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Online fragen, offline antworten: Demokraten stellen sich Youtube-Usern (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Online fragen, offline antworten: Demokraten stellen sich Youtube-Usern
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Gerüchte, fiese Kampagnen, direkter Schlagabtausch: Für die US-Vorwahlen ist das Internet ein wichtiges Medium. Doch das ist nicht immer nur ein Segen für die Kandidaten, meint Stefan Wirner .

Barack Obama sah sich veranlasst zu handeln. Am 22. Januar lancierte der demokratische Präsidentschaftsbewerber eine Gegenoffensive, wie das Technologiemagazin «Wired» berichtete. Zuvor waren E-Mail-Kettenbriefe aufgetaucht, in denen behauptet wurde, Obama sei ein heimlicher Moslem, der auf einer islamistischen Schule in Indonesien gewesen sei und bei seinem Amtseid als Senator von Illinois auf den Koran geschworen habe.

Also richtete sein Kampagnenbüro unter dem Motto «Fact Check» eine Unterseite auf der Homepage ein. Dort wird Gerüchten, aber auch Behauptungen von Kontrahenten wie Hillary Clinton widersprochen. Obamas Unterstützer können private E-Mail-Adressen eingeben, per Klick werden an diese dann Richtigstellungen zu den Gerüchten versandt.

Der ehemalige Präsidentschaftskandidat John Kerry unterstützt Obama bei der Aktion. Auch über ihn waren im Wahlkampf 2004 Internetgerüchte verbreitet worden. Nun fordert Kerry Obamas Unterstützer auf, «die Wahrheit zu E-mailen».

Obama führt online
Die Episode zeigt, dass das Internet nicht nur positive Auswirkungen auf den Wahlkampf der Präsidentschaftskandidaten hat. Das Netz ist nach wie vor auch ein Hort von Gerüchten und Verschwörungstheorien. Wollte ein Kandidat auf alle diese Unterstellungen und Halbwahrheiten antworten, bliebe ihm nicht viel Zeit für seine eigene Kampagne. Widerspricht er, wird das Gerücht aufgewertet. Widerspricht er nicht, gibt auch das wieder Anlass zu Spekulationen.

Dennoch machen sich alle Bewerber das Internet zunutze. Obama gilt dabei als der Erfolgreichste. Er ist fast überall vertreten: auf Myspace, Youtube, Flickr, Facebook, also in den großen sozialen Netzwerken und den Video- und Fotoplattformen. Er nutzt sie für die Organisation von Veranstaltungen, um Spenden zu sammeln - etwa per Telefonbanking -, und er attackiert dort Rivalen. Ein Gründer von Facebook, Chris Hughes, gehört zu seinen Beratern.

Auch die Republikaner tummeln sich im Web 2.0. Der Bewerber John McCain etwa hat seine Kampagne gerade noch einmal angereichert und greift in Youtube-Videos seinen republikanischen Kontrahenten Mitt Romney an. In einer Collage zeigt er ihn als Segler, eine sonore Stimme sagt dazu, Romney ändere seine Meinung «wie der Wind die Richtung». In einer anderen Montage stilisiert sich McCain zum «Alptraum der Demokraten» – zusammengeschnittene Äußerungen von demokratischen Politikern liefern eine etwas bemühte, republikanische Satire zu den Primaries.

Der Einfluss des Netzes
Dabei ist völlig unklar, wie groß der Einfluss des Internets auf den Ausgang der Wahlen wirklich ist. Das zeigt auch die Geschichte des Bewerbers Howard Dean von der Demokratischen Partei im Jahr 2004. Er war zunächst nur ein Außenseiter gewesen, hatte sich aber über das Internet zum Überraschungskandidaten gemausert.

Sein Clou: Er heuerte damals den Weblogger Mathew Gross an, der mit dem «Blog for America» Deans Kampagne den richtigen Schub verlieh. Am Ende aber blieb Dean doch nur der dritte Platz im Wettbewerb um die Kandidatur. Trotz des großen Medienechos auf seine Internetkampagne zog John Kerry an ihm vorbei – und gegen George W. Bush in den Wahlkampf. Online gewinnen ist schön und gut, am Ende aber zählen die abgegebenen Stimmen.

Gesichert ist nur, dass das Internet vor allem unter den Jüngeren eine größere Rolle spielt als jemals zuvor. Das Magazin «Technewsworld» berichtet von einer Untersuchung, die das Institut für Politik, Demokratie und Internet an der George-Washington-Universität in Washington D.C. im Dezember durchgeführt hat. 42 Prozent der Befragten im Alter von 18 bis 29 Jahren gaben an, sich regelmäßig im Internet über die Wahlkampagnen zu informieren. Im Jahr 2004 waren es lediglich 20 Prozent.

