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Politische Weblogs 

Lupe Netzaffinität allein reicht nicht

Die USA erleben seit Jahren einen Boom politischer Weblogs. Zahlreiche Studien erklären, warum das so ist. Sabine Pamperrien vergleicht die Situation der US-Blogger mit der ihrer deutschen Kollegen.

Deutsche Politiker eiern durchs Internet. Das ZDF-Magazin Frontal21 konnte Anfang Februar aus den inzwischen zahlreichen Versuchen deutscher Politiker, im Internet zu reüssieren, ein hübsches Kuriositätenkabinett zusammenschneiden. Titel: «Unfreiwillig komisch». Eines haben fast all diese Auftritte gemein: Sie wirken unglaubwürdig. Von der Authentizität gewöhnlicher Blogs und Netzvideos sind sie weit entfernt.

Passend zur Satire auf die misslungene Ansprache potenzieller Wähler und Politmuffel via Internet mehren sich die Stimmen angesehener Journalisten wie des «FAZ»-Herausgebers Frank Schirrmacher oder des «SZ»-Vizechefs Bernd Graff, die freie Meinungsäußerung im Internet weise längst anarchistische Züge auf. Insbesondere Blogger als natürliche Gegner der Mainstream-Medien müssen sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, schlichtweg Müll zu produzieren.

Die rasante Entwicklung des Internet mit seinen nun offenbar zutage tretenden immanenten Auswüchsen wird als Gefahr für die politische Kultur gedeutet. Die deutsche Blogger-Elite schlägt gegen solche Invektiven mit geballter polemischer Macht zurück. Da löse gerade die Turing-Galaxis die Gutenberg-Galaxis ab, und deutsche Journalisten glaubten immer noch an die Zukunft der klassischen Medien. Mehr noch – sie forderten Zensur. Wird in Deutschland etwas unterdrückt, was in eine Medienrevolution mündet?

Das Beispiel USA
In den USA sind Blogs im Konzert aller Medien längst als ernst zu nehmende Stimmen in der politischen Kommunikation etabliert. Ende 2006 befanden sich unter den 100 populärsten US-amerikanischen Internetauftritten bereits 22 Blogs. Millionen Leser besuchen diese Blogs. Inzwischen beteiligen sich auch renommierte Politiker und bekannte Journalisten wie John Kerry oder Keith Olbermann an den Online geführten Diskursen. Berührungsängste haben diese Neu-Blogger nicht.

Eine im August 2007 vorgestellte Blogger-Leser-Befragung von politischen Weblogs belegt, dass es längst eine fruchtbare Interaktion zwischen klassischen und neuen Medien gibt, die auch dadurch genährt wird, dass man sich gegenseitig sehr kritisch betrachtet.

Untersucht wurden 150 politische Blogs hinsichtlich der Motivation ihrer Betreiber, der Rezeption ihrer Inhalte und der Mobilisierung von Lesern. Es zeigte sich, dass erst mit der Zunahme der Aufmerksamkeit aus der Motivation, die eigenen Argumente zu formulieren, der Wunsch entsteht, politischen Einfluss zu gewinnen.

Der Einfluss der Blogger
Die wachsende Aufmerksamkeit spiegelt sich in der Vergrößerung von Netzwerken, die wiederum dadurch auffallen, dass ihre Mitglieder vorwiegend gleiche Ansichten vertreten. Diese Netzwerke ermutigen weitere Gleichgesinnte zur Beteiligung und ziehen gleichgesinnte Leser an. Im Ergebnis gelingt es über diesen Effekt, tatsächlich Einfluss auf das politische Geschehen zu gewinnen.

Die Recherche für eine weitere Studie, die sich mit der wachsenden politischen Bedeutung von Blogs beschäftigt, begann schon Anfang 2006. Der Autor T. Neil Sroka von der George Washington University wählte eine ganz einfache Fragestellung: Wie und wie stark beeinflusst das Bloggen die Mitglieder des amerikanischen Kongresses?

Klassische Medien und Weblogs
Bei einer Umfrage in den Abgeordnetenbüros wurden im Repräsentantenhaus und im Senat Daten erhoben, wer, wie und wozu Blogs liest und unterhält. Außerdem wurde erfragt, in welcher Form die aus Blogs erhaltenen Informationen und Ansichten im politischen Willensbildungsprozess nutzbar gemacht werden. In der Studie ging es darum, aufzuzeigen, dass Blogs nicht ausschließlich über die Vermittlung durch die traditionellen Medien Eingang in legislative Prozesse erhalten.

Bei der grundsätzlichen Akzeptanz von Blogs ließen sich keine Unterschiede zwischen liberalen und konservativen Politikern beziehungsweise ihren Mitarbeitern belegen. Und auch die Angehörigen von Repräsentantenhaus und Senat unterschieden sich nicht nennenswert.

Hauptinformationsquellen blieben bei allen Befragten die klassischen Medien. Doch gerade ältere Mitarbeiter in leitenden Funktionen gaben überproportional häufig an, Blogs zu lesen: fast 95 Prozent im Vergleich mit nur 35 Prozent der – zumindest theoretisch - technikaffineren jüngeren Mitarbeiter.

Die eigenen Auffassungen
Mit großem Abstand vor anderen Blogs lag bei der Umfrage das populäre links-liberale Politik-Blog Daily Kos vor dem unparteiisch-satirischen Hauptstadt-Tratsch-Blog Wonkette und dem ebenfalls liberalen Blog Talking Points Memo.

Das erste konservative Blog Redstate lag auf Platz Sechs, gemeinsam mit dem ersten Blog eines klassischen Mediums. Trotzdem ließ sich auch bei dieser Umfrage der Cocooning-Effekt belegen, der für die gesamte Blogosphäre kennzeichnend ist: Es werden fast ausschließlich Blogs mit Auffassungen gelesen und verlinkt, die den eigenen Auffassungen entsprechen.

Entgegen der Intention der Blogger wurden Blogs im Vergleich mit Mainstream-Medien grundsätzlich als wesentlich unglaubwürdiger, parteilicher und unzuverlässiger eingestuft.

Watchdogs
Trotz dieser Zweifel werden Blogs von einer großen Mehrheit der Befragten als Watchdogs der klassischen Medien wahrgenommen. Bei der Frage, ob Blogs bei der Identifizierung aktueller politischer Probleme und Kontroversen nützlicher seien als herkömmliche Medien, erhielten die Mainstream-Medien den Vorzug.

Die Frage nach der Bedeutung von Blogs für die Identifizierung zukünftiger politischer Probleme und Debatten wurde von den Kongressangehörigen eindeutig beantwortet: Hier hätten Blogs den klassischen Medien längst den Rang abgelaufen haben. Blogs werden als Radar für die künftige politische Agenda genutzt – dies sei ihr wichtigstes politisches Potenzial.

Im Vergleich mit deutschen Verhältnissen werfen die Forschungsergebnisse aus den USA einige kritische Fragen auf. In den USA gibt es hunderte politische Blogs und abertausende politikaffine Blogger.

Die Problemzone der politischen Kultur ist in Deutschland sicher zu einem wesentlichen Teil die bereits recht verkapselte Blogosphäre, die nur noch schwer den Aufstieg neuer Blogs zulässt. Weitaus gravierender aber ist, dass es offensichtlich an politisch denkenden Protagonisten für Blogs mangelt. Es fehlt hierzulande ganz einfach an gleichermaßen internet- wie politkaffinen Menschen.