Fußball-Turniere sind Chancen auf dem Medienmarkt:
Das nächste «Sommermärchen» auf Handy-TV
13. Feb 2008 09:05
 |  Das Flimmernde muss in das Eckige: Handy-TV über DVB-H | Foto: dpa |
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Fernsehen und Mobilfunk - das sollte doch zusammen passen, ist bislang aber immer gefloppt. Diesmal klappt es, meint
Jürgen Liebherr mit einem Blick auf den nächsten Anlauf zum Handy-TV in Deutschland.
Fußball-Großereignisse sind doch etwas Wunderbares. Nicht nur Sportfans jubeln – nein, auch große Elektronik-Konzerne haben bei so mancher Weltmeisterschaft Grund zur Freude. 1972 wurde beispielsweise in vielen Haushalten der olle SW-Fernseher gegen ein modernes Farbgerät ausgetauscht. Oder 2006, als die Nationalelf mit ihrem «Sommermärchen» den Absatz von Flachbildschirmen ankurbelte.
Fast vergessen oder verdrängt: Vor eben ziemlich genau zwei Jahren sollte dank der WM noch eine weitere technologische Innovation reüssieren – Fernsehen mit dem Handy. Vollmundig priesen Hersteller, Netzbetreiber und Journalisten das Potenzial von Handy-TV an. Überall, unterwegs an der Bushaltestelle fernsehen, kein Fußballspiel verpassen …Die Realität war eher ernüchternd. Stichworte hierzu: nur lauer Testbetrieb in wenigen Städten, schlechte Übertragungsraten, kaum brauchbare Handys, wenige Programme, hohe Kosten.
Fünf Euro pro Monat
Doch jetzt soll alles besser werden. Pünktlich zur Fußball-EM 2008 in Österreich und der Schweiz könnte endlich ein reibungsloser Betrieb des mobilen Fernsehens erfolgen. Sagt man. Die ersten Voraussetzungen sind bereits gegeben: Neben dem relativ erfolglosen Übertragungsstandard DMB (siehe Kasten) soll dann auch die viel versprechende DVB-H Technik (siehe Kasten) etabliert sein.
Stichwort: Handy-TVUnter Handy-TV versteht man den Empfang eines bewegten Bild-Ton-Signals (Fernsehprogramm) über ein Mobilfunkgerät. "Fernsehen mit dem Handy" gibt es seit Mitte 2006. Via der schnellen UMTS/HSDPA-Übertragung gingen Vodafone, T-Mobile und O2 pünktlich zur WM an den Start. Als Stream kamen diverse Sendungen (Sport-Shows, "Verliebt in Berlin"-Folgen) aufs Handydisplay. Streng genommen ist das jedoch kein Fernsehen; denn kaum eine der Sendungen wird beim UMTS-Prinzip zeitgleich mit dem TV-Programm "ausgestrahlt". Der Großteil des Programms besteht aus vorher aufgezeichneten Videos. |
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Nach einem Beschluss der Landesmedienanstalten wurde nämlich nach zähem Ringen «Mobile 3.0» als Plattformbetreiber für mobiles Fernsehen im Standard DVB-H empfohlen. Damit hatte das Joint Venture von MFD Mobiles Fernsehen Deutschland GmbH und NEVA Media GmbH (Burda, Holtzbrinck) die Konkurrenz der Mobilfunkbetreiber ausgestochen.Programmvereinbarungen mit den öffentlich-rechtlichen Programmanbietern ARD und ZDF sowie mit RTL und ProSiebenSat.1 seien bereits beschlossen, heißt es in einer Mitte Januar veröffentlichten Presseerklärung des Mobile 3.0-Konsortiums. Nutzer müssten mit Kosten von etwa fünf Euro monatlich rechnen. Der Startschuss für DVB-H scheint somit gefallen.
Logistische Leistungen
Allerdings gibt es weitere Hürden bis zum Zieleinlauf Juni 2008. Erstens muss ein umfassendes und leistungsfähiges neues Sendenetz aufgebaut werden. Neben ganz neuen Sendemasten – die Verhandlungen über den Auftrag an die ehemalige Telekom-Tochter Media-Broadcast GmbH laufen noch -, braucht es auch eine Sendezentrum, von dem das Kernsignal ausgestrahlt werden soll.
