Die Verweildauer von Nutzern in den großen sozialen Netzwerken sinkt. Was hat das zu bedeuten? Sind die Communities in der Krise? Malte Welding warnt vor Statistiken und weist auf einen entscheidenen Faktor hin.
Zeit ist ein merkwürdiges Phänomen. Die allermeisten Sterbenden hätten gern mehr davon und doch findet sich der moderne Mensch erstaunlich häufig in Situationen wieder, in denen er außerordentliche Mengen von Zeit totschlagen muss.
Ein ebenso seltsames Phänomen wie Zeit sind Statistiken. Der Satiriker Ephraim Kishon wies mit nicht von der Hand zu weisender Logik nach, dass – da ja nun jeder sechste Mensch Chinese sei - in nicht allzu ferner Zukunft jeder dritte und bald darauf jeder Mensch Chinese sein werde.
Dieser Logik folgend ging man noch vor Kurzem davon aus, dass die Zahl der Nutzer von sozialen Netzwerken wie Xing, Facebook, StudiVZ und Myspace, sollten sich die Wachstumsraten wie bisher fortsetzen, bald die Sechs-Milliarden-Grenze überschritten haben und jeder Mensch auf dem Erdball 27,5 Stunden am Tag seine Accounts pflegen werde.
Statistiker & Zeitvernichter
Denn so arbeiten Statistiker, das wusste schon Volker Pispers. Erwischen sie einen dabei, wie man einen Teller Erbsensuppe isst, können sie einem genau ausrechnen, wie viele Liter man nach Ablauf eines Jahres verspeist haben wird. Schließlich ist die Rechnung ganz einfach. 1 Teller mal 365 Tage.
Deutschsprachiger Ableger von Facebook
Screenshot: nz
Der Mensch auf der Suche nach Vernichtung seiner Zeit aber hält nicht einfach ein. Er sucht weiter und oft ist der liebgewonnene Zeitvernichter von gestern der Zeitdehner von heute – und gedehnte Zeit hat der moderne Mensch ja schon genug.
Aber es wäre natürlich unfair, die sozialen Netzwerke pauschal als Zeitvernichter zu bezeichnen. Sie alle haben durchaus einen gewissen Nutzwert. Auf Xing findet man die Jugendlieben, auf Facebook die Ferienlieben und bei Myspace bekommt man eine Ahnung davon, warum man nicht Mediengestalter oder Musiker geworden ist.
Notizbücher & Schamhaare
Warum nur gerate ich bei diesem Thema ins Ironisieren? Weil der Hype, die Irrsinnssummen, die in diesen Netzwerken angeblich stecken und teilweise wohl sogar bezahlt worden sind (meistens geht es ja nur darum, Aktien eines überbewerteten Unternehmens gegen Aktien eines ebenso überbewerteten Unternehmens zu tauschen, echtes, anfassbares Geld fließt nur ganz selten), in keinem Verhältnis dazu steht, was diese Netzwerke eigentlich sind: Einsehbare Notizbücher, Adresslisten mit hübsch getunten Lebensläufen, die eine Praktikantenkarriere aussehen lassen wie den Werdegang des Vorstandsvorsitzenden eines Dax-Unternehmens.
Natürlich trifft man immer wieder, gerade in Berlin, auf Modedesignstudentinnen, die behaupten, ohne Myspace niemals so schnell eine Kurzzeitwohnung in New York finden zu können wie es eben manchmal nötig ist für eine Berliner Modedesignstudentin. Kürzlich ist mir sogar über Leute (die allerdings noch nicht über eigene Schamhaare verfügten) berichtet worden, diese hätten, als sie sich vorstellten, zunächst auf ihre Myspace-Profile verwiesen. Diese schienen mehr über sie auszusagen als sie selber es vermocht hätten.
Lieblingsserien & Autoerotik
Nun, da – wie Medien jüngst berichteten - die Nutzerzeiten in sozialen Netzwerken auch in Deutschland sinken (in den USA ist das schon länger zu beobachten), geht die bange Frage um: Was bedeutet das? Lisa Simpson konnte auf die Frage hin, warum Itchy und Scratchy sinkende Zuschauerzahlen hatten, erklären, dass man seine Lieblingsserie auch nach Jahren immer noch so gern hat wie zu Beginn, allerdings nicht gar so traurig ist, wenn man einmal eine Folge verpasst – der Reiz des Neuen ist dahin.
Weblog auf Myspace
Foto: myspace.com
Irgendwann hat man alle Ferienlieben gefunden (waren meist ja eh nicht so viele), die Schulfreunde einmal geherzt, gegruschelt oder geschaut, ob sie dieselben Filme mögen wie man selber. Ob nun die Mikromarktsegmentierung ansteht oder Freunde der Autoerotik sich in verwaisten, schon lange nicht mehr gesäuberten, vielleicht sogar nach altem Mottenpulver riechenden Gruppenchats selber gruscheln, das könnte nur ein zertifizierter Prophet mit Gewissheit sagen.
Psychotherapeuten & Nutzerfreundlichkeit
Nicht ganz abwegig ist der Gedanke, dass es einem erfolgreichen Netzwerk geht wie einem guten Psychotherapeuten – hat der Therapeut einen Nutzen, dann braucht man ihn nicht mehr. Sollte man also über ein Netzwerk tatsächlich Menschen kennenlernen, dann wird man sich mit ihnen treffen - sollten sie hübsch sein und nicht zuviel über Modedesign sprechen. In einem Café, womöglich sogar in einem Café ohne W-Lan.
Marktwirtschaftlich gesprochen wird sich jetzt zeigen, welches der Netzwerke ein belastbares Konzept hat, belastbar genug, um die Phase der Konsolidierung zu überstehen. Die, die hauptsächlich auf Zeitraub angelegt sind (gerade Facebook wird die ursprünglich als Killerapplikation angesehene Fähigkeit, unendlich Applikationen anderer Anbieter anzunehmen, zusehends zum Verhängnis), haben hier einen Nachteil gegenüber denen, die stattdessen auf Nutzerfreundlichkeit setzen.
Klassentreffen & Pseudonyme
Startseite von StudiVZ
Foto: Screenshot: nz
Denn erfreute Nutzer verbringen zwar nicht exponentiell steigende Zeit im Netzwerk, geben aber auch nicht genervt nach einigen Monaten die Nutzung auf. Auch seine Daten weiß der Nutzer gerne sicher verwahrt. Die Absicht der StudiVZ-Betreiber, sich die Daten ihrer Nutzer über geänderte AGB möglichst vollständig einzuverleiben, führte dazu, dass die Nutzer dort zunehmend unter Pseudonymen agieren.
Welches der sozialen Netzwerke dauerhaft mehr sein kann als ein virtuelles Klassentreffen (wo man auch nur die Leute sieht, die man eines dauerhaften Kontakts für nicht würdig hält), wird sich mit der Zeit zeigen. Denn die Zeit ist ein merkwürdiges Phänomen und oft überrascht sie noch die gewieftesten Statistiker.