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Netzkonferenz Re:publica: 

Webworker im vollen Einsatz

03. Apr 2008 13:30
Cool wie immer: Mitorganisator Johnny Haeusler
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Letztes Jahr war sie eine Konferenz von Bloggern für Blogger. Dieses Jahr darf selbst ein StudiVZ-Manager mitdiskutieren. Maik Söhler hat die «Re:publica 08» besucht und fand sie prima.

Selbst jene, die es nicht mögen, kommen an StudiVZ oder SchülerVZ oder MeinVZ oder QuarkVZ nicht gänzlich vorbei. Diese Erfahrung machen derzeit auch die rund 900 Besucher, die sich von Mittwoch bis Freitag auf der «Re:publica 08» in der Berliner Kalkscheune tummeln.

«Re:publica 08» - was genau ist das eigentlich? Früher hätte man Konferenz dazu gesagt. Heute, da im Netz vieles immer wieder neu benannt wird, damit es leicht, beschwingt und ballastlos daherkommt, spräche man wohl am besten von einem Treffen mit Info- und Austausch-Charakter. Zum Glück gehören die Organisatoren zur alten Schule und nennen die Veranstaltung auf ihrer Webseite schlicht «die Konferenz».

«Die Konferenz» versammelt alles rund ums Netz, dessen Inhalte und Protagonisten. Hier sprechen Harvard-Professoren, Unternehmer und Juristen ebenso wie Blogger, Webdesigner und einfache User: über Weblogs, Domains, Wikis, Internetzensur, Verschlüsselung, Online-Rechte, Bürgerjournalismus, Netzkunst und vieles mehr. Manche Themen sind unfassbar groß: «Informationsökologie im digitalen Zeitalter». Andere kommen dagegen ganz klein daher: «Wie macht man ein Open Source Film Netlabel? Einblicke in die Herausforderungen und Freiheiten eines Film-Netlabels».

Dazwischentwittern

Und dann ist da noch StudiVZ. Zumindest am ersten Tag dreht sich einiges darum, was man von diesem Netzwerk hält. Das Thema einer Podiumsdiskussion heißt «Die Zukunft sozialer Netzwerke».

Anders als im letzten Jahr auf der «Re:publica 07», als auch viel über soziale Netzwerke geredet wurde, nehmen diesmal gleich mehrere Abgesandte der großen sozialen Netzwerke an der Diskussion teil. Auf dem Podium sitzen zum Beispiel Joel Berger, Managing Director von Myspace, und Michael Brehm, der gleichermaßen für StudiVZ, SchülerVZ und Mein VZ spricht. Sie werden hart angegangen, so hart, dass Konferenzbesucher twittern, es sei unfair, wie oft und in welcher Art und Weise den Sprechern das Wort abgeschnitten werde.

Zur Erläuterung für jene, die es noch nicht kennen: Hier ruft man nicht einfach dazwischen, wenn einem was nicht passt, sondern man twittert einen Kurzkommentar via SMS oder Internet. Dieser wird dann auf einer Leinwand hinter den Diskutanten angezeigt und meistens von jemand anderem, der die gegenteilige Meinung vertritt, beantwortet. Als Frage an jene, die es schon kennen: Darf Streitkultur wirklich geräuschlos sein?

Gegenwart der Netzwerke

Im Vordergrund der Podiumsdiskussion zur Zukunft sozialer Netzwerke stehen eindeutig deren Gegenwart und Vergangenheit. Ein bisschen wird darüber gesprochen, ob die Tendenz dahin gehe, die Netzwerke füreinander und eventuell auch darüberhinaus zu öffnen - manche reden nun von Open Social, andere von Google, weitere von inkompatiblen Myspace- und Facebook-Applikationen.

Joel Berger führt schnell zurück in die Gegenwart und sagt: «Spam ist unser größtes Problem»; tausende von Profilen seien nur dazu da, um Mitglieder zuzuspammen. Michael Brehm spricht davon, wie sicher StudiVZ ist und wieviel Medienkompetenz der User durch soziale Netzwerke erringe. Irgendwie wichtig soll auch die so genannte Portabilität sein, zu Stalking hingegen fällt keinem mehr ein als der «Ignorieren»-Button auf der eigenen Profilseite.