Stichwort: DMB - Digital Multimedia BroadcastDMB ist im Prinzip eine Weiterentwicklung des digitalen Radiostandards DAB. Seit 2005 nutzen die Vorreiter Südkorea und China den digitalen Übertragungsstandard erfolgreich. In Deutschland wurde DMB zur WM 2006 vom Provider Debitel eingeführt. In fünf deutschen Großstädten konnten zahlungswillige Kunden vier TV-Programme empfangen, heute gibt es in 16 Ballungsräumen fünf empfangbare Programme. Nachteil: Die geringe Bandbreite beschränkt (momentan) die Senderanzahl. |
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Dass sich solche logistischen Leistungen nicht von heute auf morgen bewerkstelligen lassen dürfte klar sein. Daher scheint es umso klüger, nur die 16 deutschen Landeshauptstädte als erstes Ziel einer geplanten Netz-Abdeckung ins Visier zu nehmen.
The Big Four
Die zweite Hürde ist fast noch brisanter: Selbst wenn das Netz innerhalb von drei bis vier Monate fertig aufgebaut wäre – wie kann es der gemeine Handybesitzer nutzen? Schließlich steckt der Großteil der Mobilfunk-Kundschaft in Verträgen mit den Big Four Vodafone, O2, T-Mobile und E-Plus. Und ob die nach der Niederlage um die DVB-H-Lizenzen bereit sind ohne Zicken und Murren mitzumachen, ist mehr als unklar.
Zum Teil haben die Telekom-Carrier ja sogar ein Parallel-Handy-TV-Universum aufgebaut. Über UMTS-Dienste können manche Kunden schon diverse Video-On-Demand-Sendungen empfangen (siehe Kasten). Doch ist das noch kein echtes Fernsehen. Daher bemüht man sich in allen Lagern redlich.«Wie evaluieren derzeit zukünftige Möglichkeiten der Umsetzung», heißt es beispielsweise im unverbindlichen Pressesprecherdeutsch von O2. Vodafone scheint für alle Fälle noch weitere Alternativen auszuloten: Zur Cebit 2008, Anfang März wird das Unternehmen «eine neue DVB-T-Lösung für das Handy als technisches Pilotprojekt» vorstellen. Wohlgemerkt DVB-T – also der Standard, der jetzt schon im Bereich des terrestrischen Digitalfernsehens gilt.
Stichwort: DVB-H - Digital Video Broadcasting-HandheldDigitaler Empfang von Fernseh- und Hörfunkprogrammen ist durch die Verbreitung von DVB-T (terrestrischer TV-Empfang) bekannt. DVB-H gilt als technische Weiterentwicklung dieses Standards mit demselben Frequenzbereich. Das "H" steht für Handhelds und soll den mobilen Charakter unterstreichen. In Deutschland wurde zur IFA 2005 ein erster DVB-H Testlauf in Berlin durchgeführt. Eine offizielle Einführung des Übertragungsstandards sollte zur Fußball-WM 2006 erfolgen; es blieb aber bei einem Pilotversuch. Abstimmungsprobleme und rechtliche Schranken scheinen jetzt mit der Lizenzvergabe an Mobile 3.0 ausgeräumt. Der Weg für ein umfassendes Handy-TV mit bis zu 24 Kanälen ist geebnet. |
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Erfahrung in anderen Ländern
Die dritte und letzte Hürde scheint nicht ganz so hoch zu liegen: Zwar gibt es im Moment auf dem deutschen Markt kaum DVB-H-fähige Handys (außer beispielsweise dem bereits 2006 zur WM herausgebrachten Nokia N92); doch alle großen Hersteller stehen bereits in den Startlöchern. Schließlich verfügt man in anderen Ländern bereits über genügend Erfahrung mit DVB-H.
So läuft mobiles Fernsehen in Italien schon seit Mitte 2006 erfolgreich. Entsprechende Geräte sind also längst entwickelt oder werden mit ziemlicher Sicherheit spätestens zur Jahresmitte ganz neu fertig gestellt werden. Pünktlich zur Fachmesse Mobile World Congress wurde nun schon das DVB-H-fähige Nokia N96 vorgestellt. Die weltgrößte Mobilfunkmesse könnte so gesehen zum Kick-off für boomendes Handy-TV werden. Wird also doch noch alles gut werden?¬ Dann steht ja einem «Sommermärchen 2.0» bei der EM 2008 ja nichts mehr im Wege! Zumindest auf dem Handy.