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Neues Nachrichtenportal «Zoomer»: 

Quark 2.0 mit reichlich Charme

21. Feb 2008 15:19
Alles so schön bunt hier: Zoomer.de
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Modern, meinungsfreudig, für ein junges Publikum, das mitdiskutieren will: So will «Zoomer.de» sein, Holtzbrincks neues Online-Medium. Maik Söhler hat es getestet.

Holtzbrincks neues, am Montag gestartetes Nachrichtenportal «Zoomer.de» hätte das Zeug, modernen Journalismus und die mittlerweile schon gar nicht mehr so neuen Standards des Web 2.0 miteinander zu verbinden: Wo Nachrichtenthemen und Multimedia sowie redaktioneller Sachverstand und Leserbeteiligung zusammenkommen, könnten die so oft kritisierten Grenzen von Medienproduzenten und Medienkonsumenten fallen. Im Idealfall ließen sich sogar Form und Inhalt annähern, weil Form im modernen Internet nicht mehr als statische Größe aufgefasst wird.

Um es ein wenig konkreter zu sagen: Auf «Zoomer.de» erstellen die Redakteure journalistische Inhalte - als Text, Film, Bild, Grafik oder Karte und manchmal auch in allen Formen nebeneinander. Die Leser bestimmen, welcher dieser Beiträge ihnen wichtig ist und legen damit auch fest, wo der Beitrag auf der Seite steht. Außerdem kommentieren und diskutieren sie, und die Redaktion wiederum arbeitet diese Meinungen und Äußerungen in die Artikel ein.

Die Debatten im Abspann bringen beide Gruppen zusammen, die Leser tauschen sich aus oder bekriegen sich, und der zuständige Redakteur mischt mal kräftig, mal sanft moderierend mit. Selbst die Chefin vom Dienst klinkt sich hier und da ein. Schöne interaktive «Zoomer»-Welt.

Kraut&Rüben 2.0

Allein: So wie sich das Ganze derzeit auf «Zoomer.de» darstellt, ähnelt es mehr einem Kraut- und Rübengarten 2.0 als einem modernen Nachrichtenportal mit Webcommunity-Funktionen. Irgendwelche Leute, die niemand kennt, präsentieren ihre Meinung mitten in einem Fließtext, der gerade erst angefangen hat.

Man liest also gerade in den Aufmacher vom Donnerstagmittag rein – der bei «Zoomer» Top-Thema 1 heißt und von den Leser-Mitmachern mit dem Wert 8,8 versehen wurde. Es geht um den Steuerskandal. Mit dem Thema «Deutsche Geldhäuser: Mehr als nur Beraterbanken» wurde ein spezifischer, sicher nicht uninteressanter Aspekt ausgewählt. Der Artikel ist zwar ein Gestoppel aus Agenturversatzstücken und Eigenrecherche, aber was soll's, macht ja mittlerweile fast jeder so.

Man liest also rein, erfährt, dass nun auch deutsche Banken unter Verdacht der Beihilfe zur Steuerhinterziehung stehen, vernimmt gerade das erste Experten-Statement und stellt sich auf weitere Informationen ein. Doch da poltert einen – nur ganz leicht grau abgehoben – irgendwer mit dem Namen The-Newsmen an: «Gerecht, dass die enttarnten Steuersünder mit Gefängnisstrafen zu rechnen haben, jeder Normalbürger kommt schon wegen weniger ins Gefängnis.»

Kommentar off - daneben ist ein Babybild zu sehen. Zurück zum Artikel, der aber schon kurze Zeit später erneut unterbrochen wird, diesmal von einem oli71, der auch nichts Substanzielles zum Thema zu sagen hat.

Meinung, aber wo?

Unter dem Beitrag hat gerade ein Robin Hood den 109ten Kommentar zum Thema verfasst. Es scheint nicht sein erster in diesem Forum zu sein, denn er gebraucht die Wendungen «wie gesagt» oder «Ich sage es noch mal».

Da ja nun offensichtlich alles schon gesagt ist, wendet man sich gerne von den oli71s, Robin Hoods und Newsmen ab und verpasst dabei fast das Beste: die neben dem Artikel stehende Leiste «Alles zum Thema», die einen wahrhaft schönen Leser-rundum-Versorgungsservice anbietet. Man klickt dann aber doch nicht drauf – wer weiß schon, ob einen von dort nicht wieder oli71 anspringt.

Nichts gegen oli71. Er hat wie viele Nutzer von «Zoomer» dort sein eigenes Profil, über das er seine Lieblingsnachrichten empfängt, sich mit seinen «Buddys» vernetzt und vielleicht auch mal die eine oder andere Nervensäge auf seine «Ignorierliste» setzt. Auch seine Meinung soll er sagen dürfen, aber bitte nicht mitten in einem journalistischen Beitrag. Wahrscheinlich würde auch er es hassen, wenn mitten in seinem Lieblingssong plötzlich Fans reinquatschten.

Charmant

Man müsste darauf eigentlich auch gar nicht so lange herumreiten. Doch genau diese seltsame, manchmal spannende, manchmal störende Verbindung von Redaktion und Leserschaft, diese punktuelle Aufhebung der Trennung von Medienproduzenten und -konsumenten ist ja das Alleinstellungsmerkmal für «Zoomer». Ihr ist die Unübersichtlichkeit auf der Startseite geschuldet und sicher auch die Angst, beim nächsten Klick wieder einmal vom belanglosesten User-Quark bedrängt und dabei auch noch geduzt zu werden.

Aus ihr resultiert aber auch der Charme der Seite. Sie ist lebensweltlich, praktisch, vernetzt, modern, offen und bildet damit in der Medienwelt ein gutes Gegengewicht zum beständig anwachsenden Netzhass so mancher Printmedien. Charmant ist «Zoomer» zweifellos. Aber Charme ist halt nicht alles.


 
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