Die Wahl in Hamburg: 

netzeitung.deParteien im Netz - belacht und getwittert

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Für die Blogger kein Thema: Digitaler Wahlstift (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Für die Blogger kein Thema: Digitaler Wahlstift
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Das Wählervotum von Hamburg im Netz mit einem, der - «äh, Entschuldigung» - Kindergebühren erhebt. Außerdem: Webgezwitscher und Werbeinsel, zerstörte Vibratoren und Daily Soaps. Der Blogblick.

«Wir wollen die Kinder- und Bildungs- und Studiengebühren abschaffen. Wir wollen dafür sorgen, dass die Kinder wieder spielen zum Sport. Wir werden die Stundien... Pläne. Entschuldigung. Wir werden die Pläne an den Schu... Oh Gott. Wir werden die Schulpläne an den... (lange Pause). Wir. Werden. Die Schulstunden entrümpeln.»

Diese charmante Stoiber-Reminiszenz von Michael Naumann ist das, was das Netz vom Hamburger SPD-Kandidaten wahrgenommen hat. Der offizielle Wahlwerbespot der SPD konnte da natürlich nicht mithalten.

Aufsehen erregte dagegen die Werbung von FDP-Kandidat Hinnerk Fock mit Sky du Mont. Die mit der Verbreitung des Werks beauftragte PR-Agentur Oysterbay stellte sich dabei so unbeholfen an,dass der Virus gleich in Form eines Mash-Ups nach hinten losging (Ein nach hinten losgehender Virus. Das Bild ist fast so schief wie das Lächeln von Sky und Hinnerk - Entschuldigung). Ein Remix-Video ihres viralen Spots ließ die FDP sogar von Youtube entfernen.

Ole von Beust polarisierte nicht wie Roland Koch. Erwärmen konnte sich die Blogosphäre für ihn allerdings auch nicht.

Die Piratenpartei fand trotz netzaffiner Programmatik überhaupt nicht statt und auch über DVU und HeimatHamburg breiteten die Blogger ein Mäntelchen des Schweigens. Wie überhaupt der ganze Wahlkampf in der Bloglandschaft mit einem nicht einmal besonders herzhaften Gähnen begleitet wurde.

Die selbsternannten Kommunikationsstrategen von Ethority kommen allerdings zu einem ganz anderen Ergebnis: «Ole von Beust und Michael Naumann sind die Buzz-Generatoren in Online-Foren und Weblogs im Wahlkampf um die Hamburger Bürgerschaft. Eine Überraschung ist der Anteil des Buzz, der sich auf den Kandidaten Dr. Roger Kusch, von der Partei HeimatHamburg, vereint. [...] Der Spitzenkandidat der DVU wird [sowohl] bei Bloggern als auch in Online-Foren relativ stark diskutiert.»

Und woher weiß man, wer Buzzgenerator ist? «Die Auswertung der erhoben (sic!) Grundgesamtheit wird dann zuerst durch eine spezielle Hardware durchgeführt und schließlich durch Markforschungsexperten (sic!) final ausgewertet.»

Ich verfüge über keine spezielle Hardware (Abakus?), bleibe aber stur bei dem Ergebnis meiner nicht-empirischen aufs-Geratewohl-Analyse: Keine der Parteien hat das Know-How, sich des Netzes zu bedienen. Stattdessen bedienen sich die Blogger aus dem unerschöpflichen Humorreservoir der Politik.

Wobei Johnny Haeusler bezogen auf den FDP-Spot immerhin mutmaßt: «Selbst, wenn man ein virales Video postet um zu schreiben, dass virale Videos nicht funktionieren, funktioniert es. Vielleicht kennen ja Agenturen Blogger viel besser, als Blogger glauben.»

Bedeutender als das «Wen» war in Hamburg das «Wie». Der Wähler konnte Panaschieren und Kumulieren.Als Zuschauer bei einer mündlichen Examensprüfung für das Erste Juristische Staatsexamen habe ich miterlebt, dass einer der Kandidaten gefragt wurde – der Prüfer wollte die Runde ein wenig auflockern - «Sagen Sie doch mal, was heißt eigentlich Demokratie?» - Der Kandidat antwortete: «Darauf habe ich mich jetzt nicht vorbereitet.»

Angesichts dieser Denkverdrossenheit kein Wunder, dass man sich bei Slidetone fragt, ob das denn eine so gute Idee sei mit dem Kumulieren und Panaschieren. «Zwölf Kreuze dürfen am Sonntag zur Urne getragen werden. Für die Bingo-spielende Generation 70+, immerhin 17% der Wahlberechtigten in Hamburg, dürfte das neue Wahlrecht ein großer Spaß werden.»

Als dann schließlich gewählt wurde, berichtete Hanno Zulla, der sich freiwillig als Wahlhelfer betätigte: «Obwohl die Presse das Wahlrecht als hochkomplex beschrieb, ließen sich die Wähler offenbar nicht davon abschrecken. Die Wahlbeteiligung in unserem Lokal war fast so hoch wie bei der vorherigen Wahl (...). Nur wenige hatten Fragen, vereinzelt wurde über die Kosten schwadroniert. (Ich habe zuletzt in diesem Blog auch öfter geschrieben, dass das Wahlrecht zu kompliziert sei - das nehme ich nun zurück.)»

