Neue Handys auf der Cebit:
Smart, stylisch und sinnlos
06. Mrz 2008 14:55
 |  Einfach nur telefonieren? Cebit-Handy-Werbung | Foto: AP |
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Wenn Computer immer kleiner und Multifunktionshandys immer größer werden - was wird dann eigentlich aus den normalen Mobilfunkgeräten?
Burkhard Schröder gibt einen Überblick.
Neue Handys auf der Cebit 2008 - das ist ein wenig wie Kriegsberichterstattung. Jeder greift jeden an. Nokia möchte über das Handy Musik und Spiele verkaufen. Der finnische Marktführer weist mit Nokia Maps dem Nutzer den Weg in über 150 Ländern und hat für alle Dienste das Netzportal Ovi online gestellt. Das gefällt T-Mobile gar nicht: Dürfen die einfach in fremden Revieren wildern?
Um vorherzusagen, was die Zukunft bringt, muss man nicht über prophetische Gaben verfügen: Jeder Gerät wird alles können müssen. Das bedeutet: Jeder Hersteller wird auch alles anbieten müssen - oder mit der ehemaligen Konkurrenz kooperieren. Die Platzhirsche orientieren sich gerade neu, Allianzen werden geschmiedet und investieren dort, wo es noch Geld zu verdienen gibt.Die Hardware ist ausgereizt. Man kann Mobiltelefone «puristisch und cool» anbieten wie Motorola, das «reine Vergnügen» versprechen wie Sony Ericsson oder «small, smart and stylish» stabreimen wie Research in Motion (RIM) für das Blackberry - was verbessert werden kann, sind nur die Innereien, die man nicht auf den erste Blick sieht.
Mobiles Fernsehen
Google verhandelt angeblich mit dem Mobilfunkhersteller Orange über ein Google-Phone - ein Mobiltelefon mit Internet und eingebauter Suchmaschine. Der Suchmaschinenbetreiber hat zudem einen ganz neuen Kriegsschauplatz eröffnet: Sein Betriebssystem Android wird vom Konsortion Open Handset Alliance entwickelt und soll einen offenen Standard entwickeln, der auf Linux und Java basiert und auf allen Handys eingesetzt werden kann. Die großen Hersteller Motorola, Samsung und HTC sitzen mit im Boot.Der Computer-Hersteller Apple hat mit seinem iPhone Musik, Internet und Telefon verschmolzen. Das ist fast schon Schnee von gestern: Vodafone arbeitet am «Mobile TV Player» und am neuen Kompressionsverfahren H.264: mobiles Fernsehen auch auf Handys, PDAs und Navigationsgeräten soll bald Standard sein.
Integrierte Diebstahlsicherung
Braucht man aber ein Mobiltelefon, dass mehr kann als der Computer zu Hause, nur im Bonsai-Format? Google Earth und Google Maps oder gar die digitale Welt Second Life auf einem 2,6-Zoll-Bildsschirm - das hatten wir bisher nicht dringend vermisst.
General Mobile schafft Abhilfe: Das G777 bietet eine Video-Brille, die einen 50-Zoll-Bildschirm simuliert - aber leider nur auf den eigenen Telefonen. Die integrierte Diebstahlsicherung aber wünscht man sich als Standard für alle Handys.Samsung offeriert mit dem SGH-F490 eine Kamera mit fünf Megapixeln. Schön, das hört sich bullig an. Fotografen werden ein Handy trotzdem nicht zum Fotografieren benutzen, auch wenn es irgendwann 100 Megapixel hat. Was nützt ein Panzerführerschein, wenn die Autobahn nur für PKW zugelassen ist?
Sinnlose Funktionen
GPS-Gerätespezialist Garmin hat das viel gerühmte «Nüvifone» im Angebot, Navigation und World Wide Web inklusive. Das Nüvifone wird über einen berührungsempfindlichen Bildschirm gesteuert, beherrscht High-Speed Downlink Packet Access, also die Datenübertragung für UMTS, und versieht die mit der eingebauten Kamera geschossenen Bilder automatisch mit dem exakten Längen- und Breitengrad des Aufnahmeorts.Das ist vermutlich sehr nützlich, wenn man auf einer Eisscholle in der Antarktis driftet oder eine neue Tierart im Amazonas-Urwald entdeckt hat und sie dokumentieren will.
Thuraya
Wirklich Innovatives findet man bei kleineren und exotischen Herstellern - nichts für das Massenpublikum, aber sowohl für den praktischen Nutzen als auch als Statussysmbol zu verwenden.
Thuraya, ein Konsortium aus den Vereinigten Emiraten, ist spezialisiert auf Satellitentelefone. Man kann mit Thuraya-Telefonen aus 110 Ländern der Erde in die öffentlichen Telefonnetze aller Länder telefonieren. Noch im Frühjahr soll ein dritter Satellit gestartet werden, der dann auch fast ganz Asien und Australien verfügbar macht.Kostenlose SMS, Fax und E-Mail inbegriffen - man muss nur das Handbuch ausführlicher studieren als bei gebräuchlichen Handys. Für Globetrotter und Vielreisende, die dennoch auf die Gebühren achten müssen, ist das Mobiltelefon aus Arabien eine ernst zu nehmende Alternative.
Sicherheit
Mit dem leidigen Thema Sicherheit stehen die meisten großen Anbieter auf dem Kriegsfuß. Das wird sich nicht ändern, solange die Nutzer sich auch nicht darum kümmern. Verschlüsselte E-Mails kann kein Handy wieder entschlüsseln. Dazu wäre eine Technik erforderlich, die es dem Nutzer erlaubt, seine Schlüssel in die eingebaute Software zu implementieren - Fehlanzeige.
Auch ein Blackberry kann nur elektronische Postkarten lesen. Wer aber im Zeitalter der Vorratsdatenspeicherung und der kommerziellen und staatlichen Datenkraken sein Mobiltelefon offen wie ein Scheunentor lässt, darf sich nicht wundern, zum gläsernen Telefonierer zu werden und Spam gleich kübelweise zugeschickt zu bekommen.Die Versuche der Suchmaschine Google, sich auch in Handys einzuschleichen und den Nutzer dann auch noch zwangsweise mit Werbung zu beglücken, sind daher mit äußerster Vorsicht zu genießen.
Cryptophone
Die Berliner Firma GSMK, die auch auf der Cebit präsent ist, bietet Krypto-Handys an, die jedes Telefonat unknackbar kodieren, vorausgesetzt, der Partner benutzt auch ein solches Gerät. Die Cryptophone funktionieren wie ein normales Mobiltelefon, mit allem denkbaren Komfort wie Kamera und Internet, im Hochsicherheitsmodus per Knopfdruck werden alle Gespäche digital in Echtzeit für Lauscher geschreddert.
Die Hardware stammt vom taiwanesichen Anbieter HTC. Zwei der angebotenen Geräte besitzen auch eine Thuraya-Extension. Billig ist das nicht - mit 1700 Euro ist man dabei. Aber dafür hat man auch etwas, mit dem man jedes Broadband-Megapixel-Active-Matrix-Organic-Light-Emitting
Dioden-HSDPA-Touch-Plus-Handy toppen kann.