Peinliches online: «Da ist kein Entfernen-Knopf»
30.01.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Lange hieß es, da könne man eben nichts machen. Was einmal im Netz stehe, bekomme man so leicht nicht wieder heraus. Der US-amerikanische Jurist und Geschäftsmann Michael Fertik widerspricht solchen Aussagen vehement. Er hat im Herbst des Jahres 2006 Reputation Defender gegründet und steht ihm seither als CEO (Chief Executive Officer) vor. Der Online-Dienst bietet seinen Kunden gegen Bezahlung an, missliebige Einträge über die eigene Person wieder aus dem Internet zu entfernen
Netzeitung: Mr. Fertik wie viele Menschen nutzen Ihren Dienst derzeit?
Fertik: In den USA sind es momentan 4000 Kunden, in Deutschland 500. Deutschland ist damit unser zweitgrößter Markt und er wächst weiter an. Aber wir wollen vier Millionen Kunden.
Netzeitung: Sind Sie ein Ego-Googler?
Fertik: Nein, das bin ich nicht. Die Suche im Internet ist mein Job. Aber ich glaube, dass viele andere Ego-Googler sind.
Netzeitung: Welche Unterschiede sehen Sie zwischen der Netznutzung der Deutschen und der US-Amerikaner?
Fertik: Richtig klare Unterschiede kann ich momentan nicht benennen, höchstens Ansätze. Es scheint, als seien die Deutschen ein wenig sensibler als die US-Amerikaner, wenn es um private Daten wie Adressen und Telefonnummern geht.
Man kann auch sagen, dass wir in den USA sehr unterschiedliche Kunden haben die Hälfte sind Männer, die andere Hälfte Frauen, Geschäftsleute, aber auch Angestellte. In Deutschland sind es bisher überwiegend Geschäftsleute und deutlich mehr Männer als Frauen.
Netzeitung: Wie sieht es mit Ihrem Angebot in anderen europäischen Ländern aus?
Fertik: Vor allem die Niederländer mögen uns. Wir haben dort viele Kunden, obwohl es noch keine niederländische Seite gibt. Wir haben eine französische Website, aber mehr Kunden in den Niederlanden als in Frankreich. Und natürlich sind wir in Großbritannien präsent.
Fertik: Im Frühling des Jahres 2006 las ich etwas über junge Leute, die zur Schule gehen. Sie machen sich manchmal gegenseitig schlecht. Das haben sie schon immer getan. Neu war, dass sie nun auch im Internet dummes Zeug über die anderen veröffentlichten.
Im Internet ist das anders. Dort veröffentlichte Texte und Bilder bleiben dauerhaft erhalten. Damit habe ich mich unwohl gefühlt und mich gefragt, wie sich das wohl ändern lässt. Eine erste Antwort bestand in der Erkenntnis, dass es um Technik und Recht geht. Von beidem verstehe ich was.
Netzeitung: Anfangs war Reputation Defender nur für Eltern gedacht, die den Ruf ihrer Kinder im Netz schützen wollten. Das hat sich schnell geändert.
Fertik: Ja. Die Ironie an der Geschichte ist, dass Reputation Defender genau für solche Fälle sehr sinnvoll ist. Man kann damit aber kaum Geld verdienen zumindest nicht ohne einen größeren Marketing-Aufwand.
Wir haben die Seite im Oktober 2006 gestartet und gleich hat die Presse darauf reagiert. Sie interessierte sich für die Technik, die berufliche und die persönliche Reputation. Leider hat nichts davon mit Kindern zu tun.
Fertik: Beinahe jeder.
Netzeitung: Also auch irgendwelche zwielichtigen Gestalten, über deren Treiben in Weblogs und Foren aufgeklärt wird?
Fertik: Als wir die Seite gründeten, haben wir über dieses Problem nicht nachgedacht. Heute wissen wir, wie wir damit umzugehen haben.
Kriminelle, die an uns herantreten und uns bitten einen Zeitungsartikel oder etwas, das die Behörden ins Netz gestellt haben, von dort zu entfernen, werden von uns nicht bedient. Wir könnten das gar nicht entfernen und wir wollen das auch nicht. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, Verbrechen zu verbergen.
Netzeitung: Bei Verbrechen ist das eindeutig. Schwieriger aber dürfte es in der Grauzone von Legalität und Betrug werden.
Fertik: Sie haben Recht. Wenn jemand keine Vorstrafe hat, keine Akte bei der Polizei oder den Gerichten, dann wird es komplexer. Das ist bisher selten eingetreten, in Deutschland noch gar nicht, in den USA ein paar mal. Wenn wir vermuten, dass es sich um einen solchen Fall handelt, dann sind unsere Recherche-Künste gefragt. Stoßen wir da auf Unklarheiten, dann lehnen wir den Auftrag eben ab.
Fertik: Die Suche wird von technologischer, das Entfernen von menschlicher Arbeit geprägt. Wir verwenden Suchmaschinen wir haben zwei eigene Patente -, verknüpfen und kumulieren Schlüsselbegriffe und analysieren die Ergebnisse; wir sprechen dabei von rekursiver Technologie. Sie liefert weitaus bessere Ergebnisse als einfache Suchmaschinenanfragen. Das alles schicken wir anschließend unserem Kunden. Er oder sie sucht dann heraus, was nach Möglichkeit entfernt werden soll.
Netzeitung: Wie genau geht das mit dem Entfernen von Inhalten vor sich?
Fertik: Das fragen immer alle und vermuten ein großes Geheimnis. Da ist aber keins. Klar, es gibt nicht einfach einen «Entfernen-Knopf». Das erste, was wir tun, ist: fragen. Wir fragen die Betreiber der Seite, auf der sich etwas befindet, was entfernt werden soll, ob sie es bitte entfernen würden. Und manchmal sagt der Betreiber einfach: «Ja kein Problem».
Manchmal sagt er «Nein». Dann wird es schwieriger und man verhandelt. Der Betreiber sagt etwa: «Ich nehme das runter, wenn Ihr Kunde sich bei mir entschuldigt. Denn er hat zu Weihnachten etwas sehr Dummes über meine Frau gesagt.» Es kommt vor, dass sich unser Kunde dann entschuldigt. Und es kommt vor, dass er das nicht tut. Dann muss man weiterverhandeln.
Fertik: Dann müssen wir unserem Kunden entweder sein Geld zurückgeben oder ein wenig aggressiver werden. Man kann die Werbekunden des Seitenbetreibers informieren oder einen Anwalt einschreiten lassen. Wir versuchen, das zu vermeiden.
Denn genau dort endet unser Auftrag damit hat Reputation Defender selbst nichts mehr zu tun. Wir können dem Kunden einen Anwalt empfehlen, seine Dienste in Anspruch nehmen aber muss er selbst. Wir verdienen nichts daran und haben nichts davon. Wir hatten aber erst fünf oder sechs solcher Fälle
Netzeitung: Funktioniert ihre Arbeit auch bei Seitenbetreibern, die zwar Inhalte auf Deutsch oder Englisch veröffentlichen, ihren Standort aber in Russland oder China haben?
Interview: Maik Söhler

