Computermesse Cebit:
Evolution statt Revolution
08. Mrz 2008 09:45
 |  Bleibt uns erstmal erhalten: Maus | Foto: Jens Schierenbeck/dpa/tmn |
|
Anfang der Woche hat Microsoft-Chef Steve Ballmer den Beginn der fünften Computer-Revolution verkündet. Er muss auf einer anderen Messe als der Cebit gewesen sein, glaubt
Maik Söhler.
Die Klingeltöne fiepen es aus den Handys: Die Computermaus wird verschwinden. Die Mäuse selbst klackern es von den Mousepads: Der Home-PC hat seine beste Zeit hinter sich. Und Steve Ballmer trötet es von der Cebit-Bühne: Die fünfte Computer-Revolution stehe jetzt an.
Das alles hat zum Teil seine Berechtigung. Der Touchscreen wird die Maus ablösen. Immer kleinere Notebooks und immer größere Handys werden den guten alten PC in arge Bedrängnis bringen. Und beides zusammen ergänzt um immer mehr Breitbandanschlüsse, rasant wachsende Datenmengen und die beliebter werdende Auslagerung der eigenen Festplatte ins Internet scheint sogar eine Veränderung anzudeuten, die von Ballmer wohl als Revolution verstanden wird.
Missverstanden. Denn wenn die Cebit 2008 bei aller Unübersichtlichkeit eines zeigt, dann das: Nie war die IT-Branche so sehr auf Evolution aus wie heute. Statt großer Sprünge – egal ob technisch, strukturell oder bei Produkten und Netzanwendungen – herrscht eine Art innovativer Konservatismus vor: Erstmal ordnen, was man hat; dann die passenden Teile zusammenfügen; anschließend schauen, was dabei eigentlich rausgekommen ist und was man weiter damit anfangen kann.
Vertrautes verschwindet – oder auch nicht
Was hat es nun mit dem vermeintlichen Verschwinden der Computermaus auf sich? Klar, Apples iPhone zeigt, dass die Maus eigentlich überflüssig ist. Microsofts neuer Tischcomputer «Surface» wird diese Aussage nachdrücklich unterstreichen, sobald er eingeführt ist. Weitere Neuheiten werden sicher folgen.
Schon länger aber weisen die meisten Laptops darauf hin, dass es Mäuse nicht mehr braucht. Und doch bewegen sie ihre kleinen Pfeile rasant über Millionen Bildschirme, bleiben allgegenwärtig. Wäre die Cebit-Leitung auf die Idee gekommen, ihre Messe nach Technikgruppen zusammenzustellen, so hätten mindestens drei Hallen nur für Mäuse bereitgestellt werden müssen; so massenhaft waren sie vertreten - in allen Farben, Formen und Größen, mit Kabel oder ohne. Ähnlich sah es mit stationären PCs aus.
Ob Ost, ob West
Das liegt zum einen daran, dass China und der arabische Raum die IT-Märkte erst seit wenigen Jahren erschließen. Hier herrscht noch immer ein riesiger Nachholbedarf vor. Zweitens geht dieser Bedarf mit fallenden Preisen für stationäre PCs einher. Die meisten von ihnen sind so günstig geworden, dass sie mittlerweile in vielen Ländern erschwinglich sind. Und zum Home-PC gehört die Maus so sicher wie der Browser zum Internet.
Zum anderen gibt es in den westlichen Ländern die Macht der Gewohnheit. Wie bei fast allen Elektrogeräten vertrauen deren Benutzer gerne dem, was man hat oder kennt. Solange man auf der Anfahrt zur Cebit im Zug sieht, dass ungefähr jeder zweite Laptop-Benutzer sein Gerät nicht über das Touchpad steuert, sondern auch seine Maus dabei hat, muss man sich über deren Verschwinden keine großen Gedanken machen.
Evolution
Zurück zur Cebit: Dort wurde in diesem Jahr nur zusammengefügt, was zusammengehört: Computer mit Fernsehern, Telefone mit Kameras, Navigationsgeräte mit Spielen, Konsolen mit dem Internet usw. Vieles davon ist nicht mal neu, sondern einfach nur neu angeordnet und das teilweise auch noch sehr praktisch.
Dieser Schritt passt perfekt zum neuen Cebit-Konzept: Entwicklungen aus der IT-Branche kompakter und übersichtlicher zu präsentieren, es somit dem Messebesucher einfacher zu machen, insgesamt pragmatischer zu sein. Pragmatismus und Revolution aber vertragen sich nicht; das haben sie noch nie getan. Der natürliche Partner des Pragmatismus - oder anders ausgedrückt: der Anpassung an alltägliche Lebenswelten - ist dagegen die Evolution.Die Maus und der Home-PC werden trotzdem verschwinden, so sicher wie sich das Internet und die Technik, die man braucht, um sich dort zu bewegen, verändern. Nur eben nicht so schnell wie manche es gerne hätten. Schade für Ballmer. Und schade für die Revolution.