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Lupe 2015: Ein Tag im Leben des digitalen Bürgers

Mit dem TV ins Internet, mit der Spielekonsole telefonieren und das Auto braucht keinen Fahrer: So sieht 2015 der Alltag aus - wenn es nach den Entwicklern auf der US-Elektronikmesse CES geht. Maik Söhler sieht in die Zukunft - Teil 1.

Die Consumer Electronics Show (CES) ist nicht einfach nur eine oder, wie Amerikaner sagen, die Elektronikmesse. Sie ist ein weicher Sessel oder ein Bett. Ein Ort also, an dem viele Menschen ins Träumen geraten. Hier träumen Technik-Entwickler von Geräten, die alles bisherige und noch viel mehr Neues zusammenführen; Manager fantasieren von Kunden, denen nie das Geld ausgeht und die das alles kaufen; die Kundschaft selbst wiederum berieselt sich an Vorstellungen einer digitalen Zukunft, die den Alltag leichter macht.

Dieser Tage ist aus Las Vegas, wo die CES gerade stattfindet, viel zu hören über das, was angeblich in den nächsten Jahren auf uns zukommt. Intel steigt ins Chipgeschäft für Fernseher ein, weil man glaubt, dass Computer und Fernseher demnächst eins sein werden. Microsoft stellt ein Gerät vor, das nicht nur den Weg durch die Stadt weist, sondern auch Restaurantführer, Shopping-Guide und Kontaktbörse ist. Ist das dann noch ein Navigator? Schon macht der Begriff Weltscanner die Runde. Mit der Spielekonsole wird man bald telefonieren können, das iPhone 2 soll demnächst kommen, Autos brauchen keinen Fahrer mehr.

Manches davon steht kurz vor der Markteinführung, das meiste aber besteht bisher aus bloßen Fantasien, oder anders gesagt: Träumen. Bündeln wir diese Träume doch einfach mal zu einem einzigen Traum und tun so, als sei dieser Traum in nicht allzu ferner Zeit Realität. Vielleicht im Jahr 2010. Nein, das ist zu nah. 2020? Zu fern. Nehmen wir doch 2015.

Morgens
Es ist sieben Uhr 30 und Lukas P. wird von seinem iPhone 7.2 geweckt. Lange hat es gedauert bis Apple nach immer neuen Multimedia-Ausweitungen, einem Tsunami an Widgets und dem so genannten Wlan-Anpassungskrieg von 2011 auch wieder die einfachen Funktionen in das immer kleiner werdende Gerät integriert hat. Die iPhone-Generationen 5.3 bis 6.2 kannten weder Weckfunktion noch Adressbuch; mit dem Modell 5.4 konnte man nicht mal mehr telefonieren.

Lukas wacht auf und ärgert sich gleich: Darüber, dass er immer noch nicht das Geld für Apples neues iNet zusammenhat und stattdessen dieser Technik-Dino vor sich hin fiept. Er aktiviert vom iPhone aus die Kaffeemaschine und ärgert sich erneut. Mit dem iNet könnte er auch schon die Dusche anstellen, die Wassertemperatur regulieren und das Handtuch vorwärmen lassen. Denn das iNet verbindet ja Fernsehen, Internet, Auto- und Wohnungstechnologie, es ist Haustürschlüssel, Navigationsgerät, Glotze und Veranstaltungskalender in einem.

So aber beginnt der Tag wie jeder andere. Mit einem schlechten Kaffee, einer zu kalten Dusche und danach einem miesen Fernsehprogramm – nicht mal GoogleTV und auch nicht die 32 Youtube-Spartenkanäle haben daran etwas geändert. Schnell werden via TV die Mails gecheckt und kurz die neuesten Nachrichten der halbwegs kritischen Internet-News-Portale halb sichtbar hinter Tagesschau.de gelegt, um vergleichen zu können, was der Nachrichten-Quasi-Monopolist mal wieder verschweigt.

Zur Arbeit
Lukas arbeitet als sogenannter freier Kulturanalytiker für einen E-Book-Verlag. Die Geschäfte gehen nicht besonders gut – trotz der guten Voraussagen für dieses Jahr, im selben euphorischen Ton gehalten wie die der letzten zehn Jahre. Zum Zusammenbruch der Branche kam es nur deshalb nicht, weil immer mehr Zeitungen und Magazine ihren Kulturteil an die E-Book-Verlage ausgelagert haben. Deswegen ist sein Job sicher – so sicher halt, wie die Arbeit von Freien nun mal sein kann. Und andere Jobs gibt es nicht mehr.

Der Weg zu seinem Arbeitsplatz am Berliner Alexa-Platz umfasst 20 Kilometer, 20 Kilometer, die sich Lukas in einige E-Papers vertiefen kann oder ein wenig auf der portablen Wii-Connect spielen und dabei auch noch über dieses Gerät telefonieren kann. Wenigstens die Navigate&Drive-Robot-Einheit in seinem Hybrid-Biomethan-Firmenwagen ist auf der Höhe der Zeit, nur beim Einparken muss man ihr noch helfen.

Rein ins Büro, und erstmal Ärger. Die Chefin winkt mit einem ausgedruckten Protokoll, aus dem angeblich hervorgehen soll, dass Lukas gestern den Messenger-Stream des Unternehmens zweimal zu privaten Zwecken benutzt haben soll. «Das ziehe ich Ihnen vom E-Punkte-Honorar ab!», schreit sie. «Warum nur», denkt sich Lukas, «muss ausgerechnet ich unter einer der letzten Vertreterinnen der Papier-Generation arbeiten. Eigentlich müsste man sie mal wegen Verschwendung von Firmeneigentum zur Rede stellen. Schließlich kostet Tinte so viel wie Benzin in den nuller Jahren.» Er macht sich an die Arbeit.

Er hat einen stressigen Tag vor sich. Alle jemals von Günter Grass auf Bändern oder elektronisch festgehaltenen Worte werden derzeit via Spracherkennungssoftware für ein neues E-Book aufbereitet. Die Software arbeitet leider noch nicht ideal, immer wieder muss er selbst überprüfen, ob ihre Ergebnisse den tatsächlich von Grass gesprochenen Passagen entsprechen. Warum nur hat dieser Mann stets so schrecklich viel reden müssen?

Mittag
Via Messenger-Stream bestellt Lukas sein Mittagessen in der elektronischen Kantine, er kann zwischen einem laktoenergetischen und einem biodynamischen Hauptgericht wählen. Gerne würde er danach eine seiner seit zwei Jahren gebunkerten Zigaretten rauchen. Aber die mit Wärme- und Rauchsensoren ausgestatteten E-Kameras, die automatisch Verstöße gegen das seit 2013 bestehende totale Rauchverbot aufzeichnen und ans Amt weiterleiten, lassen ihn diesen Wunsch schnell wieder unterdrücken.

Stattdessen erinnert ihn der Bionik-Cache in seinem PC, einem veralteten Microsoft Surface-Modell mit Touchscreen, aber nur mit rudimentären Sprachfunktionen, an die obligatorische Freitags-Firmen-Yoga-Einheit. Oh no! Seit die neue Yoga-Lehrerin dabei einen Body-Screening-Taser einsetzt, kann man nicht mal mehr ein kleines Verdauungsschläfchen halten.

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