Die Frage, was denn nun aus sozialen Netwerken wird, bleibt am ersten Konferenztag offen und zwar, wie man schnell ahnt, weil es einfach niemand weiß. Der StudiVZ-Sprecher redet von einem möglichen Ende des Wachstums und davon, dass Expansion nicht alles ist. Der Myspace-Mann will einfach nur «möglichst viele Nutzer über möglichst lange Zeit ins Netzwerk integrieren».

Das Vergessen nicht vergessen

Auf StudiVZ kommt auch der auf Medienrecht spezialisierte Harvard-Professor Viktor Mayer-Schönberger zu sprechen. «Warum gibt es in Deutschland keine Bürgerbewegung gegen StudiVZ?», fragt er am Ende seines Vortrags zur «Informationsökologie im digitalen Zeitalter».

Mit seinem Thema hat das Netzwerk nur indirekt zu tun und deshalb kann man diesen Satz auch schnell wieder vergessen. Denn Vergessen ist gut, sagt Mayer-Schönberger. Früher sei Vergessen die Norm und Erinnerung die Ausnahme gewesen – heute sei es umgekehrt, weil Google, Yahoo, Amazon u.a. sich für uns erinnern. Und zwar nicht selten für immer. Vor allem Google habe, was das Erinnern angeht, Sprache, Malerei und Schrift beerbt.

«Auch die Stasi versuchte alles zu speichern, konnte aber bei weitem nicht alles verarbeiten», führt der Harvard-Prof aus. Heute geschehe das automatisch, von Maschinen generiert. Wenn wir aber nicht mehr vergessen könnten, schränke das die menschliche Fähigkeit ein, rationale Entscheidungen zu fällen.

Es folgen einige Ausführungen zur digitalen Enthatsamkeit, zum vorsichtigen Umgang mit Informationen im Netz, zu Eigentumsrechten an persönlichen Informationen und den technischen Möglichkeiten zu ihrem Schutz. Es drohe die perfekte Überwachung zum Schutz der individuellen Privatsphäre. Nein, sagt Mayer-Schönberger, dann doch lieber die Wiedereinführung des Vergessens. Er fordert ein Verfallsdatum für Informationen. Jeder soll selbst festlegen und technisch einrichten können, was wie lange über ihn im Netz steht. Sonst gerate das Vergessen in Vergessenheit.

Lokal bloggen, global veröffentlichen

Am nächsten Tag startet die Konferenz weniger philosophisch und mehr praktisch. Der US-Blogger Sean Bonner referiert über lokale Weblogs, die sich global vernetzen. Egal ob aus New Orleans in den USA, dem pakistanischen Karachi oder der thailändischen Netzmetropole Bangkok - unter dem Dach von «Netblogs» kämen Blogger aus aller Welt zusammen. Der Große Saal ist aber leider nur zu einem Drittel gefüllt - 10 Uhr 15 scheint keine gute Zeit für viele Besucher zu sein.

Twitter-Wand
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Indes wird fleißig weiter getwittert: Die letzten Eintrtäge aus der Nacht - «Game > weed for speed», «Iamweedgend», «Wir nennen es weedend», «Hat Jägermeister schon magnbittr?» - müssen den ersten Vormittagseinträgen weichen. Man teilt sich mit, wer sich gerade wo befindet und was er dort gerade macht. Oder man grüßt sich einfach. Auf 540 Postings hat es die Twitter-Leinwand bis Donnerstag, 11 Uhr gebracht.

Thema? Kein Thema!

«Das Thema hier ist: Wir haben kein Thema!» Das sagt mir der Blogger Felix Schwenzel und grinst dabei. Schlimm findet er das nicht, ihn wundert nur, dass von den anwesenden knapp 900 Besuchern viele gekommen sind, «um über etwas zu berichten, worüber alle berichten. Und dann auch noch darüber zu berichten, wie die anderen berichten» – im Weblog oder per Video. Für ihn ist die Re:publica mehr ein lockeres Beisammensein «ohne Pflichten». Wenn er Lust habe, werde er darüber schreiben. Wenn nicht, dann nicht.

