Soziale Netze: Datenklau so einfach wie nie
Was aber treibt die Internet-Nutzer zu dieser Art von «digitalem Exhibitionismus»? Speck und seine Studenten haben die Kommunikation in den Netzen mit Hilfe von Software-Agenten und «Crawlern» zu erfassen versucht - das sind Programme, die auf die Seiten dieser Communities vordringen und die Inhalte auswerten. «Wir stellen fest, dass da unheimlich viel offen liegt», sagt Speck.
Bislang sind es meist Jugendliche und junge Erwachsene bis etwa 35, die die Mehrheit der Community-Mitglieder ausmachen. Es gebe aber Bestrebungen, die Altersgruppe nach oben zu erweitern, sagt Speck. Die soziale Interaktion in den Social Networks kreist nach seinen Erkenntnissen immer wieder um die gleichen Dinge.
Erstens: Unterhaltung - von Musik bis zu Stars und Sternchen. Zweitens: die gesellschaftlich geteilte Schadenfreude nach dem Motto «Pleiten, Pech und Pannen». Drittens: Flirten und sexuelle Beziehungen. Dabei kommen Männer direkter auf den Punkt als Frauen, die dies hinter anderen Interessen verstecken.
Da die Technik der Webseiten nicht besonders aufwendig sei, liege der eigentliche Reichtum in den Nutzern und ihren Daten, erklärt Speck. Bei den großen Plattformen in den USA lasse sich aus den getätigten Investitionen für die Social Networks der Wert eines einzelnen Nutzers auf einen Betrag von 20 bis 22 Dollar (14 bis 15 Euro) schätzen.
Der Gegenwert, den die Nutzer liefern sollen, wird vor allem in der Werbung gesehen. Neben der klassischen Bannerwerbung auf den eigenen Seiten versuchen die Betreiber der sozialen Netzwerke nach Darstellung Specks, in andere Dienste wie SMS-Werbung oder E-Mail vorzudringen. Um die Werbe-Zielgruppen immer feiner zu erfassen, werde auch untersucht, wer mit welchem Profil mit wem kommuniziere. «Je tiefer die Vernetzung, desto dichter werden die Informationen», erklärt Speck.
Der Wissenschaftler kritisiert, dass die Daten so behandelt würden, als gehörten sie nicht dem Nutzer, sondern den sozialen Netzwerken. Selbst wenn es die Möglichkeit gebe, einen Account zu löschen, blieben die Daten vielfach weiter bestehen. Und über die beliebten Mini-Anwendungen zur Integration in die eigene Profilseite erhielten auch die Entwickler dieser Applikationen einen Zugang zu den persönlichen Daten. «Da weiß man dann gar nicht, wer dahinter steckt.»
Das Projekt bemühe sich um die «Datenportabilität» zwischen den kommerziellen Projektpartnern und unterstütze die Interaktionen zwischen einzelnen Communities, versage jedoch komplett bei der Interessenswahrnehmung der Nutzer in Hinblick auf informationelle Selbstbestimmung und einem verbesserten Schutz der Privatssphäre.
Um die zahlreichen offenen Fragen nach der Verantwortung für die Millionen von persönlichen Daten zu klären, schlägt Speck einen Verhaltenskodex für soziale Netzwerke vor. Für die gemeinsame Entwicklung von ethischen Grundsätzen will er neben Datenschützern auch die Betreiber der Communities gewinnen und hofft, schon in wenigen Monaten eine entsprechende Initiative vorstellen zu können.
Wie einfach es ist, in einer Online-Community an persönliche Daten von Unbekannten zu kommen, hat Sophos nach eigenen Angaben mit einem einfachen Experiment nachgewiesen: Unter dem Pseudonym «Natalie» wurde ein Profil in einem deutschsprachigen Netzwerk erstellt, inklusive Foto einer leicht bekleideten jungen Frau sowie einigen Angaben zu persönlichen Interessen und Vorlieben.
Ziel des Versuchs sei es gewesen herauszufinden, was innerhalb von fünf Minuten ohne eigenes Zutun mit einem solchen Profil passiere, erklärt Sophos. Die fingierte Single-Frau erhielt 19 sofort bestätigte Kontakte, 27 E-Mails mit Kontaktanfragen sowie 48 Nachrichten und damit freien Zugang zu den persönlichen Daten anderer Mitglieder, wie zum Beispiel Adresse, Alter, Instant-Messenger-Namen und persönliche Interessen.
