith Manheim Studios (KM) haben sich bereits auf diese Entwicklung eingestellt und sich komplett aus dem DVD-Geschäft verabschiedet. «In den letzten zwei Jahren haben wir einen Anstieg im Onlinegeschäft und einen konstanten Rückgang im DVD-Verkauf erlebt», sagt KM-Studio-Eigentümer Keith Manheim. Er sieht die Lage weniger skeptisch als seine Kollegen. Herkömmliche Studios werden auch künftig die Platzhirsche sein, ist er überzeugt. «Jetzt wo wir unsere Produktion und unseren Vertrieb digitalisiert haben, können wir schneller und effizienter ausliefern und besser auf die Bedürfnisse der Kunden eingehen», sagt Manheim. Das Unternehmen verzichtet auf Rechtebeschränkung und optimiert die Filme sogar für den iPod. «Trendanalysen haben diese Entscheidung einfach gemacht», sagt Manheim.
2005 wurden Pornofirmen schon auf Ebay versteigert
Foto: ebay.com
Auch andere Geschäftszahlen deuten auf eine Umwälzung hin, die nicht zum Nachteil der Studios sein muss. 2006 sind die Einnahmen der US-Pornoindustrie um 13 Prozent auf 12,9 Milliarden Dollar gestiegen, obwohl das Geschäft mit den DVDs um 15 Prozent eingebrochen ist. Zum Ergebnis tragen die Einnahmen aus dem Internetgeschäft bereits 20 Prozent bei, auch weil die Vertriebskosten gesunken sind. Vivid generierte früher 80 Prozent des Umsatzes mit dem Verkauf von DVDs. Jetzt sind es noch 30 Prozent. Analysten sagen, dass die Produzenten im Geschäft überleben werden, wenn sie lernen, ihre Autorenrechte zu verteidigen, ähnlich wie die Musikindustrie illegale Anbieter mit Klagen überzieht.
Gerichte fürchten Pornoschlacht
Auch die deutschen Pornohersteller haben den Rechtsweg als Mittel im Konkurrenzkampf entdeckt. Sie sind in der Pflicht, ihre Angebote mit einem Altersverifikationssystem auszustatten. Für das Vorstandsmitglied der Video Buster Group AG Mario Brunow ist das Wettbewerbsverzerrung. Gegenüber frei zugänglichen Portalen wie Youporn sei er mit seiner Webseite Sexyfilms.de chancenlos. Im Herbst letzten Jahres zog die Kirchberg Logistik GMBH, die zur Unternehmensgruppe gehört, vor das Landgericht Frankfurt und erwirkte dort, dass der Internetanbieter Arcor seinen 2,5 Millionen Kunden den Zugang zu Youporn sperren musste. Erst nach einem mehrwöchigen Berufungsverfahren durfte Arcor die Sperre wieder aufheben.
Pornoseite für schwule Netzuser
Foto: Citebeur
Bereits jetzt fürchten die Landgerichte, bei Auseinandersetzungen zwischen Pornoanbietern als Instrument im Kampf um Marktanteile missbraucht zu werden. Mario Brunow jedenfalls will die rechtlichen Mittel ausschöpfen. «Es muss eine höchstrichterliche Entscheidung her», sagte der Mario Brunow der Tageszeitung «Financial Times Deutschland».
Sicher ist, dass der Kampf gegen die Billigware nur auf diesem Wege nicht zu gewinnen sein wird. Sicher ist aber auch, dass in Zukunft mehr Pornofilme mehr Konsumenten finden werden. Und ziemlich sicher ist, dass die alte Industrie davon profitieren wird. So war es bisher noch immer.
So lukrativ ist das Geschäft mit nackter Haut
Sehr anschaulich stellt dieses Video die wichtigen Fakten zum San Fernando Valley und Internetpornos dar. Für das Web ediert von Daniel Baumann