Die bloggende Avantgarde kommentiert die Wahlsendungen statt in den eigenen Blogs auf Twitter. mspro schreibt dort: «Als ob die Leute sonst alle SPD wählen würden. So ein Flachsinn. Und als ob es die Linke ist, die sich weigert zu koalieren.» Mario Sixtus dagegen meint: «Erstaunlich, dass die PDS noch kein einklagbares Grundrecht auf Glück fordert.»

Jo Schaefers, immer noch auf Twitter: «Mache mich durch das Wortspiel 'What the Fock! Da hat die FDP in Hamburg doch noch Zähne gezeigt, was?' lächerlich.» Björn Grau schreibt: «Beck muss weg. Ich bin echt kein SPD-Freund, aber so viel Ablehnung kann ich nicht haben, um denen das Bleiben des Problembären zu wünschen.»

Der Kieler Diplom-Politologe MC Winkel weiß: «Wer einen Affen heiratet, muss sich nicht wundern, wenn es nach Bananen stinkt.» Ich würde nicht schwören, dass Winkel das auf etwaige schwarz-grüne Koalitionsgelüste bezogen hat. Aber nordische Weisheiten passen immer.

Michael beschreibt im Fernsehlexikon unterdessen von Monty Python inszenierte Szenen aus dem Zweiten Deutschen Fernsehirrgarten: «Kurt Beck, der Verwaltungsratsvorsitzende des ZDF, wird heute mit seinem Sender nicht sehr zufrieden sein. Erst blendet das ZDF-Wahlstudio seine Ansprache vor SPD-Anhängern schon nach der Begrüßung aus, um ein Interview mit CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla zu senden, und blendet sich danach wieder in seine Rede ein, nur um nach einem Halbsatz schon wieder auszusteigen und ein Interview mit dem SPD-Spitzenkandidaten Michael Naumann anzukündigen. Der lässt die ZDF-Reporterin aber mit der Begründung stehen, er habe jetzt keine Zeit, er habe eine Verabredung mit dem ZDF.»

Zum Schluss noch eine Frage für Hobbywahlrechtler und Gelegenheitsdenksportler, die die Hamburger zum Mittag in ihrem Podcast aufwarfen: Darf man sich in der Wahlkabine filmen? Das müsste man mal Radio Eriwan fragen.

Anhang

+++ Richtig hoch: Patsy Jones erregt sich über eine Emo-Praktikantin: «Ihr schießt hunderte Fotos und brennt dann eine CD davon. Hunderte Fotos mit verschiedenen Produkten, von denen einige fast identisch aussehen, aber sich in der Bezeichnung unterscheiden. Verdammte scheiße nochmal, bums dich doch beim nächsten Mal RICHTIG HOCH.» +++ Suffix-Hass: Die Gosch hat entdeckt, dass das Suffix «-esk» für den Tod vieler Adjektive verantwortlich ist. «Also mir ist wirklich egal, wie das Au de Toilette von Iris Berben riecht. Der (SZ-)Autorin nicht und sie fand es scheinbar so schlimm, dass sie das Wort 'omaesk' benutzt hat.» +++ Viraler geht’s nicht: Frederic Hormuth geht in die Werbung: «Egal was Ypsilanti macht, es ist immer Becks Bier!» +++ Bekenntnisse eines Zartmotorikers: Auf dem Neubaublog gibt es Peinlichkeiten: «Ich habe mal einen Vibrator kaputtgespielt (an einer Frau). Ich bin Popelschnippser, Stehwischer und Nassnieser.» +++ Ein Y zuviel: Septemberrave wäre gern lesbisch: «Ein Mann ist ein schick (oder unschick) verpacktes Tourettesyndrom auf zwei Beinen. Mal so, mal so. Alle wollen die Überholspur nehmen, alle wollen DER TYP schlechthin sein, aber versuch mal, mit so einem Ding zu kommunizieren, und du kannst dir sicher sein, dass die furchtbarste Drama Queen aus der 7. Klasse dagegen noch die Coolness in Person war.» +++ The Bitch is my Love: Nilz Bokelberg liebt Lady Bitch Ray und hat ein Lied für sie geschrieben. +++ Ausgelacht von Darwin: Auch Manniac erlebt die Liebe. «Darwin hat zugeschlagen und in uns ein Programm initiiert, das ohne bewusstes Zutun abläuft. D.h. es sollte ablaufen, doch irgendwie hat sich das Programm bei mir aufgehängt, jedenfalls komme ich, statt meine clevere und smarte Seite zu zeigen, aus dem dümmlichen Grinsen gar nicht mehr heraus.» +++ In das Lied stimm ein: MC Winkel kürt die Top-Drei-Fernsehserien des vergangenen Jahrhunderts. +++ Try walking in my Shoes: Andrea Diener befasst sich mit Blogkritikern: «Über Blogs jedoch schreiben Blogkritiker, das sind die Allerschlimmsten. Denn das sind Leute, die in ihrem Leben noch kein einziges gutes Blog gelesen haben, die das Medium hassen, denen das alles irgendwie viel zu viel ist, zu doof, zu viel Logorrhoe, zu egoistisch, zu selbstverliebt, zu kulturell wertlos, zu beliebig, zu quatschig, zu bunt zu primitiv zu viel Pöbel zu lautzuschnellzuüberhaupt.» +++ Steile These: Andreas Göldi glaubt, dass Amazon wichtiger ist als die anderen Netzgrößen: «Keine andere Web-Firma hat eine so visionäre Strategie, die auch noch laufend in greifbare Resultate umgesetzt wird. Und es würde mich sehr überraschen, wenn sich das nicht schon bald stark auszahlen würde.»

Für das Web editiert von Malte Welding.