Internet und Medien
Hauptsächlich informieren sich die Internetuser aller Altersschichten jedoch über die Seiten bekannter Medien, wie etwa beim Sender MSNBC, der von 26 Prozent genannt wurde, oder bei CNN (23 Prozent). Über Myspace und Youtube machen sich gerademal drei bzw. zwei Prozent schlau. Allerdings gilt: Je jünger die Leute sind, desto mehr machen sich über die Netzwerke kundig.

Der Einfluss des Fernsehens ist nach wie vor um einiges größer als der des Internets. Selbst die groß inszenierten Youtube-Debatten vom Ende des vergangenen Jahres wurden letztlich zu Fernsehdebatten: Sie wurden auf CNN live übertragen, und darüber, ob die von Youtube-Mitgliedern eingesandten Fragen den Kandidaten überhaupt gestellt wurden, entschieden die Fernsehleute.

Von den herkömmlichen Medien wurde die Zusammenarbeit von Fernsehen und Internet überschwenglich gefeiert. Die «Washington Post» nannte die Youtube-Debatte die «geistreichste des Wahlkampfs». Nur in der Internet-Community machte sich eine gewisse Enttäuschung breit. Das freiheitliche Element des Internets war im Fernsehrummel verloren gegangen.

Netzaffinität
Zweifellos ist es wichtig, als Kandidat internetaffin zu wirken. Erfolgsmeldung über den eigenen Internetauftritt sind selbst schon ein Erfolg. Aus diesem Grund wendet das Team von Hillary Clinton zu Marktforschungszwecken die Methode «Candidate Face Time» an. Dabei wird nicht die Zahl der Klicks auf einer Homepage gemessen, sondern die Zeit, die der User auf der Seite verbringt. Das soll bessere Rückschlüsse auf die Wahrnehmung des Angebots zulassen.

Im vorigen Jahr kam eine Untersuchung zum Ergebnis, dass Ron Paul von den Republikanern mit 252.286 Stunden bzw. 87 Prozent der Gesamtzeit, in der sich Wähler mit den Online-Angeboten der Kandidaten beschäftigten, die Konkurrenz hinter sich ließ. Er lag weit vor Clinton und Obama. Was aber bedeutet das, wenn man bedenkt, dass Paul in den Primaries bisher kaum eine Rolle gespielt hat? Sind seine Anhänger einfach langsamer im Internet und deshalb länger auf seiner Seite?

Klicks oder Netzwerke?
Womöglich geht es gar nicht um «Traffic», um die Zahl der Klicks und der Besucher einer Website. Wichtig ist die Vernetzung, wie der amerikanische Journalist und Gründer des Weblogs «Buzzmachine», Jeff Jarvis, meint. Er weist darauf hin, dass Obama nicht nur «eine riesige Menge Geld» durch Internetspenden erhalten habe, sondern dass das Geld auch von «einer riesigen Menge von Leuten» gespendet worden sei.

Obama habe auf diese Art viele Anhänger gefunden, die eine Art «Kapitalbeteiligung» an seiner Kampagne erstanden hätten. Und wer beteiligt ist, kümmert sich um weitere Vernetzungen, um seiner Beteiligung zum Erfolg zu verhelfen.

Der in den USA bekannte Blogger Mark Hanson meint, wichtiger als die Interaktion zwischen der Kampagne und dem Unterstützer sei die Interaktion zwischen den Unterstützern selbst. Es gehe darum, dass diese sich austauschten und gegenseitig befruchteten, was in der Welt der neuen Medien entscheidend sei.

Freiheit des Netzes
Die Welt der neuen Medien: Auf keinen Fall sollte ein Kandidat gegen ihre Gesetze verstoßen. Die Internet-Community schätzt zum Beispiel die Tatsache, dass Zensur und Einschränkungen im Netz oft nicht greifen und umgangen werden können. Wie wichtig das vielen ist, musste Obama erfahren, als er gegen eine Myspace-Seite vorgehen wollte, die seinen Namen verwandte. Dafür bekam er eine Menge schlechter Reaktionen, wie der «Christian Science Monitor» berichtet. Denn auch die Fakes und inoffiziellen Fanseiten erfreuen sich großer Beliebtheit.

Es ist sowieso erstaunlich, dass große Teile der Community sich derart leicht von den Kandidaten einfangen lassen. 237.116 Freunde hatte Obama am Montagabend auf Myspace, Hillary Clinton brachte es auf 169.924. Ein Test der Netzeitung ergab, dass es bei beiden ungefähr eineinhalb Stunden dauert, um als Freund hinzugefügt zu werden. Die Profile des Anfragenden überprüfen die Kampagnenbüros der Kandidaten dabei nachweislich nicht.

Also könnte sich genauso gut der Vorsitzende der NPD adden lassen - oder gar George W. Bush, wenn er eine Myspace-Seite hätte. Was das mit sozialen Netzwerken zu tun hat? Vielleicht macht es ja irgendwann «Klick» bei dem einen oder der anderen.