Die Konferenzbesucherin Monika Spinczyk hat dagegen sehr wohl ein Thema ausgemacht: Die Berührungspunkte von Technik, Netzen und der Gesellschaft. Auf dem Barcamp Essen – einem der vielen Szene-Meetings - hat sie zum ersten Mal von der Re:publica gehört. Dort hat sie sich technisches Wissen abgeholt, von der Re:Publica verspricht sie sich mehr über den Zusammenhang des Netzes mit der Gesellschaft und vor allem der Arbeitswelt zu erfahren: «Hier ist die Ebene der aktuellen Diskurse und Debatten.»

Sie schreibt gerade an einer Studienabschlussarbeit zum Thema «Inszenierungen von Arbeit». Darin wird es stark um die Arbeitsbedingungen, -formen und -bedürfnisse sogenannter Webworker gehen. Und von denen gibt es in der Kalkscheune nun mal mehr als genug. Hinzu kommt persönliches Interesse: am Schutz von Informationen zum Beispiel oder an der Schnittstelle von Weblogs und Online-Journalismus, aber auch an der Community selbst.

Atmosphäre

Im Foyer werben die Kooperationspartner Hobnox, IBM und Mixxt. In den Veranstaltungssälen ist die Atmosphäre ernst, konzentriert, kritisch, aber auch diskussionsfreudig - auf Deutsch oder Englisch. Alles wirkt noch professioneller als im vergangenen Jahr.

Man sieht kleine Tischkameras, die Laptop-Dichte ist hoch, die Wlan-Arbeitsplätze wurden vom Foyer in den Keller verbannt. Mittags gibt's Spaghetti Pesto oder Wraps; viel Kaffee geht über die Theke und noch mehr Club-Mate. Die wenigen A-Blogger stehen zum Rauchen im Hof beisammen oder werden von B- und C-Bloggern umringt. Wer hier jemanden siezt, hat schon verloren.

Eine Besucherin
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Die Veranstalter von der Berliner Agentur New Thinking und vom Weblog Spreeblick geben ein Interview nach dem anderen – professionelle und Laien-Kamerateams stehen Schlange. Johnny Haeusler, Spreeblick-Blogger und Mitveranstalter der «Re:publica» sagt mir, dass in der intensiven Phase der Vorbereitung zwölf Leute drei Monate lang mit nichts anderem beschäftigt gewesen wären.

«Die Jungfräulichkeit» der 'Re:publica 07' sei zwar weg, doch die lockere Stimmung von damals habe sich gehalten. Er hat Recht. Auch außerhalb der Kalkscheune stößt die Veranstaltung auf reges Interesse. Ein Live-Stream, der auf der Homepage der «Re:publica» verlinkt ist, wurde am Mittwoch über 3000 mal abgerufen.

Die Zukunft

Tim Pritlove, Blogger, Eventmanager und nach jahrelanger Funktionärstätigkeit im Chaos Computer Club nunmehr nur noch einfaches Mitglied, verweigert ein Zwischenfazit. Er sagt lediglich: «Die Re:publica 2007 war von Bloggern für Blogger, richtete sich an die Szene selbst und wirkte deshalb leicht und flauschig». Dieses Jahr sei alles offener, «mit allen Gefahren, die das birgt».

Er hat die Veranstaltung zur Zukunft sozialer Netzwerke sehr launig moderiert, darauf angesprochen meint er, Myspace und StudiVZ seien zwar nicht «seine Feinde. Meine Freunde aber auch nicht.» Jetzt findet er es schwierig, überhaupt «über die Zukunft von etwas zu sprechen, vor allem mit Leuten, die dazu nichts sagen wollen oder können».

Und damit bringt er etwas auf den Punkt, was die «Re:publika» gut charakterisiert. Man verliert hier nicht viele Worte über die Zukunft. Man arbeitet einfach daran, dass sie gut wird.

 
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